Bekannt wurde Karin Kneffel mit Porträts von Haus- bzw. Nutzgetier, von Obst und Feuer. Jetzt sind rund 80 spätere Werke der Richter-Schülerin im Max Ernst Museum zu sehen. Ein guter Ort: Denn in ihrem Realismus ist Kneffel unserer Ansicht nach komplett surreal. Warum? Erzählen wir unten.

In unserer Jugend filmten wir gern mit Super-8, und da konnte man die normale Aufnahme von 18 Bildern pro Sekunde für Zeitlupen per Drehrad an der Kamera verdoppeln. Je mehr Bilder es gab, desto langsamer lief auf der Leinwand die Bewegung ab. Aber es blieb trotz allem Bewegung, die beim Aufprall auf die Netzhaut immer schon vergangen war.  

Was wäre, so dachten wir damals öfters, wenn man statt 36 unendlich viele Bilder machte, also eine ins Ewige zerdehnte Zeitlupe, aufgenommen mit einer Super-∞-Kamera? Bekämen wir dann einen konkreten Augenblick zu Gesicht? Würde die Zeit in ihrer Bewegung total zum Stillstand kommen?

Kneffels „Ohne Titel“ (2016) mit situativ eingebautem Hausgeist. Findet Ihr ihn?

Nein, war uns schnell klar. Dann gäbe es immer noch eine Aneinanderreihung von vergangenen Davors und ungesehenen Danachs – wenn auch für uns nicht mehr wahrnehmbar. Und einen sehr, sehr öden Film.

Später erfuhren wir, dass diese Erkenntnis schon die alten Griechen gekommen war: Objektiv betrachtet ist Gegenwart Illusion. Weil sich der Zeitpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft so unendlich klein machen lässt, dass der reine Augenblick letztlich zu Nichts verpufft.

Verortet im Dazwischen

Wir wissen gerade nicht, ob wir uns verständlich machen können, aber wir glauben, dass Kneffels Kunst in diesem verpuffenden Dazwischen angesiedelt ist. Für uns sind die Gemälde der Richter-Schülerin Film-Stills jener illusionistischen Gegenwart, die selbst die zerdehnende Zeitlupe unserer erdachten Super-∞-Kamera so nicht bannen könnte.

Karin Kneffel, „Ohne Titel“ (2015), Max Ernst Museum Brühl, 2022

Bei Kneffel ist dieser imaginäre Augenblick so verschwindend klein, dass vieles gleichzeitig & überbordend in ihm passiert. In diesem Augenblick ist alles gleich gestochen scharf, zudem verzerrt und nicht verzerrt geschichtet – und aus einer Perspektive aufgenommen, die viele Perspektiven umfasst.

Diese nicht existierende Gegenwart, die sich in Kneffels ebenso kühlen wie sinnlichen Bildern spiegelt, ist also von surrealer Realität. Dank Kneffels Kunst sind wir in diesen unwirklichen Wirklichkeiten, so verrückt das klingt. Der Titel der Brühler Schau – „Im Augenblick“ – ist also klug gewählt. Und mit dem Max Ernst Museum auch der Ort.

Unheimliche Vertrautheit

Natürlich ist das alles paradox, und es liegt in der Natur der Sache, dass wir als Betrachter in diesem lichtdurchfluteten Augenblick mit all seinen Reflexen, Spiegelungen und Brechungen nur aus der Distanz mitten drin sein können.

Und so blicken wir bei Kneffel denn auch oft durch Scheiben klar auf nebeltrübe Interieurs, die in der befremdenden Färbung ihrer rätselhaften Zeitlosigkeit jegliche Vertrautheit verloren haben. Wobei im Zerlaufen erstarrte Regentropfengebilde oder Kondensate kryptischer Zitate aus nichts als weggewischter Feuchtigkeit den Blick schärfend verstellen.

Im Grunde sehen wir uns selbst beim Sehen auf das eigentlich nicht Sichtbare zu, im gleißend hellen Zwielicht. Besser können wir das leider nicht beschreiben.

Detail aus Karin Kneffels „Ohne Titel“ (2009), Max Ernst Museum Brühl, 2022

In dieser zeitlosen Überschärfe sieht man auf der Leinwand Dinge, die man im Film der Wirklichkeit nicht sehen kann:

Man sieht das Scheitern von Reitern auf einer Tapete, die ihnen eigentlich zum Ruhm gereichen sollte. Man sieht den Pinsel, der das fertige Bilder malt – und zwar samt seiner vermeintlich unfertigen, tatsächlich aber längst ausgeführten Partien. Man sieht ein Kinopublikum aus der Sicht eines zu Ende gehenden Films. Und die imaginäre Zeitlupen-Sequenz eines Hitchcock-Klassikers sieht man auch.

Zudem sieht man gleich drei Mal einen Dalmatiner, dessen Spiegelbild seiner Zeit so weit voraus ist, dass es den Betrachter schon wachsam fixiert, während sein träger Besitzer immer noch schlummert. Ähnliches kannte man bisher eigentlich nur von Lucky Luke, wenn auch andersrum: Denn beim Comic-Westernhelden zieht der verdutzte Schatten im Duell ja bekanntlich langsamer als sein schießender Werfer.

Kneffels Hund und Luckys Schatten. Film-Still-Collage der KunstArztPraxis, Köln 2022

Haltegriff aus Nichts

„Die Malerei ist für mich wie ein Haltegriff, der im Moment des Zugreifens wieder verschwindet“, sagt Karin Kneffel über ihre Kunst. Also wie beim Augenblick, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Aber auf Kneffels Bildern ist er da. Wir haben ihn gesehen.

Aber vielleicht war das auch nur ein optischer Spuk, eine surreale Zeiten-Falle, so wie unsere fixe Idee von derSuper-∞-Kamera vielleicht eine intellektuelle, oder metaphorische, war?

Selbst wenn dem so wäre, so sind wir trotzdem gern hineingetappt. (23.05.2022)

„The End“: Abgang aus Kneffels Ausstellung „Im Augenblick“, Max Ernst Museum Brühl, 2022

„Karin Kneffel. Im Augenblick“ ist noch bis zum 28. August 2022 im Max Ernst Museum Brühl zu sehen.

Appendix: Fakten-Check für Karin Kneffel

2019 besuchte Karin Kneffel das Duisburger Lehmbruck Museum. Im lichten Betonbau gibt es bekanntlich mitten im Gebäude ein Atrium komplett aus Glas, und Karin Kneffel fragte sich, wie dieses sauber, also transparent gehalten werden könnte. Aus dieser Frage erwuchs 2019 ein Bild, in dem die Ebenen aus Durchsicht und Draufsicht, Innen und Außen, Offen und Geschlossen in kneffeltypischer Manier verwischen. Im Max Ernst Museum hängt dieses Gemälde momentan an der Wand.

Ob die Fenster im Lehmbruck Museum tatsächlich so geputzt würden wie auf dem Gemälde, könne sie nicht sagen, verriet uns Kneffel im Gespräch in Brühl. Sie habe das nie gesehen. Die Szenerie des Bildes sei ein Produkt ihrer Phantasie.

Was sollen wir sagen? Die KunstArztPraxis konnte helfen! Wie es der objektive Zufall will, hatten wir im selben Jahr (!) im Atrium des Lehmbruck Museums einen Fensterputzer bei der Arbeit abgelichtet. Eine Kopie des Fotos befindet sich inzwischen in Kneffels Besitz.

Unser Foto beweist: Im Lehmbruck Museum werden die Fenster einsamer und auch etwas profaner geputzt als auf Kneffels Gemälde. Aber es sind natürlich Leitern im Spiel. Lehmbrucks „Emporschreitender Jüngling“ zeigt sich von der Reinigung tatsächlich unbeeindruckt. Und der echte Putzer wischt mit derselben großen malerischen Geste verbergende Schlieren übers Glas wie sein Pendant aus Farbe über die Leinwand.

Von daher war die Wirklichkeit im Atrium der Kunst sehr klug erdacht.

Kneffel vs. Realität, 2019: Wischen possible (oben) und Wischen in Wirklichkeit (unten)

Max Ernst Museum in der KunstArztPraxis:
„Surreale Tierwesen“ in Brühl: Zoo mit Zerberbus
Surrealist im Geiste. Robert Wilson in Brühl
KAP-Fotostrecke: Ruth Martens „Dream Lover“ in Brühl

Homepage des Max Ernst Museums Brühl

Karin Kneffel in Brühl: Von surrealer Gegenwart

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