Kopf und Körper sind Hede Bühls Lebensthema. Bei ihren Skulpturen. Und ihren Zeichnungen. Zu letzteren gibt es im Kunstmuseum Villa Zanders seit Dezember eine Ausstellung, die noch gar nicht eröffnen konnte. Wir waren drin. Und haben Bilder gesehen, die wie Skulpturen sind.

Der Mensch ist ein Problem. Auch in formaler Hinsicht. Seit der Steinzeit können die Bildhauer ein Lied davon singen. Und seit der Steinzeit erweist sich die Abstraktion als Königsweg, um ohne individuelle Unzulänglichkeiten Wesentliches – rituelle Schönheit, mythischer Heroismus, kultische Aura – herauszuschälen.

„Da habe ich auf meinen Reisen viel gelernt“, sagt Hede Bühl. „Von den alten Ägyptern, der asiatischen Kunst, der griechischen Archaik.“

Seit fünf Jahrzehnten sind Kopf und Körper Bühls Monothema. In ihrem Düsseldorfer Atelierhaus konnten wir schon letztes Jahr bestaunen, mit welcher Konsequenz sie für ihre Skulpturen eine ganz eigene, reduzierte, abstrahierend-strenge – und trotzdem vielschichtige – Sprache gefunden hat.

Der Mensch mag seit der Steinzeit ein Problem sein. Aber es ist halt eben trotzdem immer „etwas ganz Persönliches, wie man die formalen Probleme löst.“

Hede Bühl im Entrée ihrer Ausstellung „Imago“ im Kunstmuseum Villa Zanders, 2020

Wucht und Stille

In „Imago“ im Kunstmuseum Villa Zanders warten gleich drei von Bühls Skulpturen auf Besucher. Ein riesig mumienhafter „Wächter“ ist darunter, dessen silbern-spiegelnde Haut die Außenwelt komplett abschirmt. Und eine martialische Büste im Entrée, der Bühl verschließenden Bandagen über die Augen gelegt hat.

Schließlich soll der Blick der Skulpturen ungerührt nach innen gehen. Nichts Anderes sollen sie bewachen können außer jener Ruhe, die dank ihnen den Raum durchströmt. Und das trotz der archaischen Wucht ihrer Präsenz.

„Die Skulptur ist geschlossen.
Zumindest bei mir.“

Hede Bühl

Anders ist das bei Bühls eher unbekannten, teils großformatigen Zeichnungen und Malereien, denen die Ausstellung in Bergisch Gladbach eigentlich gewidmet ist. Hier toben die Striche und Kreise aus Tusche, Kohle, Pastellkreide oder Acrylfarbe in großer Geste und Farbigkeit derart expressiv über Papier und Leinwand, als gelte es, das Menschliche in die Welt hinauszuschreien.

Das Innerste von Kopf und Körper scheint nach außen gestülpt. Und die Augen konfrontieren den Betrachter bisweilen derart durchdringend mit ihrer Gegenwart, als wollten sie ihn ins Werk hineinsaugen.

© Kunstwerke: VG Bild Kunst Bonn 2021

Diese Zeichnungen und Malereien sind keine Skizzen oder Vorstufen zu Bühls Skulpturen, die sie gleichwohl hin und wieder anzitieren. Diese Zeichnungen und Malereien sind völlig eigenständige Möglichkeiten, mit dem Problem des menschlichen Körpers künstlerisch fertig zu werden.

Und das, behaupten wir jetzt einfach einmal, auf sehr bildhauerische Art und Weise.

Die Innenwelt der Außenhaut der Innenwelt

Ihre Skulpturen würden sich auf die Außenhaut konzentrieren, hat Hede Bühl dem entsprechend einmal gesagt: „Was in ihnen passiert, das sieht man nicht.“ Die Zeichnungen hingegen illustrierten, „was in einer Skulptur los sein könnte. Sie stellen die Innenansicht der Skulptur dar.“

Dass Hede Bühl bei der dreidimensionalen Skulptur die Oberfläche mehr zu interessieren scheint als das Volumen, und in der zweidimensionalen Zeichnung das Volumen mehr als die Oberfläche, ist für uns ein ganz bemerkenswerter, zunächst einmal völlig verrückter Gedanke.

„Die Zeichnung ist bewegt und offen.
Da lassen sich Ideen einkreisen.“

Hede Bühl

Die skulpturale Zeichnung

Im Kunstmuseum Villa Zanders führt Bühl uns vor Augen, wie das bei ihr funktioniert. In „Imago“ kann man nämlich sehen, dass die Künstlerin Kopf und Körper in der Fläche des Blattes vom Räumlichen her denkt – und das, ohne in plumpen Illusionismus zu verfallen. Und mit Strichen etwas umkreist, was aus drei Dimensionen besteht: wie eine im Papier versteckte Skulptur.

Im Grunde sind Bühls Striche öffnende Bandagen um einen menschlichen Hohlraum, den die Künstlerin im Blatt zu erahnen und aus der Fläche des Papiers herauszuschälen scheint. Der große Alberto Giacometti hat in der Zeichnung ähnliches versucht, der immer noch unterschätzte Max Uhlig aus Dresden auch.

Und trotzdem hat Hede Bühl auch in der Zeichnung etwas Unverkennbares, ganz Eigenes geschaffen. Skulpturale Zeichnung eben.

Hede Bühl, Kunstmuseum Villa Zanders 2020; © Kunstwerke: VG Bild Kunst Bonn 2021

So ergänzen sich die Exponate von „Imago“ in Bergisch Gladbach perfekt: Hier das Verschlossene, in sich Gekehrte, durch Bandagen „Gezeichnete“ der Skulptur. Und dort das Expressive, Gestische, Offene der skulpturalen Zeichnung. Zwei Seiten der Medaille. Und beides mit dem Blick der Bildhauerin modelliert.

Hoffentlich wird das schon bald für Alle zu sehen sein. Denn für das seit der Steinzeit offenbare Problem des Menschen findet Hede Bühl für unsere Zeit faszinierende Lösungen. (22.02.2021)

Der Start von „Hede Bühl. Imago. Arbeiten auf Papier“ war schon im Dezember 2020 geplant. Nun wird die Schau von Lockdown-Ende bis zum 8. August 2021 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen sein.​

Hausbesuch: Kopf und Körper: Hede Bühl (KunstArztPraxis)
Informationen zur Ausstellung (Kunstmuseum Villa Zanders)

Hede Bühl: Mit Strichen modellieren

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