Betriebsausflüge 7: Sandra Vásquez de la Horra in München
Als florierende KunstArztPraxis haben wir ja Geld wie Heu, deshalb schließen wir hin und wieder die Patientenpforte und reisen komplett ins befreundete Ausland. Diesmal ging’s nach Bayern, ins Haus der Kunst: zu Sandra Vásquez de la Horra. Hier das Ausflugsprotokoll* unserer Schülerpraktikantin Lucija.
*Naja, „Ausflugsprotokoll“ trifft es diesmal nicht so wirklich.
Lucija hat es anders angepackt als unsere Schülerpraktikantinnen bisher.
Aber lesen Sie selbst.
Letzte Woche ist meine Baka Zora gestorben, mit 94 Jahren. Sie ist aus Zagreb nach Deutschland gekommen, da war sie fast so jung wie ich. Sie hat sich hier nie richtig wohl gefühlt, von den Deutschen ungeliebt, auch missverstanden.
Aber sie war trotzdem eine starke Frau.
Jugend in Diktaturen
Meine Baka hat zwei Kriege erlebt, den ersten in Zagreb, den zweiten in Kroatien aus der Ferne.
Und sie ist unter Tito groß geworden, dem jugoslawischen Diktator. Im Vergleich zu Pinochet, unter dem Sandra Vasquez de la Horra groß geworden ist, war Tito allerdings ein Waisenknabe.
Die Jugend in der Diktatur, das Unwohlsein in der Fremde: Ich glaube, das sind zwei Sachen, was beide verbindet. Das habe ich aber erst in München begriffen, weil wir eine sehr gute Führung hatten.
Da lebte meine Baka noch.

Foto oben: Sandra Vásquez de la Horra, „Der Sprung des Herrn Maus“ (2008),
Haus der Kunst, München 2026
„Was mich damals am stärksten geprägt hat, als ich ins Rheinland kam, war die Gleichgültigkeit. Ich hatte oft das Gefühl, ich sei unsichtbar.“
Sandra Vasquez de la Horra


Die Haut der Zeichnung
Ich mag die starken Frauen und Müttern auf den Bildern, die in München nicht nur an den Wänden hängen, sondern witzig aufgefaltet auf Tischen stehen. Die Farben, aber auch die tiefschwarze Dunkelheit der Gespenster.
Ich mag, dass das Papier, weil es in Bienenwachs getränkt ist, so was von Haut hat. Ich mag das Geheimnisvolle, das zum Teil ja aus indigenen Mythen stammt. Dass Pflanzen und Vulkane und Menschen magisch ineinander übergehen wie in einem fernen Paradies.
So zu zeichnen muss viel Kraft und Ruhe geben. Energie. „Soy Energía“: So heißt die Ausstellung ja auch.
Foto oben: Sandra Vásquez de la Horra, „Schöpfer der Kreatur“ (2015),
Haus der Kunst, München 2026
„Wenn ich zeichne, bin ich leer. Das ist Meditation für mich, ein Weg, in meiner Mitte zu bleiben.“
Sandra Vásquez de la Horra

Schönheit. Grausamkeit. Geheimnis.
Ich glaube, dass Sandra Vásquez de la Horra ihre Heimat Chile auf ihren Zeichnungen mitgenommen hat. Dass sie die Heimat, die sie im Kopf hat, in ihre Zeichenhand hat fließen lassen.
Mit ihrer ganzen Schönheit, aber auch mit all der Grausamkeit. Und mit ihrem Geheimnis, das gut und böse sein kann.
Da ist sehr viel Sehnsucht in den Bildern. Aber auch Verzweiflung, finde ich.
Aber vielleicht kommt mir das alles auch nur so vor, weil es meine Baka gab.*
*Nein, dass ist alles drin, liebe Lucija! Aber
noch mehr. Das wirst du später merken.
Wenn dein Körper andere Erinnerungen
gespeichert hat.

Foto oben: Sandra Vásquez de la Horra, „Geknebeltes Fräulein“ (2015),
Haus der Kunst, München 2026
„Ich verstehe den Körper als Ort der Erinnerung. Im Körper speichern wir Erfahrungen, Emotionen und Erlebnisse, auch unbewusste.“
Sandra Vasquez de la Horra
Tito hat Bakas Mama mal ein Grundstück am Meer gestohlen, einen Kühlschrank gab es dafür im Tausch, damit sind wir quitt, hat Tito gesagt. Der Kühlschrank ist natürlich längst kaputt.
Aber das war nur ein Grundstück am Meer! Pinochet hat den Menschen ihre Leben gestohlen. Er hat sie umgebracht, ihre Kinder verschleppt. Die waren plötzlich weg.
Und er hat ihnen ihre Geschichte gestohlen. So wie Hitler. Und wie Putin gerade in der Ukraine.
Wer findet die Geschichten?
Deshalb glaube ich, dass die Figuren bei Sandra Vásquez de la Horra auf dem Papier im Leeren schweben.

Foto oben: Sandra Vásquez de la Horra, „Soy Energía“,
Ausstellungsansicht, Haus der Kunst, München 2026
Da ist keine Geschichte mehr, aber man weiß natürlich, dass da eine sein müsste. Denn die Figuren sind viel zu spannend gezeichnet, um keine Geschichte zu haben.
Ich wünschte, ich könnte den Figuren ihre Geschichten zurückgeben.*
*Kannst du doch, liebe Lucija! Wir wissen, dass dich der „Spruch“ von uns nervt,
aber: Kunst ist im Idealfall magische Verheißung! Auch für Geschichten.

Dass die Bilder von Sandra Vásquez de la Horra jetzt im Haus der Kunst hängen, finde ich gut. Hitler hat das Haus ja bauen lassen, um kitschige Bilder hineinzuhängen, die er gut fand und die alle Deutschen gefälligst gut zu finden hatten. Er war ja Hobbymaler.
Die Bilder von Sandra Vásquez de la Horra hätte sich Hitler niemals in sein Haus der Kunst gehängt. Sie hätten ihn geärgert. Vielleicht sogar Angst gemacht. Auch deshalb ist es gut, dass sie da hängen.
Kunst als Heimat
Überhaupt: Die Bilder, die ich mag aus dieser Zeit, als Hitler an der Macht war, hat Hitler lächerlich gemacht. Die sie gemalt haben, sind ins KZ gekommen oder haben fliehen müssen an Orte, wo sie sich nicht zu Hause fühlten. Auch Deutsche. Und viele hatten dann nur noch ihre Kunst als Heimat.

Dazu passt, dass Sandra Vásquez de la Horra viele ihrer Bilder in München einfach mit Nadeln ungerahmt in die Wand gesteckt hat: Damit sie notfalls schnell zusammenpackt werden können, wenn sie aus Deutschland fliehen muss? Zu sowas könnte es ja bald schon wieder kommen.
Vielleicht ist meine Baka Zora gerade noch rechtzeitig gestorben. Ich lebe ja in einer Zeit, in der Hass und Verachtung für Andere wieder ausreicht, um die Macht zu übernehmen.
Was bitte ist mit diesem Deutschland los? (05.04.2026)
„In einer Diktatur lebst du ständig in einem Risiko, gerade wenn du jung bist, feiern willst oder mal die falschen Freunde hast. Es ist ganz anders als in einer Demokratie.“
Sandra Vásquez de la Horra
„Sandra Vásquez de la Horra. Soy Energía“ ist noch bis zum 17. Mai 2026 im Haus der Kunst in München zu sehen.
Appendix: Die Hände der Frau und das Flüstern der Ahnen.
Eine magische Liebesgeschichte
Wie Jede*rmann weiß, lieben wir Drei von der KunstArztPraxis den objektiven Zufall der Surrealisten sehr. Aber es gibt rätselhafte Verbindungen in der Welt, gleichsam kosmische Netze, einende Verrücktheiten im Weltgefüge, liebe Lucija, die Menschen & Dinge magischer verknüpfen als es der objektive Zufall jemals vermöchte – und die Kunst & Leben nicht selten auf, ja: undenkbar zärtliche Art zusammenbringen.
So wie in folgender Geschichte zu einer zauberhaften Zeichnung von Sandra Vasquez de la Horra & dem Beginn einer großen Liebe, die sich wirklich genau so zugetragen hat. Wir schwören! Voilà:
2012 war ein Münchner Praxis-Freund, der aus Verschwiegenheits-Gründen namentlich nicht genannt werden will, in der Ausstellung „El Árbol del Fuego“ von Sandra Vásquez de la Horra im Oldenburger Kunstverein. Dort hing auch eine Zeichnung mit dem Titel „El Susurro del Egun“.
Es war das Bild eines Liebes- oder Feindespaares. Ein Mann (?) liegt am Boden, erregt oder geschlagen; eine Frau kniet über ihm, während ihr ein Luftwesen, das nach den Ahnengeistern der Yoruba benannt ist, etwas einhaucht. Das könnte Begehren sein, aber auch Rache, Gutes wie Böses. Oder eben beides: In der Welt gesäuselter Mythen weiß man das nie.
Auf den ersten Blick war der Freund schockverliebt, er kontaktierte die Galerie der Künstlerin in Düsseldorf, das Flüstern des Geistes war noch verfügbar. Der Freund erstand das Blatt und legte es in seinen privaten Grafikschrank, um es jederzeit herausziehen und gebührend bewundern zu können.
Kurze Zeit später verliebte sich der Freund in eine Frau aus Fleisch und Blut in einer fernen Stadt. Da beide sich kaum sehen konnten, schrieben sie sich mehrmals täglich E-Mails. Es war eine romantische, streichelzarte Liebe. Einmal schickte die Frau dem Freund per Briefpost einen Abdruck der Innenflächen ihrer Hände, die sie auf den Kopierer gelegt hatte, nach München. Diese Kopie schob der Freund unter „El Susurro del Egun“.
Der Freund dankte der Frau mit zärtlichen Worten für ihre Hände und schrieb ihr, er habe die Kopie unter die Zeichnung einer Künstlerin gelegt, die er seit Kurzem verehre. Den Namen der Künstlerin schrieb er ihr auch, den Titel der Zeichnung hingegen nicht.
Sandra Vásquez de la Horra habe sie nicht gekannt, schrieb die Frau kurz darauf zurück. Aber sie habe sich sicher Hunderte Bilder ihrer Zeichnungen im Internet angesehen, sie gefielen ihr sehr. Eine Zeichnung möge sie besonders, sie habe sich sofort schockverliebt: siehe jpg im Anhang.
Der Freund klickte auf das von der Frau geschickte jpg. Zu seiner großen Überraschung war es eine Kopie von „El Susurro del Egun“ im Grafikschrank! Die Frau hatte unter Hunderten von Zeichnungen von Sandra Vásquez de la Horra exakt jene herausgesucht, unter der ihre Hände lagen.

„Donald Trump war viel zu lange an der Macht. Seine Art, die Welt zu betrachten, war zutiefst sadistisch und voller Sarkasmus. Er hat über Menschen gelacht, die Opposition zum Clown gemacht und sein Spott hatte grausame Konsequenzen.“
Sandra Vasquez de la Horra
Anmerkung: Im obigen Zitat hat sich leider ein Fehler eingeschlichen! Es muss natürlich Wladimir Putin heißen, nicht Donald Trump! Quatsch: Xi Jinping! Oder Kim Jong-un? Moment … was hören wir da gerade? … Aha, gut, Danke! Augusto Pinochet ist der richtige Name. Wir bitten um Entschuldigung.
Betriebsausflüge in der KunstArztPraxis:
6: „Honiggelb“ in Wiesbaden
5: Nick Cave in Wassenaar
4: „Kafka: 1924“ in München
3: Nicole Eisenman in München
2:“Geordnete Verhältnisse“ in Nürnberg
1: „Kunst für Tiere“ in Rüsselsheim


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