Benjamin Katz ist seit über fünf Jahrzehnten mit Georg Baselitz befreundet. Er organisierte die erste Einzelausstellung des Künstlers, die Baselitz über Nacht bekannt machte, und hält dessen Atelierarbeit seit den 1970er Jahren mit der Kamera fest. Ein Interview zu Baselitz‘ 70. Geburtstag.

KunstArztPraxis: Auf ihren Fotos merkt man, dass Baselitz Sie sehr nah an sich heranlässt: Was für ein Mensch ist Baselitz?

Benjamin Katz: Ohne Pinsel in der Hand ist er ein sehr freundlicher, umgänglicher Mensch. Sobald er den Pinsel aber in die Hand nimmt, ist er nicht mehr da. Dann vergisst er die Umwelt und ist eine Art verlängerter Arm seines Pinsels. Er skizziert seine Bilder, legt die Leinwand auf den Boden, malt und begutachtet, geht über das Gemälde oder kniet daneben, wie in Trance. Er ist so derartig auf seine Arbeit konzentriert, dass ich für ihn gar nicht da bin bin. Bei Baselitz muss man sich als Fotograf nicht erst bemühen, abwesend zu sein. Das ist ein Riesenvorteil.

Benjamin Katz im Museum Ludwig, Köln 2019

Zwei Tage statt ein halbes Jahr

KunstArztPraxis: Wenn Sie Ihre Fotos wie im Daumenkino Revue passieren lassen: Wie hat sich Baselitz verändert?

Benjamin Katz: In letzter Zeit ist er sehr entspannt geworden. Der Druck des Künstlers, finanziell erfolgreich zu sein und sich Anerkennung zu verschaffen, ist endlich von ihm abgefallen. Seit einiger Zeit malt er eine sehr spontane Reihe von Bildern, die er „Remix“ nennt und die die alten Bildmotive wieder aufgreifen. Er braucht sich jetzt keine Inspiration mehr zu suchen, sondern nur noch in seinen eigenen Katalogen blättern und sich „abmalen“. Bilder, an denen er früher ein halbes Jahr oder mehr gearbeitet hat, macht er heute an ein, zwei Tagen.

„Baselitz geht sein Leben in seinen Bildern rückwärts.“

Benjamin Katz

KunstArztPraxis: Neben seiner künstlerischen beschäftigt er sich auch intensiv mit seiner biografischen Vergangenheit…

Benjamin Katz: Ja, er geht sein ganzes Leben in seinen Bildern rückwärts. Man muss ja bedenken, dass Baselitz zwei Diktaturen hinter sich gebracht hat: Die Nazizeit und die DDR. Gegenüber der Zeit als Pimpf unter Hitler gibt es bei ihm noch gewisse nostalgische Gefühle. Ich habe ihn dabei fotografiert, wie er mir ein kleines Foto zeigt, wo er als Pimpf vor einer Naziflagge steht. Auf dem Bild ist auch die junge Leiterin der Gruppe, in die er damals schon verliebt war. Das sind Erinnerungen, die man über 60 Jahre in sich trägt, bevor man sie künstlerisch verarbeitet.

Kraftmaler und Farbvirtuose

KunstArztPraxis: Sie haben 1963 in der Galerie Werner & Katz gegenüber der Berliner Gedächtniskirche die erste Einzelausstellung von Baselitz organisiert. Warum gerade Baselitz?

Benjamin Katz: Bei unserer ersten Begegnung in unserer Malklasse bei Hann Trier stand Baselitz vor einer leeren Leinwand. Wie expressiv er diese Leinwand dann mit Farbe füllte, war für mich ein unvergessliches Erlebnis. Da war er schon der Kraftmaler und Farbvirtuose, der er bis heute ist. Ich habe ihm das Bild sofort abgekauft. Es hängt noch immer in meiner Wohnung und hat nichts an Frische verloren. Vor einiger Zeit hat Baselitz mich in Köln besucht und war selbst überrascht, wie frisch das Bild noch ist.

Benjamin Katz im Museum Ludwig, Köln 2019

Finanziell ein Desaster

KunstArztPraxis: Die Ausstellung hat dann gleich einen Skandal provoziert…

Benjamin Katz: Wir waren nach der Vernissage noch in Berlin unterwegs. Morgens um vier Uhr kam diese Zeitung mit dem Titel „Sittenskandal am Kurfürstendamm“ heraus. Ich habe gleich unseren Rechtsanwalt aus dem Bett geklingelt. Dann kam der Polizeipräsident und der Generalstaatsanwalt. „Der nackte Mann“ und „Die große Nacht im Eimer“ mit der berühmten Onanierszene wurden dann als obszön beschlagnahmt.

Eigentlich wollte die Polizei drei Bilder mitnehmen, aber eines haben sie vergessen, so dilettantisch lief das ab. Später wurde der Prozess vom Bundesgerichtshof wegen Geringfügigkeit wieder eingestellt: Der Vorschlag, die obszönen Stellen zu übermalen, war zum Glück vom Tisch. Trotz der großen Presse war die Ausstellung finanziell ein Desaster. Verkauft habe ich nur ein kleines Bild an einen befreundeten Galeristen.

„Er dachte: Jetzt kommt der Ruhm.“

Benjamin Katz

KunstArztPraxis:  Wie hat Baselitz auf den Skandal reagiert?

Benjamin Katz: Ich glaube, er war sehr überrascht. Dass die Presse unsere Galerie belagert hat, fand er natürlich toll. Er dachte: Jetzt kommt der Ruhm. Er war ein bisschen naiv damals.

Von Penck geklaut?

KunstArztPraxis: Wie ist Baselitz eigentlich auf die Idee gekommen, seine Bilder auf den Kopf zu stellen?

Benjamin Katz: Das habe ich ihn noch nie gefragt. Aber Penck, der einmal ein Männchen kopfunter auf einer Weltkugel gemalt hat, hat irgendwann zu mir gesagt: Aha, da hat der Baselitz mir die Idee geklaut. Vielleicht ist da was dran, vielleicht auch nicht. Letztlich ist es aber auch egal. Man soll sich diese Kraftpartituren ansehen, diesen unglaublich expressiven Umgang mit der Farbe.

Überhaupt sollte man Baselitz‘ Bilder wie abstrakte Gemälde betrachten, wie ein Jackson Pollock zum Beispiel. Ich glaube, zu diesem Zweck hat er damals die ganze Welt auf den Kopf gedreht. (23.01.2008)

Zuerst erschienen 2008 auf den Kultur-Seiten von WDR.de

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