Das Buch als Vogel, das Buch als Mauer, das Buch als Wurst: Die Ausstellung „Bibliomania“ im Kunstmuseum Villa Zanders zeigt Werke, die Einzelexemplare des Kulturguts in Malerei oder Skulptur verwandeln. So ergeben sich immer wieder völlig neue, überraschende Lektüren.

Wir sind in lektürelosen Haushalten groß geworden: Keiner unserer mit 14 aus der Volksschule in die Lehre gespülten sechs Elternteile hat je ein Buch gelesen.

Trotzdem gab es Bücher, sogar Romane, im Wohnzimmer: und zwar genauso viele, wie in die beleuchteten Nischen der Eichenschrankwand passten. Wir wissen bis heute nicht, wie sie da hingekommen sind.

Die Bücher hatten dieselbe dekorative Funktion wie die hohlen Blindbände in den Möbelhäusern des Sauerlands, die wir mit unseren Eltern immer wieder mal besuchten. Aber im Unterschied zu diesen hatten sie bedruckte Seiten.

So machten uns die Eltern in der Pubertät ungewollt zu belletristischen Rebellen: Einmal aus der Nische gezogen, wurden Thomas Manns „Buddenbrocks“ oder Stefan Zweigs „Marie Antoinette“ zu trojanischen Pferden, aus denen sich fremden Welten ergossen. Es war ein Akt der Befreiung: für uns, aber natürlich auch für die Bücher.

Bücher entzücken uns schon als Körper

Durch das offene Tor der Lektüren schritten wir später wirklich in die weite Welt. Ohne das süße Sprachgift von Kafka, Cortàzar, Nabokov oder Robert Walser hätten wir das Sauerland sicher nie verlassen.

Dieser erzieherischen Rolle verdanken wir wohl auch die Liebe zum einzelnen, uns prägenden Exemplar. Für uns sind die von uns gelesenen Ausgaben belebte Persönlichkeiten, mit deren individueller Biografie sich neben Lesergeschichten auch visuelle Erlebnisse und haptische Abenteuer verknüpfen.

Peter Wütherich, „Meine Freunde oder die Ornithologie der Bücher“ (2022)

Deshalb hegen wir keinen Zweifel daran, dass die Bücher nachts aus den Regalen flattern, sobald wir das Licht ausknipsen. Dass sie sich auf Spielplätzen zusammenrotten und mit ihren Seiten flattern wie Hitchcocks Raben.

Oder dass sie an Stränden relaxen, fernsehschauen und sich unter den Augen von VW Käfern paaren wie die Bücher der Installationen und Fotografien von Peter Wütherich, die momentan in „Bibliomania“ zu sehen sind.

Buchverwurstung nach Metzgersart

Dem gefühlten Eigenleben der Bücher ist es auch zu verdanken, dass uns die dort hängende Literaturwurst, für die Dieter Roth ein von ihm ungeliebtes Buch getötet und mit Gewürzen nach traditionellen Rezepten zu Brei vermengt in Darm gepresst hat, heute trotz allen Schmunzelns noch provozieren kann.

Und weil uns das Buch mit Kafka eine Axt war für das gefrorene Meer in uns, flößt uns ein mit der Axt malträtiertes Exemplar wie das von Hubertus Gojowczyk immer noch einen mitleidigen Schauder ein. Das arme Buch.

Dieter Roths Literaturwurst (1969, oben) und Hubert Gojowczyks „Buch mit Axthieben“ (1974)

Darüber hinaus war es für uns in „Bibliomania“ überraschend zu sehen, wie viele Künstler*innen das Buch beziehungsweise seine Haut – den Umschlag, das Cover – als Körper begreifen, so wie wir. In diesem Fall natürlich: vorrangig als Skulptur.

Am augenfälligsten vielleicht bei Magnus von Stetten, der die bibliophile Mustervielfalt der Insel-Taschenbuch-Bände in eine Bodenplastik überführt. Aber auch bei Katharina Fritsch, die in einem Regal ununterscheidbar roter Bände die suggestive Ordnung unseres Weltwissens etwa in Bibliotheken hinterfragt. Oder nochmal bei Hubertus Gojowczyk, der Bücher wie schon auf der documenta 6 in der Villa Zanders zu Ziegeln umgedeutet hat: Ein Durchgang ist per Bücherwand vermauert.

Der Weiße Winkel

Ulrich Wagner hingegen denkt von der Skulptur her und konzipiert so seine „Winkelbücher“: Die dreieckige Form der Unikate verdankt sich den Kennzeichnungen von Häftlingen im Nationalsozialismus. Faltet man ihren Inhalt auf, so zeigt sich der Grundriss eines Gebäudes, das Hitlers Schergen als Konzentrations- oder Todeslager diente.

Der in Bergisch Gladbach gezeigte „Weiße Winkel“ war bei der Kölner Gestapo in Gebrauch.

Ulrich Wagner, „Weißer Winkel, Nr. I“ (2011)

Und dann gibt es noch die uns aus den oben genannten Kindheitsgründen entzückende „Bibliothek ungelesener Bücher“, die der Wiener Künstler Julius Deutschbauer über Jahre aus den Haushalten von ihm zum Thema befragter Menschen zusammen- und jetzt nach Bergisch Gladbach getragen hat.

Da sind auch Joyce und Proust und Musil dabei: Alles Autoren, die zwar nicht in den ungelesenen Schrankwand-Bibliotheken unserer Eltern versammelt waren, uns aber später ebenfalls zur Freiheit erzogen. Jedes Exemplar ein irgendwie ungeliebtes Individuum, das in der Villa Zanders jetzt darauf wartet, mit privaten Lesegeschichten, visuellen Erlebnissen und haptischen Abenteuern verknüpft, sprich: durch Lektüre gerettet zu werden.

Unten im Regal lächelt übrigens ein in diesem Sinne trauriger Otto-Katalog. Und DER wurde von unseren Kriegs- und Wirtschaftswunder-Eltern sicher auch gelesen. Zumindest in Passagen.

Julius Deutschbauer, „Bibliothek ungelesener Bücher“ (1997-2022), Bergisch Gladbach 2022

Eins jedenfalls haben wir in „Bibliomania“ gelernt: Wenn man das Buch als Körper betrachtet, kann man Form in neuen Inhalt überführen. Dann lässt sich das Kulturgut als Kunstwerk poetisch neu füllen, erzählt es ganz andere, buchstäblich ihm auf den Leib geschriebene Geschichten.

So wie ein Kunstwerk umgekehrt sogar von Büchern handeln kann, die nie – oder noch nicht? – geschrieben worden sind: Andrea Tippels illusionistische Zeichenserie „Philoars Library“ bringt es schon auf rund 2.000 erfundene Titel.

Selbst die hohlen Körper des guten alten Blindbuchs unserer Sauerländer Möbelhäuser-Tage werden in „Bibliomania“ im Sinn der ungeschriebenen Bücher neu befüllt: zum Beispiel mit Timm Ulrichs‘ Humor.

Timm Ulrichs, „Dem Leser den Rücken zukehrend“ (1970/1976), Bergisch Gladbach 2022

Diese Erkenntnis hat uns letztendlich auch ein wenig mit Roths „Literaturwurst“ und Gojowczyks „Buch mit Axthieben“ versöhnt. Gerade letzteres legt in der offenen Wunde seiner Verstümmelung ja collageartig einen neuen Zufallstext frei, den man allzu gern entziffern möchte.

Sprachgift in der Eichenschrankwand

Die erzählenden Buchkörper von Peter Wütherich wiederum haben uns auf eine erklärende Idee gebracht: Vielleicht sind die Bücher in den Elternhäusern unserer Jugend ja nächtens durchs offene Fenster in die Eichenschrankwand geflattert, um dort geduldig auf Leser zu lauern wie Hitchcocks Raben auf Tippi Hedren? Um uns, als die Zeit reif war, weil wir reifer wurden, mit ihrem süßen Sprachgift in die weite Welt hinaus zu picken?

Zuzutrauen wäre es ihnen. (07.11.2022)

Eigentlich machen wir hier keine Werbung, für diese Veranstaltung allerdings sogar besonders gern: Am 22. November 2022 kommt Prof. Ute Schneider in die Villa Zanders, um in der „Salongespräche“-Reihe über „Lesepraktiken und Leseatmosphären in Bildern und auf Social Media-Plattformen“ zu sprechen. Zumindest einer von uns durfte Frau Schneider in seiner KunstArztPraxis-Vorzeit als Dozent der Buchwissenschaften an der Uni Mainz kollegial kennen & schätzen lernen. Er sagt: Das ist eine kluge Frau! Unbedingt hingehen!

„Bibliomania. Das Buch in der Kunst“ ist noch bis zum 8. Januar 2023 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen. Und auch der bibliophile Ausstellungskatalog entzückt uns als Körper!

Homepage des Kunstmuseums Villa Zanders
Salongespräche im Kunstmuseum Villa Zanders

Gemalte Buchtitel bei Peter Zimmermann (1991, oben) und Marcus Neufanger (2020)
„Bibliomania“ in Bergisch Gladbach: Buch als Körper

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Ein Gedanke zu „„Bibliomania“ in Bergisch Gladbach: Buch als Körper

  1. Das was ihr über die Büchersituation in eurem Elternhaus schreibt, war bei mir ähnlich. Erstaunlich, dass aus mir auch eine „Leseratte“ wurde. 😉

    Einige der gezeigten Objekte haben wir 2019 in Siegen, in „Der Traum der Bibliothek“ gesehen, ne?

    Danke für den Beitrag, die Ausstellug werde ich mir angucken.

    Antwort KunstArztPraxis: Herzlichen Dank! Und: Ja, im MGK lauerten 2019 auch Bücherwesen Peter Wütherichs über den Köpfen. Aber das rote Regal war nicht von Katharina Fritsch, sondern von Michel Sauer. 🙂

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