Zum ersten Mal konnte uns Thomas Schütte seine Skulpturenhalle wochentags nicht aufsperren, deshalb machten wir bei Bertram Jesdinsky eine völlig neue, beglückende Ausstellungs-Erfahrung. Ein Erlebnisbericht mit der ermunternden Aufforderung zum Nachmachen!

Aus diversen Gründen sind wir gern allein im Museum, und wir betrachten es als vielleicht größtes Privileg unserer KunstArztPraxis-Praxis, dass dadurch der intime Dialog mit Kunst jenseits von Öffnungszeiten in den letzten Jahren immer wieder möglich war. Auch in Thomas Schüttes offiziell nur am Wochenende geöffneter Skulpturenhalle zwischen Museum Insel Hombroich und Langen Foundation haben wir oft schon Stunden einsam schreitend und staunend mit den Skulpturen verlebt.

Nicht selten kam Thomas Schütte persönlich aus Düsseldorf angereist, um uns die Türen aufzuschließen – und dabei schnell noch nebenan eine Latte von Richard Long gerade zu rücken oder Nägel für eine Fahne von Matt Mullican in die Wand zu schlagen, während wir ungestört wandelten. Im Vor- und Nachklapp ergaben sich dabei oft eigenwillige, also eigentlich immer gute Gespräche.

Thomas Schütte hängt Matt Mullican, Skulpturenhalle, Neuss 2019

Momentan ist der wundervolle Zoo des großen, viel zu wenig bekannten, in Bonn geborenen und in Wuppertal gestorbenen Allround-Künstlers Bertram Jesdinsky (1960-1992) in der Skulpturenhalle zu Gast, und da wir eh in der Gegend waren, um Sean Scully in der Langen Foundation zu fotografieren (dazu kommt dann später was), dachten wir, wir fragen bei Thomas Schütte nochmal an, ob er uns freundlicherweise wieder öffnen könne.

Diesmal konnte er – zu seinem Bedauern und wie wir damals dachten: leider – zum ersten Mal nicht.

Die Skulpturenhalle blieb für uns verschlossen. Damals dachten wir noch: Schade!

Pah! Wir treffen Roland Nachtigäller!

Also sind wir nach Scullly nicht einsam zwischen der auf einem Autoreifendorf thronenden Giraffe, dem Handstand machenden Zirkushund, dem bedruckten Leinenkörper-Glücksschwein oder dem fischbemaulten, mit einem Fell aus Fünfmarkstück-Abdrücken besetzten Bären hin und her flaniert, den wir freilich schon näher aus dem Aachener Ludwig Forum kannten.

Stattdessen sind wir endlich einmal wieder über das weite Gelände der Raketenstation hinter der Langen Foundation spaziert, wo gerade auch Katharina Hinsberg in ihrem Atelier zugegen war. Und wir haben mit Roland Nachtigäller kiefernbeschattet und vogelbezwitschert in der Sonne gesessen und über seine Pläne mit der Stiftung Hombroich gesprochen. Vielleicht schreiben wir auch darüber einmal etwas.

„Es gibt so viel zu tun
und ein geradezu unerschöpfliches Potenzial!“

Roland Nachtigäller

Als uns Roland Nachtigäller dann sogar noch die grandiose, zwar schon vergangene, aber noch hängende Ausstellung von Jean Fautrier im Siza Pavillon aufschloss, hatten wir in Anbetracht der überwältigend düsteren, erdig-diffusen Bilder plötzlich derart gute Laune, dass wir spontan beschlossen, doch noch bei Schüttes Skulpturenhalle vorbeizuschauen und uns Jesdinskys Zoo aus epoxydharzüberzogener Wellpappe und säurepatiniertem Kupfer einfach durch die Distanz der Scheibe zu betrachten.

Auch das war dann in Anbetracht der glücklichen Umstände eine ganz und gar großartige, schöne, vielleicht noch etwas einsamere Erfahrung.

Bertram Jesdinsky, Skulpturenhalle, Neuss 2022

Seitdem sind wir Fans des vermutlich von Joseph Beuys eingeführten Ausstellungskonzepts der Kunst-Peep-Show mit Tieren, bei denen der Betrachter eben draußen bleiben muss.

Die befreiende Kraft der Fotografie

Zudem haben wir mit der Hinterglas-Lichtmalerei ein Genre der Ausstellungsfotografie vielleicht sogar erfunden, zumindest aber neu für uns entdeckt: ein Genre, das Jesdinskys Tiere aus dem Gefängnis ihres Hallenbaus im Auge des Betrachters grasend und weidend und ruhend auf die Wiesen und Felder der Neusser Umgebung ins Freie treten lässt.

Oder vor die Haustür von Thomas Schüttes Neubau vis-à-vis der Skulpturenhalle, der, wie man so hört, eine wundervolle Wohnung beherbergen soll.

Vielleicht gehen wir jetzt öfter einfach mal nicht ins Museum, sondern lugen lieber ehrfurchtsvoll durch die Scheibe. (30.05.2022)

„Bertram Jesdinsky“ ist noch bis zum 7. August 2022 in der Skulpturenhalle der Thomas Schütte Stiftung in Neuss zu sehen. Doch Obacht: Nur von Freitag bis Sonntag ist geöffnet! Ansonsten: Einfach Nase an die Scheibe drücken. Ist auch günstiger.

Anmerkung: Wir hätten auch gerne unsere Fotos der wirklich großartigen Jean-Fautrier-Ausstellung auf der Raketenstation gezeigt. Haben wir nämlich einige gemacht. Verhindert, na? Richtig: wieder mal die Unsichtbarkeits-Maschine.

Tiere in der KunstArztPraxis:
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„Surreale Tierwesen“ in Brühl: Zoo mit Zerberbus
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Sommerloch-Porträts (2): Pierre Huyghes Hund
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Homepage der Skulpturenhalle Neuss

Thomas Schütte rückt Richard Long gerade, Skulpturenhalle, Neuss 2018
Peep-Show mit Tieren: Bertram Jesdinsky in Neuss

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