Magie der Leere. Carl Grossberg in Wuppertal
Im Von der Heydt-Museum Wuppertal sind gerade knapp 200 Werke des geborenen Elberfelders Carl Grossberg (1894-1940) zu sehen: einem der ganz großen Magier der neuen Sachlichkeit. Die erste Retrospektive seiner menschenleeren Landschaften, Städte und Fabrikhallen seit über 30 Jahren ist eine kleine Sensation.
Häuser haben keine Beine: Sie können nicht weglaufen. Das Licht liegt auf den Dächern träge in der Sonne, und Schatten kriechen wie ein Faultier über die Fassaden. Für frühe Fotografen waren Häuser & Dächer & Fassaden deshalb, der ellenlangen Belichtungszeiten wegen, erste Wahl.
Die frühe Stadt-Fotografie ist belichtungsbedingt menschenleer. Wenn überhaupt, dann huschen schildkrötenlahme Flaneure als verwischte Geister oder schwarze Schatten übers Trottoir selbst der Millionenstädte.
Der damals gerade aufbrausende Verkehr ist ohnehin wie durch Zauberhand verschwunden.

Magie aus Unzulänglichkeiten
Die frühe Stadt-Fotografie zeigt das Urbane nicht, wie es wirklich war, im Gegenteil: Sie zeigt es so, wie selbst seine Bewohner*innen es in Wirklichkeit nie zu Gesicht bekamen.
Die frühe Stadt-Fotografie dokumentierte nicht – weil sie es nicht konnte. Die frühe Stadt-Fotografie war aus technischer Unzulänglichkeit geborene, fast schon surreale Magie.*
*ist nicht von uns. Ist (ungefähr) von Walter Benjamin


Wenn wir die Bilder von Carl Grossberg betrachten, dann fallen uns diese frühen menschenleeren Fotos ein. Er hat sie sicher gekannt.
Fotos, die das Tempo als zentralen Motor der Moderne einfach schlucken – deren nostalgisch anmutende Entschleunigung einer beschleunigten Welt wundersam irritiert. So wie auf den Gemälden Carl Grossbergs eben, wo jedes Schwung-Rad stillsteht. Wo kein Kessel dampft. Wo Schnee liegt auf den Schloten.
Mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass Carl Grossbergs Zauber keiner Unzulänglichkeit entspringt, sondern höchster malerischer Raffinesse. Dort war leere Magie. Hier ist Magie der Leere.
Bild oben: Carl Grossberg, „Der gelbe Kessel“ (1933),
Von der Heydt-Museum, Wuppertal 2026

Wir sehen keinen Gegensatz
Deshalb sehen wir im Grunde auch kaum einen Gegensatz zwischen dem „Realismus“ von Grossbergs Städten & Fabriken und jenen „Traumbildern“, die mit Laternengeistern oder Spuk-Gestalten, mit Vögeln, Affen, Fledermäusen – und einmal auch mit einem über die Fassade kletternden Faultier! – besiedelt sind:
Als wäre die Natur aus dem Zoo entwichen und hätte sich das Urbane nach dem Verschwinden der Menschheit zurückerobert.
Wir sehen keinen Gegensatz, weil für uns Carl Grossbergs Realismus nicht vorrangig „sachlich“ ist, sondern eben tiefgründig magisch.

Bild oben: Carl Grossberg, „Vorstadtspuk“ (1920, Detail)
Von der Heydt-Museum Wuppertal, 2026

Begrifflich präferieren wir Franz Roh
Deshalb präferieren wir auch einen Konkurrenz-Begriff zur „Neuen Sachlichkeit“, der unseres Erachtens ein wenig zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist, aber etwa zeitgleich, 1925, entstand. Er stammt von Franz Roh, der nicht nur Kunstkritiker und Kurator, sondern ein fulminanter Collage-Künstler war.
„Magischer Realismus“ lautet der Begriff, und der trifft es, was die geheimnisvolle Darstellung des Vertrauten betrifft: die fast schon metaphysisch aufgeladenen Fassaden, Maschinen, Möbel, Dinge – in unseren Augen irgendwie besser.
In neusachlichen Weimarer Zeiten nicht nur, aber vor allem auch bei Carl Grossberg.

Foto oben: Carl Grossberg, „Stahlmöbel“ (1935),
Von der Heydt-Museum Wuppertal, 2026


Und sonst?
Wir mögen, wie Grossberg Bilder aus Hausfassaden-Flächen staffelt, um diese Staffelung dann wieder durch kriechende Schatten irritierend zu dekonstruieren.
Und wir mögen, wie Grossberg Landschaft – neben Stadt & Fabrik sein dritter Schwerpunkt – verfremdend auf die Größe von Modell-Eisenbahn-Idyllen zusammenschrumpft.
Das alles ist nichts anders als meisterlich, vielleicht sogar ein Stück weit altmeisterlich zu nennen. So wie der unsichtbare Pinselstrich, die Lasur.
Laut Museumsdirektor Roland Möning brauchte Carl Grossberg Monate für jedes Bild. Der Fortschritt ist halt auch beim Malen eine Schnecke.
Bild oben: Man beachte, wie sich der Baum-Schatten in Urban-Schatten verästelt! Das
ist real schon ziemlich magic. Carl Grossberg, „Würzburg, Wagnerei“ (1925, Detail),
Von der Heydt-Museum Wuppertal, 2026
„Der Fortschritt ist eine Schnecke.“
Günter Grass

Und dann haben wir noch ein erklärtes Lieblingsbild in „Carl Grossberg“: die „Weißen Röhren“, die 1933 entstanden sind.
Für uns moderner als Thomas Ruff
Uns war es beim Betrachten damals, als sei das Gemälde ein sepiagetöntes Foto, auf dem Carl Grossberg rotierende Teile und gläserne Röhren mit ihren wirbelnden chemischen Innereien gleißend weiß übertünchte, um der Maschine malerisch den innewohnenden Zauber unproduktiver Erstarrung zurückzugeben.
Ein bisschen so wie das, was Thomas Ruff mit seiner auf Glas-Negativen der Dreißigerjahre (!) basierenden Serie industrieller „Maschinen“ ab 2003 versucht hat. Nur noch moderner. Das ist hierzu zumindest unsere Lieblingsphantasie.*
* eine Lieblings-Phantasie, die wir in Bezug auf Ruff hier leider nicht
illustrieren können. Die Unsichtbarkeits-Maschine verhindert das.
Und DIESE Maschine ruht nie still.

Von daher finden wir es schön, dass „Carl Grossberg“ unter anderem in einem „Epilog“-Raum die Brücke nicht nur zur Pop Art schlägt, sondern auch zu zwei der großen Magier unserer fetischisierten Maschinen- und Warenwelt: Konrad Klapheck und Bruno Goller.
Die rätselhafte Kälte
Oder zu Thomas Demands „Hole“ von 2013, in dem sich die rätselhafte Kälte, die auch vielen Werken Carl Grossbergs eigen ist, ins Unheimliche dreht.
Denn Magie der Leere im Sinne Carl Grossbergs sein: Das kann Fotografie, wenn sie denn technisch ausgereifte Kunst ist, auch heute noch.

Und was, wenn aus den menschenleeren Städten auch die Tiere verschwunden sind? Wenn nur noch autonome Maschinen wüten?
Wir müssen gar nicht auf den „Terminator“ warten: Carl Grossberg hatte auch hierzu seine Vision. In Form eines Automaten auf einem Drahtseil unter freiem Himmel, der einen verrückten Schatten auf die Erde wirft.
Die unscheinbare Skizze befindet sich in einem Notizheft, das in Wuppertal zu sehen ist. Darunter ist als Entstehungsdatum der 30. Januar 1933 vermerkt.
Jener Tag also, an dem Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler der Weimarer Republik ernannte.

Foto oben: Carl Grossberg, „Seiltanzende Maschine mit Schatten“ (1933)
Von der Heydt-Museum Wuppertal, 2026
In Zeiten von KI aktueller denn je
Es dauerte bekanntlich nicht lange, da hatte dieser Hitler wie von Carl Grossberg vorhergesehen mit seinen Panzern, Bombern und Raketenwerfern einen Weltenbrand entfacht.
Dass die Menschheit diesen überlebte, bekam der Künstler nicht mehr mit: Nachdem er als Fahrer im Range eines Oberstleutnants infolge eines Autounfalls mit tödlichem Ausgang vor ein Kriegsgericht gestellt worden war, nahm sich der schon von seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg traumatisierte Carl Grossberg 1940 im französischen Laon mit seiner Dienstwaffe das Leben.
In Zeiten von KI jedenfalls ist Grossbergs „Seiltanzende Maschine“ aktueller denn je. Denn es besteht ja überhaupt kein Grund zur Hoffnung, dass die Maschinen nach ihrer Machtergreifung den traumtänzerischen Wahnsinn des homo urbanus nicht wiederholen. (26.04.2026)

„Carl Grossberg. Sachlich – Magisch – Visionär“ ist noch bis zum 30. August 2026 im Von der Heydt-Museum Wuppertal zu sehen. Und, ja: ein paar Passanten gibt es manchmal doch. Und auch ein, zwei dampfende Schlote.
Anmerkung: Noch ein kurzes Wort zu Carl Grossbergs „Fabriklandschaft“ (1923), wo ja bekanntlich Schnee liegt auf den Schloten. Auch uns ist nicht entgangen, dass es sich um eine Industrie-Ruine handelt, deren Fenster – bis auf ein eiziges – tote Augen sind. 1923 steckte Deutschland als Folge seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg in einer von Hyperinflation befeuerten Wirtschaftskrise, die Hitler für seinen Putsch-Versuch im selben Jahr zu nutzen suchte. Damals ging schief, was später gelang.
„Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD“
Christian Lüth, AfD

Nachfolger der Neuen Sachlichkeit in der KunstArztPraxis:
Die Kunst der Stanze: „Annem işçi“ im Marta
Papiertiger aus Acryl. Eckart Hahn in der Villa Zanders


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