Wir hatten es ja vor kurzem versprochen, jetzt machen wir es wahr: Zur Ausstellung „Das Ensemble schreibt das Stück“ lassen wir die Helden reden. Welche Schätze zieht man ins Rampenlicht, wenn man einen ganzen Museumsraum bestücken darf? Und: Warum?

Jede*r Angestellte wählt maximal sechs Werke. Der Dienstälteste – ein Haustechniker – darf zuerst aussuchen, der dienstjüngste – der Direktor – zuletzt. Die Auswahl erfolgt nach dem reinen Lustprinzip. Und am Ende bestimmen die Kurator*innen für die jeweilige Auswahl die Räume.

Das waren die Spielregeln, die Neu-Direktor Jörg van den Berg für „Das Ensemble schreibt das Stück“ im Museum Morsbroich vorgegeben hatte. Als eine Art Teambuilding-Maßnahme vielleicht, aber vor allem auch als Experiment zum 70. Geburtstag des ersten deutschen Museums für Gegenwartskunst in der Nachkriegszeit.

Nur: Was sucht man aus, wenn man in einem Riesenfundus von rund 5.000 Exponaten die Qual der Wahl hat? Nach welchen Kriterien trifft man seine Entscheidungen?

Wir haben das Ensemble von Schloss Morsbroich befragt. Und bieten ihm in unserer KunstArztPraxis nun eine Bühne für ihre Antwort-Monologe. Wenn Sie genau hinhören, bekommen Sie zwischen den Zeilen beizeiten sogar noch unser Soufleussen-Flüstern mit.

Hier unsere Besetzungsliste (in der Reihenfolge des Auftritts vor Kamera und Mikrofon):

Angela Hoogstraten, Verwaltungsmitarbeiterin, vor Gotthard Graubner

„Die Werke in meinem Raum habe ich mir ausgesucht, weil ich Ende der Sechzigerjahre hier im Museum Morsbroich die Ausstellung „Räume“ gesehen habe. Dort hatten unter anderem auch Adolph Luther und Gotthard Graubner ausgestellt.

Diese Ausstellung hat mich als Kind so fasziniert, dass meine Wahl sofort festgestanden hat. Deshalb gehören die Werke von Adolph Luther und Gotthard Graubner jetzt zu meinem Raum.“

Gisela Voss, Servicekraft, vor Gerhard Richter

„Warum ich mir den Tiger von Gerhard Richter ausgesucht habe? Weil ich Tiger mag. Ich bin sehr für Tiger! Aber auch sonst hat mir das Bild einfach gut gefallen.

Der Tiger passt sehr gut in ein Phantasiezimmer. Mein Raum ist nämlich ein Phantasiezimmer! Mit Natur. Ich interessiere mich sehr für Natur. Hier gibt es Bilder, die die Phantasie anregen. Und die jeder ganz unterschiedlich sehen kann.

Deshalb hängt neben dem Richter ein Bild von Ursula Schultze-Bluhm. Mit einem richtig bunten Tier. Für die einen ist das ein Hase, oder ein Kaninchen. Für mich ist das ein Pfau. Und in der Mitte erinnert es mich an Fuchur, den Drachen aus der ‚Unendlichen Geschichte‘.“

Josef Pacharzina, Haustechniker, hinter Robert Sturm

„Ich bin Handwerker. Und diese Werke hier sind auch handgemacht. Deshalb habe ich sie ausgesucht: von Handwerker zu Handwerker. Ich glaube, dass es in diesen Werken um die Zukunft geht, auch das hat mir gefallen. Und dass sie einfach sind wie das einfache Leben.

Das Riesengroße, das ist nicht so mein Ding. Deshalb mussten die Werke klein sein. Ich wollte auch keinen großen Raum. Eher bescheiden. Das hat gut geklappt.

Neben den Skulpturen habe ich auch ein Gemälde ausgesucht. Von einem Künstler, der hier aus der Gegend stammte, das war mir wichtig. Er ist leider schon lange tot. Aber sein Werk lebt immer noch.“

Chiara Rudat, Verwaltungsleiterin, zwischen Volker Hildebrandt und Miroslav Šutej

„Ich wollte auf jeden Fall einen Schwarz-Weiß-Raum machen. Und ich habe mir ganz bewusst Werke ausgesucht, die man nicht richtig anschauen kann, obwohl man sie permanent anschauen will. Die verwirrend für die Augen sind.

Mein Raum soll diese ganze aktuelle Diskussion über die Zukunft von Schloss Morsbroich widerspiegeln. Da wird meines Erachtens sehr viel schwarz-weiß gedacht.

Deshalb auch das Verwirrende und Flirrende auf den Bildern. Man blickt einfach nicht mehr durch.“

Lucia Riemenschnitter, Kunstvermittlerin, zwischen Elmgreen & Dragset

„Das Werk von Elmgreen & Dragset war das erste, das für mich feststand, daraus hat sich der Rest ergeben. Ich mag den Humor der beiden. Dieses Augenzwinkern in den Werken.

Bei ‚Museum‘ sind drei Buchstaben herunterfallen, das Wort ‚use‘ ist an der Wand übrig geblieben. Das ist ja genau das, was ich mache: Es geht um die Frage, wie man Kunst für alle Interessierten nutzbar machen kann. Öffnen kann. Das war meine persönliche Ebene.

Und dann fragt die ganze Ausstellung ja nach dem Nutzen des Museums. Das ist die zweite Ebene, die mich interessiert hat. Für mich sollte ein Museum kein heiliger, unantastbarer, elitärer Ort sein. Aber auch kein Ort, dessen Wert nach materiellem Nutzen beurteilt wird.

Mit dieser Kosten-Nutzen-Rechnung haben wir im Schloss ja gerade unsere schlechten Erfahrungen gemacht.“

Claudia Leyendecker, Sekretärin, vor Thomas Grünfeld

„Mein Raum heißt ‚Der geschenkte Raum‘. Ich habe mich nämlich entschieden, nur Schenkungen zu zeigen. So will ich auf diesem Wege nochmal Danke an alle Schenker sagen, ohne die wir hier im Schloss vieles nicht zeigen könnten, was wir zeigen.

Eigentlich hatten wir alle hier schon mal den Wunsch, irgendwann etwas aussuchen zu dürfen – und sei es nur ein Bild. Dazu passt das Werk hinter mir perfekt. Da ist in den Milchglasscheiben kaum lesbar ‚Ich darf‘ und ‚Ich soll‘ eingraviert. Und so ist es ja in dieser Ausstellung: Ich darf nicht nur ein Werk aussuchen, ich soll es sogar!

Und dann ist das Werk auch noch eine Schenkung! Cool. Besser geht‘s doch gar nicht, oder?

Ansonsten habe ich vor allem farbig geguckt. Ich bin ja keine Kuratorin. Und, ja, stimmt: vor allem viele Herzen. Etwas Gutes kann ja nicht schaden in einer Welt, wie wir sie gerade haben.“

Sandra Wiele, stellv. Verwaltungsleiterin, neben Luis Tomasello

„Ich bin noch relativ neu hier, nach mir war nur noch der Museumsdirektor mit Auswählen dran. Gleich an meinem ersten Arbeitstag hat man mir den Bestandskataloge in die Hand gedrückt. Klar: Das war natürlich ein wundervoller Einstand.

Weil ich noch keinen Überblick hatte, habe ich einfach ganz spontan das genommen, was mich direkt angesprochen hat. Wegen des Farbenspiels zum Beispiel. Oder wegen des Motivs.

Deshalb gibt es in diesem Raum auch diese gelb-weißen Quadrate mit ihren gelben Schatten. Oder der Mond da drüben mit seinem faszinierenden Mienenspiel. Als wolle er mir etwas sagen! Damit kann ich mich stundenlang beschäftigen.

Und dann habe ich noch eine Skulptur gewählt, die mich an Darth Vader aus ‚Star Wars‘ erinnert. Das geht aber auch anderen hier im Schloss genauso.“

Thomas Gattinger, Haustechniker, vor Imi Knoebel

„Mein Raum ist natürlich der schönste Raum! Aber ich war ja auch als Erster dran mit Aussuchen. Weil ich seit 37 Jahren hier arbeiten darf. Da habe ich schon einige Schlachten im Schloss geschlagen, das können Sie mir glauben!

Klar habe ich mir auch etwas dabei gedacht: Zerstörung, Brutalität, Durcheinander. Mein ganzes Leben spiegelt sich in diesen Werken. Doch doch, das ist kein Witz! Und über all dem Chaos schwebt dieses wunderbare Mobile von Calder, das an der Decke richtig gut atmen kann. Das steht für die Freiheit und die Leichtigkeit, die ich mir wünsche.

Bei Imi Knoebel haben mich natürlich auch die Farben angesprochen. Diese bunten Latten. Das ist toll. Mir gefällt ja längst nicht alles. Aber diese Ausstellung ist insgesamt sehr schön geworden, finde ich. Auch mein Raum, in dem das Sonnenlicht über die Werke gleitet. Das haben die Wissenschaftler sehr gut gehängt.“

Jochen Müller, Ausstellungsmanager, zwischen Mary Vieira und Josef Jaekel

„Ich hatte meine Werke tatsächlich schon zusammen, bevor unser neuer Direktor seine Ensemble‐Idee in der Mitarbeiterrunde verkündet hat! Da hatte ich meine Lieblingsskulpturen schon längst im Bestandskatalog mit Zettelchen markiert. Und in meinem Kopf zu einem Raum gruppiert, der ‚Wald‘ heißen sollte.

Offenbar hatte ich mich bei der Auswahl an Giacometti orientiert. Giacometti zieht mich in jedem Museum an wie ein Magnet. Das ist mir aber erst später im Lehmbruck Museum in Duisburg bewusst geworden. Da steht eine relativ kleine Bronzeskulptur mit acht teils hoch aufragenden Figuren, die denselben Titel trägt: ‚Wald‘.

Dass der Raum aus meinem Kopf nun in anderer Weise vom Kuratorenteam realisiert worden ist, ist schon ein Knaller! Aber die Anordnung ist jetzt natürlich eine andere als bei meinem ‚Wald‘. Deshalb passt ‚Hommage an Giacometti‘ für meinen Raum jetzt besser.“

Kai Schäfer, Haustechniker, vor William Turnbull

„Ich wollte einen Raum mit reinen Farben haben. Die Farbe sollte klar erkennbar sein, das war mein Wunsch. Rot, Blau, Gelb und Silber: Das ist mein Raum.

Und er ist schön geworden. Irgendwie hätte ich nie geglaubt, dass diese großen Bilder an den niedrigen Wänden hier oben im Grafikkabinett so gut zur Geltung kommen könnten. Da war ich skeptisch. Aber jetzt, wo sie hängen, sehe ich das komplett anders.

Und dann habe ich mir auch noch ein Ready-Made von Marcel Duchamp ausgesucht, das berühmte Rad auf dem Stuhl. Damit der Boden nicht so leer ist. Und weil es noch nie im Schloss ausgestellt worden ist.“

Alice Steinebach, Museumsshop-Leiterin, vor Walter Störer und hinter Jeppe Hein

„Unsere Klassiker habe ich nicht genommen, weil ich mir gedacht habe: Unsere Klassiker, die Renner, die werden eh schon hängen. Wobei ich eben gehört habe, dass den Tiger fast niemand ausgesucht hätte. Egal. Jetzt hängt er ja doch.

Erst wollte ich vom Kopf her nur Fluxus wählen. Aber dann hat sich mein Bauch aufs Lustprinzip eingelassen, das unser Direktor ausgerufen hatte. Deshalb lebt mein Raum von Licht und Farbe. Und das ist so super realisiert, ich sehe das ja jetzt zum ersten Mal! Ich hatte es mir schon schön vorgestellt. Aber es ist noch cooler geworden.

Das hat so was Verspieltes, so einen Rausch, so einen Drive. Und dann wird von draußen durch die Fenster auch noch die Natur mit reingezogen. Das ist Morsbroich!

Im Museumsshop arbeiten ungefähr 30 ehrenamtliche Damen. Zu uns kommen die Besucher und schütten ihr Herz aus, wenn ihnen eine Ausstellung einmal nicht gefallen hat. Dann fangen wir das auf. Ich denke, diesmal wird das nicht so häufig nötig sein.“

Thekla Zell, Kuratorin, vor Katharina Grosse, auf Henkel & Pitegoff

„Es sind ja oft die einfachen Dinge, die schwer zu machen sind. Das fasziniert mich. Deshalb habe ich für meine drei kleinen Räume Werke von raffinierter Einfachheit ausgesucht. Und wegen des Bezugs zum Raum, zum Betrachter, zur Körperlichkeit im Raum.

Gerade bei Katharina Grosse funktioniert das, wie ich finde, hier in diesem kleinen Zimmer unglaublich gut.

Und ich mag die Offenheit der Werke. Du kannst sie ganz unterschiedlich wahrnehmen und erfahren. Dir wird relativ wenig vorgegeben. Du musst dich bewegen und vergleichen, um das alles als eine Einheit wahrzunehmen. Mit all den Brechungen. Wie bei Blinky Palermo im Nebenraum. Das sind ja nur scheinbar rein geometrische Formen!

Das alles sollte einen Rhythmus haben, von Raum zu Raum, mit den gekachelten Bänken von Calla Henkel und Max Pitegoff, und dem Blick durch die Fluchten.“

Fritz Emslander, Kurator und stellv. Museumsdirektor, vor Yves Klein

„Unseren Yves Klein mag ich besonders. Es ist ja eine unerhörte Sache, als Maler ein Blau zusammenzumixen und das dann patentieren zu lassen. Genau das hat Yves Klein mit seinem ‚International Klein Blue‘ getan. Mit ihm wollte er eine ‚Révolution Blue‘ starten und die ganze Welt einfärben. Das war mein Ausgangspunkt.

Das Blau des Himmels und das Blau des Meeres waren natürlich vor Klein schon da. Und dieses Blau habe ich mir mit anderen Künstlern in den Raum geholt. Insgesamt habe ich versucht, eine kleine Geschichte blauer Bilder zu erzählen – ein großer Schwenk über die blaue Stunde bis zum Ozeanischen der Meerjungfrau. Dabei wollte ich auch die Chance nutzen, Bilder in der Sammlung zu entdecken, die selbst mir bisher verborgen geblieben sind.

Wenn man nah an unserem Yves Klein dransteht, kann man in sein Blau förmlich eintauchen. Und eintauchen in die Verschiedenheit des Blauen soll man auch in meinem Raum.“

(04.10.2021)

Anmerkung: Neu-Direktor Jörg van den Berg wollte nichts zu seiner Auswahl sagen. Dies sei hier mal die Bühne für die Anderen. Fürs Ensemble eben, nicht für den Regisseur. Sehr sympathisch, wie wir finden. Und in der Logik der ganzen Ausstellung nur konsequent. Zu sehen noch bis zum 14. November 2021 im Museum Morsbroich in Leverkusen.

Homepage des Museums Morsbroich

Museum Morsbroich: Jetzt spricht das Ensemble!

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.