German Pop Art Nostalgie 1: Heintje
Wir haben ja an anderer Stelle schon geschrieben, wie erfrischend aktuell & politisch sich „German Pop Art“ in Oberhausen präsentiert. Aber die Ausstellung hat auch drei Kindheits-Erinnerungen in uns geweckt: und zwar an Heintje, Ministeck & an die DDR. Ein Wochenend-Triptychon.
Zum Auftakt: Dieter Glasmacher, „Heintje mein bester Freund“ (1971)
Seit unserer Jugend im Sauerland sind der Welt einige Kulturtechniken abhanden gekommen. Die Kulturtechnik des Rücktritts in der Politik zum Beispiel. Oder die Kulturtechnik des Blinkens im Straßenverkehr.
Die Kulturtechnik der Kunden-Zuwendung an der Supermarktkasse. Die Kulturtechnik des Verzichts zugunsten einer Solidar-Gemeinschaft, der Scham als soziales Korrektiv.
Und die Kulturtechnik, bei mangelnder Kenntnis einfach mal den Mund zu halten.
„Der Kunde ist König.“
Deutsches Sprichwort, Holozän
Das oben Gesagte gilt nicht für Heintje. Vom Guten in der Welt verstand er viel.
Wenn Heintje den Mund auftat, entquoll ihm glockenhelle Tugend: gepaart mit einer Mutterliebe, die selbst vor astronomischen Ausgaben für Schloss-Geschenke nicht zurückschreckte. Die Tränen teilte, Schmerzen heilte. Die Schmerzen der Omatschis auch.
Das musikalisch Schöne, Ideale
Heintje war das musikalisch Schöne, Ideale – des Schlagers wie der Volksmusik. Wer eine von Heintjes 40 Millionen verkauften Tonträgern erstand oder seine Filme sah, die sich dem Publikum vollends zuwandten, der fühlte sich zu Recht als Kunde König*in.

Foto oben: Heintje 1970. Danke, Wikipedia! © CC BY-SA 3.0 nl
Schämen mussten sich die anderen. Zum Beispiel wir. Krächzende Knaben, die der Mutter nichtmals Blumen schenkten: höchstens am Muttertag.
Von einem Top-Ten-Hit nach dem nächsten ganz zu schweigen.
„Ich bau dir ein Schloss / So wie im Märchen“
Heintje, 1968

Unsere Mütter liebten Heintje fast so sehr wie uns. „Mama“ war ihre Bibel, die Hülle von „Heidschi Bumbeidschi“ (1968) hing bei einer im Näh-Zimmer gerahmt an der Wand.
Als Haftbefehl nichtmals Quark war
Die Zeilen „Aber Heidschi bumbeidschi es schlafen / Am Himmel die Schäflein die braven“ enthalten den ersten unsauberen Endreim der Musik-Geschichte, an den wir uns unisono erinnern können.
Und da war Haftbefehl noch nicht mal Quark im Schaufensta.
Foto oben: Cover von Heintjes Single „Heidschi
Bumbeidschi“ (1968), © Ariola Music
Ach ja: „Heintje – Mein bester Freund“, in dem der Hauptakteur singend die längst verlorene Ehe seiner alleinerziehenden Mutter rettet, war unser Aller erster Kinofilm.
In den Einer von uns während eines Wander-Urlaubs 1971 im Spessart – vermutlich aus alleinerziehenden beziehungsweise. aus allein erziehenden Gründen – natürlich mit der Mutter, ging.*
*der Vater lag derweil mit Hexenschuss im Bett.
„Schon sein Stimmbruch ist ein Schlag.“
Dieter Glasmacher, 1970
Wir wissen noch, wo wir saßen, als wir vom tragischen Stimmbruch Heintjes aus der „Sauerländischen Volksblatt“ erfuhren. Auch an das damit verknüpfte und damals nicht hinterfragte, uns aber trotzdem zutiefst verstörende Foto von Heintje im Krankenhaus-Bett.*
*deshalb unsere Frage an den Deutschen Presserat heute:
Ins Krankenhaus – wegen eines Stimmbruchs? Rüge???
Die Nachricht von Heintjes Rücktritt aus dem Musik-Geschäft traf uns ins Mark. Als er irgendwann später als Hein Simons zurückkam, war er ein anderer.

„Finde ich sehr interessant, dass Sie früher Heintjeianer waren.“
Dieter Glasmacher, per Mail, 17.03.2026

Wir glauben, Dieter Glasmacher kann uns verstehen. 1970 gründete er sein – sehr erfolgreiches – „Institut für Heintje-Forschung“: Noch 2025 gab es eine Ausstellung mit gesammelten Erkenntnissen & Reliquien in Lüneburg.
Den Katalog hat er uns zugeschickt. Er ist sehr schön.
Dieter Glasmachers Bild mit seinen Schreibschrift-Linien in Oberhausen jedenfalls ist eine Homestory, die – vielleicht sogar mit einem „Star-Schnitt“ versehen – aus der „Bravo“ unserer frühen Pubertäten erwachsen sein könnte.
Oder aus einem Pennäler-Aufsatz über ein von 1967 bis 1972 agierendes Jahrhundert-Idol.

Foto oben: Dieter Glasmachers Bestandsaufnahme seiner
Heintje-Forschung mit KunstArztPraxis-Katze Ari, Köln 2026.
Katzen gehörten leider nicht zu Heintjes Repertoire


In wenigen Bildern fasst Glasmachers Druck Heintjes Wesen adäquat zusammen.
Dass er seiner Mutter Hanny (im Kittel) bei der Hausarbeit auf den ihm von ihr am 3. August 1969 geschenkten Socken den Staubsauger hinterherträgt, ist für Kulturtechniker*innen eine noch größere Geste, als ihr das Saugen abzunehmen.
Da verzeihen wir Dieter Glasmacher gern, dass er den Klarnamen von Heintje, Hendrik Nikolaas Theodoor Simons, auf seinem Werk gleich vierfach – Hendrix Nikolaus Theodor Simon – falsch geschrieben – oder eben bewusst eingedeutscht? – hat.
Denn UNSER Hendrix war Heintje ja auf jeden Fall.
Bild oben: Dieter Glasmacher, „Heintje
mein bester Freund“ (1971, Detail)

Heintje würde immer noch blinken!
So steht eines unverbrüchlich fest: Alle heute abhanden gekommenen Kulturtechniken – vom Verzicht über die Kunden-Zuwendung bis hin zum Rücktritt – beherrschte Heintje in meiner & in seiner Kindheit aus dem Effeff.
Würde er, wenn er noch derselbe wäre, heute noch.
Und wir sind sicher: Heintje hat früher garantiert geblinkt, wenn er mit seinem Pony Bubi irgendwo hin abgebog!
Vielleicht sogar, wie auf dem Bild von Dieter Glasmacher, mittels hinterrücks betätigtem Pferde-Schwanz. (10.04.2026)

Bild oben: Dieter Glasmacher, „Heintje
mein bester Freund“ (1971, Detail)
„German Pop Art“ ist noch bis zum 3. Mai 2026 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Was man sieht, zeigt diese Fotostrecke:
Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen in der KunstArztPraxis:
Gleich bunt in kritisch. „German Pop Art„
Alles Paletti? Das Udo-Lindenberg-Quiz! (leider kein Gewinnspiel mehr)
Auf nach Zamonien! Walter Moers in Oberhausen
Holleri du dödl di? Das Loriot-Gewinnspiel-Quiz! (leider kein Gewinnspiel mehr)


Mal wieder ganz großes Kino. Danke! Ben