Wie konnten wir Martha Jungwirths Bilder nur 50 Jahre lang übersehen? Wir schämen uns und leisten anlässlich ihrer tollen Schau in der Kunsthalle Düsseldorf reuig Abbitte. Obwohl langjähriges Übersehen bisweilen ja auch ein Vorteil sein kann! Aber lesen Sie selbst …

Als florierende KunstArztPraxis verfügen wir über einen erklecklichen Kundenstamm, aber hin und wieder klopfen trotzdem uns komplett unbekannte Patienten ans Praxistor. Wir hören den Neuen dann aufmerksam zu, und sehen natürlich aufmerksam hin, denn diagnostisches Sehen gehört zu unserem Kerngeschäft. Danach entscheiden wir, ob wir den Kundenstamm erweitern.

Im besten Fall reichen uns zur Entscheidung die erzählenden Ansichten der Patienten aus. Und hin und wieder ertappen wir uns während der Erstaufnahme beim Schämen: Wie kann es sein, so fragen wir uns dann, dass wir diesen oder jenen Patienten bisher noch nie wahrgenommen haben?

Marta Jungwirth, Kunsthalle Düsseldorf, 2022 (Ausstellungsansicht)

Natürlich meinen wir zumeist Bilder und Skulpturen, wenn wir Patienten sagen: Wir sind ja keine florierende ZahnArztPraxis. Und neulich mussten wir uns wieder einmal schämen. Das war, als Martha Jungwirths Aquarelle und Gemälde in der Kunsthalle Düsseldorf zu uns kamen. Denn die Bilder der inzwischen ja schon 82 Jahre alten Malerin aus Österreich hatten wir bisher Null auf dem Röntgenschirm.

Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist, dass wir die Bilder beim diagnostischen Sehen in Düsseldorf aus eben diesem Grund ganz unvoreingenommen erzählen lassen konnten; wir hatten ja noch keine Patientenakte in petto.

“Ein Fleck ist ein Fleck
ist ein Fleck.”

Martha Jungwirth
Marta Jungwirth, Kunsthalle Düsseldorf, 2022

Jungwirths Bilder jedenfalls fingen gleich von sich aus an zu reden, kaum das wir ihre Räume betreten hatten. Es war sofort ein Gespräch da – auch wenn es sich natürlich in einer Sprache vollzog, die sich an dieser Stelle kaum für Vierte übersetzen lässt. Dass ihre Sätze sich als impulsiv und kraftvoll, leidenschaftlich und sinnenfroh, zart und lyrisch umschreiben lassen, ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner.

Was war das Beste?

Vordergründig erzählten die Bilder von archaischen Kriegen, von Landschaft, von Menschen und Tieren, zum Teil auch von der Kunstgeschichte, wobei sie sich zumeist in geheimnisvollen Andeutungen ergingen. Das war teils niedlich, teils witzig, teils imposant. Aber es war nicht das Beste.

In den besten Momenten erzählten die Bilder von der Malerei an sich, vom eigenen Körper in unendlichen, durch Reduktion hintergrundlos erzeugten Räumen: von den Farben und Strichen, aus denen sie gemacht sind. Das war staunenswert.

“Mein ganzer Körper, meine Empfindungen
fließen in diese Malerei ein.”

Martha Jungwirth
Fingerverwischung von Marta Jungwirth, Kunsthalle Düsseldorf, 2022

All dies taten sie so plastisch, dass uns war, als sähen wir die Malerin beim Streichen und Wischen und Spritzen leibhaftig oder doch zumindest rekonstruierbar vor der Leinwand oder dem Papier beim Wirken zu. Wie sie versucht, den Strich, den Klecks, den Schlier mit guter Bein- und Kopfarbeit direkt in die Leere auf Kartons oder grobe Nessel zu setzen, den Zufall zuzulassen. Das Denken auszuschalten, ohne dumm zu werden.

Indirekte Rede beherrschen Martha Jungwirths Bilder nämlich auch. Und DAS war das Beste.

Was die Patientenakten sagen

Inzwischen wissen wir einiges über diese Bilder: Wir haben uns die Akten von Kolleg*innen anderer Praxen kommen lassen.

Nun wissen wir, dass ein Teil von ihnen 1977 auf der documenta in Kassel zu sehen war, dass die Malerin für sie 2018 den Oskar-Kokoschka-Preis und 2021 den Großen Österreichischen Staatspreis erhielt. Wir haben gelesen, dass der Galerist Thaddaeus Ropac seit ein paar Jahren seine großen Hände über sie ausgebreitet hat. Und dass eines von ihnen im letzten Jahr bei Kinsky für fast 200.000 Euro unter den stürzenden Hammer geriet.

Marta Jungwirth, Kunsthalle Düsseldorf, 2022

All das interessiert uns allerdings eher wenig. Darüber können gerne jene schreiben, die die Bilder nicht sprechen lassen wollen. Bei manchem, so hört man, bleiben sie ohnehin lieber stumm.

Wichtig an den Patientenakten ist für uns lediglich, dass der Kunstmarkt die Bilder bis ins hohe Alter ihrer Malerin nicht in die Klauen bekam. Uns imponiert, dass Jungwirth im Windschatten des Desinteresses trotzig weitergearbeitet hat an einem Werk, das nun ganz unbefangen aus freien Stücken zu uns spricht. Der späte Erfolg sei der Künstlerin als Genugtuung für ihre ehrliche Arbeit gerne gegönnt.

Vor der Aufdringlichkeit der Objekte

In einem intuitiven Raum “vor der gesprochenen Sprache” wolle Martha Jungwirth agieren, wie wir in den Akten lasen: “vor der Erinnerung” und “vor der Aufdringlichkeit der Objekte”. Die “Flecken herausschleudern aus dem eigenen Körper”. Auch davon erzählen die Bilder, indem sie es zeigen, aus sich heraus.

Diese Unmittelbarkeit jedenfalls hat uns bei der beschämenden Erstaufnahme sehr sehr gut getan. Denn das ist ja das Tolle an der KunstArztPraxis: Im Idealfall erzählen die Patienten, und die Ärzte werden gesund. (19.9.2022)

© alle Fotos: VG Bild Kunst 2022

“Martha Jungwirth” ist noch bis zum 20. November 2022 in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen. Wir empfehlen, nach dem Besuch unbedingt noch über den Grabbeplatz vis-à-vis zum K20 der Kunstsammlung NRW zu schlendern. Die widmet dem Bildhauer und Konzeptkünstler Reinhard Mucha eine ebenfalls wunderbare Schau. “Der Mucha – Ein Anfangsverdacht” läuft noch bis zum 22.Januar 2023, und dass wir nicht berichten, liegt ausschließlich an der Unsichtbarkeits-Maschine.

Die Kunsthalle Düsseldorf in der KunstArztPraxis:
Conrad Schnitzler: Der Mann mit dem Soundhelm
Für uns von Putin eingeholt: “City Limits” in Düsseldorf
Gerhard Richter Retro: “Leben mit Pop” (2013)
Reine Bildgebung (7): Polke & Co in Düsseldorf
Wenn Polke lacht. Eine lyrische Hommage
Max Schulze: “Als Phantom war Polke immer da”
Alles fließt in Düsseldorf: “Journey Through A Body”

Homepage der Kunsthalle Düsseldorf

Die KunstArztPraxis rät: Immer gut hinschauen, ausleuchten und die Bilder sprechen lassen!
Bilder sprechen: Martha Jungwirth in Düsseldorf

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