Lauter Augenweiden. Max Ernst & August Macke in Bonn
Rechtzeitig zum 50. Todestag von Max Ernst beleuchtet das Bonner Museum August Macke Haus die kollegiale Freundschaft seines Namensgebers mit dem späteren Surrealisten. Das ist nicht nur thematisch erstaunlich fruchtbar, sondern zeigt auch einen Ernst, den man noch nie zuvor gesehen hat.
Es gibt derzeit viele gute Gründe, ins Museum August Macke Haus zu pilgern: Die Ausstellung „Visionen der Moderne“ mit ihren rund 80 Exponaten steckt nämlich voller kleiner Highlights.
In der Zusammenschau beleuchtet sie die frühe Freundschaft des späteren Surrealisten Max Ernst zum „unvergesslichen“ August Macke, dessen Werke „durch ihre fast beunruhigende Ruhe, ihre wahre Eleganz und ihre außergewöhnlichen visuellen Reize“ für Max Ernst stets eine „Augenweide“ waren – ihre unterschiedlichen Blicke auf Bonn, Köln und den Krieg sowie, in einem Exkurs, die Bedeutung ihrer Partnerinnen.
Und, für uns als Expositions-Therapeuten extra wichtig: Der Humor kommt dabei nicht zu kurz.


Die Welt der Wunder
Ernsts Freundschaft zu Macke begann um 1911 und endete drei Jahre später abrupt mit Mackes Tod im Ersten Weltkrieg, in den dieser zu Ernsts Entsetzen mit Begeisterung gezogen war.
Sie fällt damit genau in jene Zeit, die Max Ernst als Periode von „Ausflügen in die Welt der Wunder“ bezeichnet hat: eine Welt der „Chimären, Phantome, Dichter, Ungeheuer, Philosophen, Vögel, Frauen, Irren, Magier, Erotik, Steine, Insekten, Berge, Gifte und so fort“.
Klingt schon ausgefuchst surrealistisch. Ist aber, wie man in Bonn sehr schön entdecken kann, noch ganz den Lehrjahren des Expressionismus verpflichtet.
Bild oben: Max Ernst, „Von der Liebe in den Dingen“ (1914), August Macke Haus,
Bonn 2026; © für die Kunst: VG Bild-Kunst, Bonn 2026
„Am nächsten kommt dem Ziel, Ausdruck für Seelisches zu geben allein durch die Form vielleicht der Orphismus, dessen Ausdrucksmittel das Licht der Farbe ist. Schematisieren der Form.“
Max Ernst, Rheinischer Expressionismus (1913)

Das größte kleine Highlight
Am schönsten kann man das unserer Meinung nach auf einem achteckigen Gemälde Max Ernsts entdecken, das in Form- und Farbgebung der expressionistischen Unterart des „orphischen Kubismus“ von Robert Delaunay verpflichtet ist.
1919 hat Max Ernst es wohl gemalt – in einem Jahr also, in dem er die Collage als zentrale Ausdrucksform entdeckte und zusammen mit Johannes Baargeld und Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe ins Leben rief. Auch das schwingt beides als Grundierung mit.

Bild oben: Max Ernst, „Im Zoologischen Garten in Köln“ (1919);
© für die Kunst: VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Im Werkverzeichnis ist das Bild noch als „verschollen“ markiert, ist aber vor Kurzem aus der Versenkung einer Privatsammlung wieder aufgetaucht und jetzt in „Visionen der Moderne“ – Tusch & Trommelwirbel! – erstmals überhaupt öffentlich zu sehen.
Und ganz, ganz herrlich ausgeleuchtet. Zu Recht natürlich! Denn dieses Bild, das ist für uns das größte kleine Highlight.

Auf eine Wolke aus wattiger Farbe gebettet und aus der Vogelperspektive betrachtet tritt uns darauf, wie der Titel verrät, der Zoologische Garten von Köln entgegen, der hier ganz offensichtlich Tatort eines abscheulichen Verbrechens geworden ist:
Irgendjemand hat das Eingangstor aufgebrochen und die animalischen Insassen – damals rund 700 Arten! – entfleuchen lassen. Statt ihrer hüpft ein ortsfremder Hirsch mit einem Kreuz zwischen den Hörnern vom Rot ins Lila.
Und draußen im Gelbgrünen tobt ein Männlein mit Ziegenbart & Fliege, das nach offizieller Lesart des wundervollen Katalogs zur Ausstellung eine Karikatur des damaligen Zoodirektors Ludwig Wunderlich sein könnte.
Bild oben: Herr Wunderlich muss leider draußen bleiben. Max Ernst,
„Im Zoologischen Garten in Köln“ (1919, Detail); © für die Kunst: VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Es würde die Erregung erklären
Letztendlich ist das natürlich nicht beweisbar, aber dank des Kölner Zoo-Archivs haben wir ein hübsches Foto von Ludwig Wunderlich nebst Gattin Henni bei der Kur vorliegen, das eine gewisse Ähnlichkeit zumindest nahelegt.
Und es würde die irre Erregung des Männleins ob des Verbrechens erklären.
Dann wäre der leergefegte Garten jenes aus dem Innern der Karikatur nach Außen gestülpte „gefährliche Ödland am Rande des Wahnsinns“, das Max Ernst laut seiner „Rheinischen Erinnerungen“ genau in dieser Zeit zu erkunden beschloss.
Der Karikatur wohlgemerkt! Der echte Ludwig Wunderlich scheint ja ein eher vernünftiger Mensch gewesen zu sein.

Foto oben: Zoodirektor Ludwig Wunderlich mit Ehefrau Henni in Kur (1926);
© Archiv Kölner Zoo. Danke, Kölner Zoo-Archiv!
„Wunderlich war Wunderlich nie.“
Berlins Zoodirektor Lutz Heck, 1913

Dass Max Ernst nicht nur – wie August Macke – leidenschaftlicher Zoo-Geher war, sondern in einer biografischen Skizze – neben den „freundschaftlichen, oft erhitzten Gesprächen mit dem Malerdichter August Macke“ – auch seine „häufigen Besuche in der Bonner Irrenanstalt“ erwähnenswert findet, erwähnen wir hier nur am Rande.
„Warum verfolgst du mich?“
Hirsch zum Hubertus am Karfreitag
Das Lob des Schöpfers im Geschöpfe
Egal. Beim bekreuzigten Hirschen ist die Sache ohnehin klarer, denn sein Porträt schmückt nicht nur einen Jugend-Kult-Likör auf Kräuterbasis, sondern viele Hagiographien seit dem Mittelalter: Es ist natürlich der „Hubertushirsch“!
Der Stirnwaffen-Träger soll dem namensgebenden Heiligen aus Lüttich an einem Karfreitag erschienen sein, als dieser noch ein ruchloser Jäger war. Danach war er lammfrommer Christ ohne jede Mord-Allüre.
Seitdem steht der Hubertushirsch für die Achtung göttlicher Schöpfung. Er ist die inkarnierte Warnung an den Waidmann, mit seinen Kugeln sitt- und sparsam umzugehen – sprich: nur sinnvoll abzuknallen.

Bild oben: Süüüüß! Max Ernst, „Im Zoologischen Garten in Köln“ (1919, Detail);
© für die Kunst: VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Wie dem auch sei: Unter jenen Mischwesen, die sich im Bestiarium der malerischen Moderne vor allem später tummeln sollten, ist Max Ernst Hubertushirsch auf jeden Fall ein eher possierlicher Exot. Und er bespiegelt den Umstand, dass vor allem im Ernst’schen Frühwerk christliche Motivik (nicht immer nur) fröhliche Urständ feierte.
Wegen dieser Exotik jedenfalls ist Ernsts heilbringender Paarhufer im Kölner Zoo, über dessen Eingangs-Gatter sich einstmals die Blicke zweier unbekreuzter Hirsche kreuzten, in dessen Innern sich zu Wunderlichs Zeiten aber eher Löwen, Seelöwen und Eisbären ferner Länder tummelten, sehr gut aufgehoben.


An dieser Stelle möchten wir noch kurz erwähnen, dass Ernsts Hubertushirsch ein ikonographisch eher mickriger Achtender ist – und da sind die Ohren schon mitgezählt! Während es Wunderlichs Abbild durch seine himmelschreienden Hände immerhin auf mindestens neun Enden bringt – oder auf die viel wahrscheinlicheren zehn.
Aber es gibt da nun mal jenen rechts getragenen Handschuh, der eben nur vier schwarze Leder-Finger hat wie die Trickfilm-Figuren der späten Zehnerjahre im Kintopp. Vielleicht haben diese Max Ernst ja inspiriert.
Und dann gibt es ja noch die Zoo-Allee mit ihren Bäumen, die ihre Ast-Geweihe ebenfalls gen Himmel strecken! Formal sehr fein gemacht, Herr Ernst! Chapeau.
Bild oben: Beim Meister von Werden im 15. Jahrhundert ist der Hubertushirsch
natürlich ein stattlicher Zwölfender! Das sind, wenn man die Ohren abzieht,
doppelt so viele Enden wie beim Cervidae hubertiensis maxernstuli

Die viel gewichtigere Frage
Viel schwerer wiegt in unseren Augen aber ohnehin die Frage, wie das Hubertushirsch-Phantom auf seinem Ausflug in die Welt der Wunder in die gefährliche Ödnis des leergefegten Kölner Zoo gekommen ist. In uns gibt es hierfür nur zwei sinnvolle Erklärungen.
Erklärung 1:
Max Ernst
„Die Krokodile von heute sind keine Krokodile mehr.“
So könnte es der göttliche Auftrag des Hubertushirschen gewesen sein, in den Kölner Zoo einzubrechen, um den verweichlichten Tieren ihre animalische Freiheit zurückzuschenken – auch jenen „nackten Wilden“, die dort selbst unter Wunderlich in so genannten Völkerschauen zum Ergetzen des bürgerlichen Publikums ausgestellt worden sind.*
*unter Wunderlich waren es unter anderem
Menschen aus Somalia, Samoa und Indien.
Hierfür spräche, dass der Schöpfer des Cevidae hubertiensis maxernstuli, der Dadamax, sich in einem gemeinsam mit Hans Arp verfassten Poesiestück selbst als „Führer der Revolution der Seepferde gegen Hagenbeck“ verstanden hat. Dann wäre der Hubertushirsch sein (hier noch ungefiedertes) Alter ego.
Kein Wunder, dass Direktor Wunderlich, erklärter Erbe von Carl Hagenbecks naturalistischer Zoo-Philosophie, vor Wut schäumend Purzelbäume schlägt.
Erklärung 2:
Max Ernst
„Der Käfig macht das Leben süß.“
Es könnte aber auch sein, dass sich der Hubertushirsch nach dem abscheulichen Verbrechen freiwillig in Wunderlichs leergefegtes Zoogelände zurückgezogen hat wie der Heilige Hubertus von Lüttich in die Wälder der Ardennen – oder wie der von Max Ernst vielzitierte Einsiedler-Mönch von Heisterbach ins Bonner Siebengebirge.
Auf der Flucht vor bösen Jägern? Um sich selbst vorm Aussterben zu bewahren? Zum Trost des Wunderlichs?
Dann wären die Kapriolen des Zoodirektors vorm aufgebrochenen Tor keine Verzweiflungshüpfer, sondern Freudensprünge: dem – ja auch finanziell lukrativen – Umstand geschuldet, nach dem Vogelhaus (1889) und dem Insektenhaus (1905) – und nach den darbenden Weltkriegsjahren – bald ein einzigartiges Hubertushirsch-Gehege eröffnen zu können! Eine Welt-Sensation.
Dieser Scharfsinn! Dieser Humor!
Wer also Augen hat zu sehen, und eine Seele zu erfassen, der benutze in Bonn die äußerst seltene Gelegenheit zu starken künstlerischen Erlebnissen.
Den Blinden aber kann man nicht einmal empfehlen, sich lebenslänglich zu bebrillen.
Könnte von uns sein, als Kommentar zur aktuellen Bonner Schau. Dieser Scharfsinn! Dieser Humor!
Die angeführte Passage stammt aber von Max Ernst himself.
Und zwar aus einem Zeitungsartikel von 1913, zur „Ausstellung Rheinischer Expressionisten“, deren im Übrigen von August Macke gestalteter Plakatentwurf gerade in „Visionen der Moderne“ hängt – und in der Max Ernsts eigenes Werk in guter Fülle vertreten war.
Ein bisschen journalistisches Geschmäcke hat das schon.

Bild oben: August Macke, „Plakatentwurf Ausstellung Rheinischer Expressionisten“ (1913),
August Macke Haus, Bonn 2026
Können & wollen wir hier aber trotzdem genau so stehenlassen. Denn es trifft auch auf „Visionen der Moderne“ im Museum Ernst Macke Haus pfeilgerade zu.
Der ganzen kleinen Highlights wegen. Lauter Augenweiden. (10.05.2026)
„Wer Visionen hat, sollte zum KunstArzt gehen.“
Helmut Schmidt
„Visionen der Moderne. August Macke & Max Ernst“ ist, auch mit zahlreichen anderen selten gezeigten Werken, noch bis zum 23. August 2026 im Museum August Macke Haus in Bonn zu sehen. Und sehen, auch das macht die Ausstellung deutlich: das war im Bereich der Kunst bei Ernst & Macke ebenfalls ein großes Thema.
Anmerkung 1: Für diesen Beitrag haben wir uns extra in unserer KunstArztPraxis-Klause zurückgezogen und noch einmal die knapp 600 Seiten von Max Ernsts gesammelte Schriften komplett durchgelesen: in jener hübsch editierten Gesamt-Ausgabe, die Gabriele Wix 2022 herausgegeben hat – und deren Lektüre wir hiermit ausdrücklich empfehlen: gerade, weil Max Ernst (wie wir!) Kunst & Poesie immer zusammendenkt.
Alle Max-Ernst-Zitate sind dieser Ausgabe entnommen.
Anmerkung 2: Wenn wir schon bei Lektüre-Tipps sind, empfehlen wir hiermit aus gegebenem Anlass auch noch ausdrücklich die Novelle „Der Irre“ (1910) von Georg Heym. Die ist nicht nur grandios geschrieben, sondern illustriert zum Thema Wahnsinn & Expressionismus alles, was man zu Max Ernsts „Im Zoologischen Garten in Köln“ so wissen muss.
Anmerkung 3, zu guter Letzt: Als Max Ernst 1919 seinen leergefegten Zoologischen Garten malte, herrschte dort an Hirschen aus aller Welt (außer aus Australien) kein Mangel. Unter Direktor Ludwig Wunderlich lebten in den Hirschhäusern in der Hirschallee des Zoos zum Beispiel der afrikanische Berberhirsch, der japanische Sikahirsch, der Dubowskyhirsch, der Saumer aus Ceylon, der Schweinshirsch aus Indien, den Pferdehirsch aus Borneo, der Mähnenhirsch von den Molukken und der Axishirsch, der indische Barasinga und der seltene Leierhirsch von Malakka. Nur der Hubertushirsch fehlte. Danke für die „Infos“, Kölner Zoo-Archiv!
Das August Macke Haus in der KunstArztPraxis:
Wir machen mit! „August Macke & Friends“ in Bonn
Cole, ein Freund. Ulrike Theusner in Bonn
Tiere in der KunstArztPraxis:
„Surreale Tierwesen“ in Brühl: Zoo mit Zerberbus
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Wie man dem toten Hasen Joseph Beuys erklärt
Sommerloch-Porträts 2: Pierre Huyghes Hund
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