Stephan Balkenhol, Museum Lehmbruck, Duisburg 2020

Ist es zu früh? Egal: Wir wollen uns jetzt einfach schon mal vorfreuen! Auf „Stephan Balkenhol“ im Duisburger Lehmbruck Museum nach dem Lockdown zum Beispiel. Hier ein Vorgeschmack in Bildern. Einige Ideen zur Besuchsvorbereitung. Und der Tipp, in der Wartezeit einen vergessenen Klassiker zu lesen.

Robert Musils Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1930-1943) ist doppelt zu bedauern. Denn eigentlich ist nur sein Titel im kollektiven Gedächtnis geblieben. Und der wird meistens auch noch falsch zitiert.

Denn Musils Titelheld Ulrich ist im klassischen Sinn ja gar kein Mann ohne Eigenschaften. Im Gegenteil: Er trägt besonders viele Eigenschaften in sich. Er will sich mit seinen 32 Jahren nur nicht auf bestimmte festlegen lassen. Oder, mit Musils Worten: Er wehrt sich dagegen, in der „Backform des Lebens“ fertiggegart zu werden.

Musils Urich steht quasi zwischen allen Eigenschaften. Und wird als „Möglichkeitsmensch“ zur Hülle für zahlreiche Lesarten seiner selbst.

© Kunstwerke: VG Bild Kunst Bonn 2021

Ikone unserer Gegenwart

Wäre Ulrich keine literarische, sondern eine Kunstfigur, dann wäre er nach unserer Ansicht auf jeden Fall von Stephan Balkenhol. Eigentlich ist er wie Balkenhols berühmter Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd, der, ungefähr in Ulrichs Alter, längst zum Markenzeichen des Bildhauers geworden ist. Und zu einer Art Ikone der Gegenwartskunst.

Wie andere Figuren Balkenhols, so steht auch dieser Mann in vielen seiner Varianten scheinbar ohne Eigenschaften einfach nur so da: mit großer körperlicher Anstrengung und gegen den Widerstand des Materials bewusst grob aus einem Stamm geschnitzt, gesägt und – vor allem – gehauen. Und dann wie eingefroren auf einem Sockel aus demselben Stamm allein zurückgelassen.

In einem Schwebezustand zwischen Innen und Außen. Zwischen Hier und Dort. Zwischen Mythos und Alltag. Oder eben zwischen mehreren Lesarten seiner selbst. Als offenes Buch mit sieben Siegeln sozusagen.

Stephan Balkenhol, Museum Lehmbruck, Duisburg 2020
„Mann“ (2010). Im Vordergrund: „Gepard“ (2020); © Kunstwerke: VG Bild Kunst Bonn 2021

Sich nicht entscheiden wollen

„Der Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose könnte im nächsten Moment zu lachen und zu weinen anfangen“, hat Stephan Balkenhol diese allumfassende Schwebe einmal beschrieben. „Der will alles. Es geht nicht um weinen oder lachen. Wenn man sich entschieden hat, dann hat man ja auch auf etwas verzichtet. Der Mann im weißen Hemd und schwarzer Hose bleibt aber dazwischen.“ Mit allen Möglichkeiten. Wie Musils Ulrich.

So wartet Balkenhols Mann mit seinem unergründlich-leeren Blick darauf, von jedem Betrachter neu in den Fokus genommen und mit Geschichten befüllt zu werden. Und dabei im Gegenüber vielleicht jene Gefühle, Hoffnungen und Wünsche auszulösen, die zu zeigen ihm selbst vom Künstler verwehrt worden ist.

„Meine Skulpturen erzählen keine Geschichten. In ihnen steckt etwas Geheimnisvolles. Es ist nicht meine Aufgabe, es zu enthüllen, sondern die des Zuschauers, es zu entdecken.“

Stephan Balkenhol

Figuren im Stationendrama

So wird der Betrachter zum Zuschauer eines Schauspiels, das erst in seinem Kopf entsteht: Sofern es ihm gelingt, hinter die Oberfläche zu schauen natürlich. Fast schon programmatisch sinnfällig gemacht beim „Gespenst“ (2009) oder beim „Mann im Löwenkostüm“ (2019), wo sich das „Eigentliche“ der Figur unter dem Laken oder der Verkleidung zu verbergen scheint. Hülle, Körper und Wesen werden Thema.

In diesem Sinn hat sich das Lehmbruck Museum in eine große, wundervoll arrangierte Bühne verwandelt, auf der der Zuschauer die einzelnen Werke fast wie beim mittelalterlichen Stationendrama ansteuern können soll. Rund 200 Skulpturen, Reliefs, Gemälde, Zeichnungen und Drucke sind versammelt, auch Neues, Unbekanntes. Es ist die größte Museumsausstellung Balkenhols seit der Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen 2008.

Wir waren vor dem Lockdown gerne drin. Und gehen nach dem Lockdown sicher nochmal rein.

Stephan Balkenhol, Museum Lehmbruck, Duisburg 2020
„Stephan Balkenhol“, Lehmbruck Museum; © Kunstwerke: VG Bild Kunst Bonn 2021

Mäusefrauen und Pfauenmänner

Neben dem „Mann“ gibt es natürlich auch die „Frau“. Und einige Torsi, die am deutlichsten illustrieren, wie stark Balkenhol sich auch mit den klassischen Problemen der Bildhauerei auseinandersetzt.

Aber es gibt auch den Fasan, das Krokodil, den Geparden, den Affen und den Kugelfisch. Und immer wieder hybride Wesen, die zwischen verschiedenen Daseinsformen oder Rollen pendeln.

Mäuse- und Hundemenschen zum Beispiel. Männer, die als eher unpotente Anhängsel ihres riesigen Phallus oder eines dominanten Pfauenrads fungieren. Ein nackter König (ohne neue Kleider). Ein als Clown maskierter Businessman. Die Sphinx. Das Einhorn. Und ein zum „Kleinen Gott“ mutierter Teddybär.

Stephan Balkenhol, Museum Lehmbruck, Duisburg 2020
Stephan Balkenhol, „Kleiner Gott“ (2013); © Kunstwerke: VG Bild Kunst Bonn 2021

Ein Labyrinth aus Ariadnefäden

Hinweise auf verborgene Erzählungen gibt Balkenhol auch in Duisburg reichlich – nicht zuletzt durch Anspielungen an die Kunstgeschichte. An das Heuwagen-Triptychon von Hieronymus Bosch wird ebenso gemahnt wie an das antike Motiv des Dornausziehers. Oder an Rodins berühmten „Denker“, dessen Balkenhol-Variante sich dank eines hübschen kuratorischen Einfalls nun etwas gelangweilt Balkenhol-Bilder und Reliefs an der Wand gegenüber anschauen darf.

Auch vom Medusenbezwinger Perseus hat Balkenhol die Eigenschaft der Heldenhaftigkeit abgeschält. Den abgetrennten Kopf hingegen hat er ihm in der erschlafften Hand belassen. Es ist ja nicht so, dass Balkenhol keine Spuren legen würde, um die Vorstellungskraft des Zuschauers zumindest in mögliche Richtungen zu lenken.

Schließlich ist das Universum des Künstlers kein luftleerer Raum für Hirngespinste. Sondern ein bisweilen humorvoll austarierter Kosmos für Deutungsmöglichkeiten.  

© Kunstwerke: VG Bild Kunst Bonn 2021

Sich von Blindschleichen erwürgen lassen?

Diesem Schicksal entgeht auch Balkenhols Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose nicht. In „Laocoön“ (2016) muss er in dreifacher Ausführung nicht nur die Rolle jenes Priesters spielen, der die Trojaner vor dem Pferd der Griechen zu warnen versuchte: Er spielt auch die Rollen seiner beiden ebenfalls von Schlangen erwürgten Söhne gleich noch mit. Wer wer ist? Weiß man nicht.

Ohnehin: In welche Grausamkeit ist das Trio hier verstrickt? Worin könnte sich der moderne Mensch heutzutage überhaupt noch so verheddern wie ein Held der griechischen Tragödie? Welche Warnung will man den harmlosen Gestalten in ihrer Alltagskluft noch zugestehen? Und: vor welchen Trojanern? Alle Fragen offen.

Die ganze Tragik dieser Fragen wird durch die niedlich-spindeldürren Schlangen ohnehin wieder ad absurdum geführt. Auch das hätte Robert Musil unserer Meinung nach gut gefallen.

Stephan Balkenhol, Museum Lehmbruck, Duisburg 2020
Stephan Balkenhol, „Laocoön“ (2016); © Kunstwerk: VG Bild Kunst Bonn 2021

Und dann erzählt er doch

Auch wenn Stephan Balkenhols Figuren nichts erzählen sollen: Es ist natürlich nicht verboten, dass Stephan Balkenhol seinerseits etwas über seine Figuren erzählt. Genau das hat der Künstler mit seiner Frau Kathrin und seinen Kindern Paula und Hermine für die Ausstellung im Lehmbruck Museum gemacht. Als Anregung fürs eigene Kopftheater.

Ergebnis ist ein Toniebox-Audioguide, den man hoffentlich bald wieder mit durch die Schau in Duisburg nehmen kann. Da kommen auch die „Abenteuer des Mannes mit schwarzer Hose und weißem Hemd“ zur Sprache: „Mal kämpft er mit einer riesigen Schlange, mal reitet er rücklings auf einem galoppierenden Stier. Und im nächsten Moment schaukelt er auf der Sichel des Mondes“, heißt es dort.

Das anzuhören hat uns richtig Spaß gemacht.

Der Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd
ist also einer,
der alles sein kann?“
Ja. Und der man selber ist.“

Paula und Hermine Balkenhol

Die schönsten Geschichten zu den Figuren Stephan Balkenhols erzählt man sich aber trotzdem am besten vor den Originalen selbst. Dafür braucht es dann eine lockdownfreie Zeit. Und dann nur noch etwas eigene Phantasie. Oder, noch einmal frei nach Musil: einen „Möglichkeitssinn“ für das Verborgene.

Wir von der KunstArztPaxis hoffen also sehr, dass das Lehmbruck Museum bald seine Pforten wieder öffnen kann. Und bis dahin unser Tipp: Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ lesen! Jetzt ist für dicke Wälzer eine gute Zeit. (01.02.2021)

Anmerkung: „Stephan Balkenhol“ sollte am 28. Februar 2021 zu Ende sein, konnte aber bis zum 24. Mai 2021 verlängert werden. Toll.

Stephan Balkenhol, Museum Lehmbruck, Duisburg 2020
Toniebox-Audioguide zur Balkenhol-Ausstellung im Lehmbruck Museum, Duisburg 2020

Lehmbruck Museum Duisburg

Stephan Balkenhol: Hüllen für Geschichten

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2 Gedanken zu „Stephan Balkenhol: Hüllen für Geschichten

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