German Pop Art Nostalgie 3: die DDR
Wir haben ja an anderer Stelle schon geschrieben, wie erfrischend aktuell & politisch sich „German Pop Art“ in Oberhausen präsentiert. Aber die Ausstellung hat auch drei Kindheits-Erinnerungen in uns geweckt: und zwar an Heintje, Ministeck & an die DDR. Ein Wochenend-Triptychon.
Zu guter Letzt: Klaus Peter Bremer, „Art B 013 (Ulbricht)“ (1967)
Von 1961 bis zum Fall der von Walter Ulbricht ohne Absicht errichteten Mauer schickte die Großmutter von KunstArzt3 regelmäßig Care-Pakete zur Verwandtschaft in die von ihr bis zum Schluss hartnäckig so genannte Ostzone. Und regelmäßig kam ein Dankesbrief zurück.
Auf jedem dieser Dankesbriefe klebte mindestens eine Walter-Ulbricht-Marke jener Art, die Klaus Peter Bremer nachgeschaffen hat.*
*Zumindest bis in die frühen Siebzigerjahre, denn 1971 fiel der mit Stalins Duldung
quasi diktatorisch herrschende Staatsratsvorsitzende bei Leonid Breschnew
in Ungnade und wurde vom großen Sowjet-Bruder abgesägt.
Die Dauermarken-Serie „Aufbau“ (1973-1981) übernahm.
Die Dankesbriefe wanderten in Omas Sekretär, die im warmen Wasser losgelösten und unter Bücher-Stapeln der „Drei ???“ getrockneten Walter Ulbrichts ins Briefmarken-Album: KunstArzt3 war bekennender Philatelist.
Bitte um Inventarliste
Als KunstArzt3 so ungefähr fünf war, schickte die Verwandtschaft einen mit Walter Ulbricht in rot & lila – also mit 35 Pfennig – frankierten Dankesbrief mit der Bitte, demnächst doch jedem Care-Paket einen Zettel beizulegen, auf dem die enthaltene West-Ware komplett aufgelistet sei.

Bild oben: Das ist das gute, recht große Stück: zu sehen in Oberhausen.
Klaus Peter Bremer, „Art B 013 (Ulbricht)“ (1967)
Vor allem Kaffee Haag und Milka-Vollmilch-Schokolade stünden bei DDR-Grenzern hoch im Kurs.

Das rot-weiß reduzierte Profil des zum Personenkult neigenden Funktionärs Walter Ulbricht war das Erste, was Einer von uns vom real existierenden Sozialismus zu Gesicht bekam.
Die Geschichte vom kriminellen, Eigentum für den Privatbedarf enteignenen Grenzer war die erste, die er aus diesem exotisch fernen Deutschland im Gedächtnis trägt.
Beides schreckte ihn nicht ab, den Marken später, als er schon Numismatiker war, über die innerdeutsche Grenze hinterher zu reisen. Wir Anderen reisten natürlich mit.
Foto oben: Satz Walter-Ulbricht-Marken (1961-1971),
gedruckt im VEB Deutsche Wertpapierdruckerei
in Leipzig. Frankaturwert: 5,40 Ost-Mark
Aber da war aus dem Beton-Kommunisten Walter Ulbricht längst der Beton-Kommunist Erich Honnecker geworden. Und der passte Leonid Breschnew viel besser in den Kram.
Die Marke hatte gelogen
Was sollen wir sagen: Die Marke hatte gelogen, das erste Bild der DDR war falsch. Die DDR war weder rot noch grün noch lila. Die DDR war, nicht nur der Fassaden wegen, in unseren Augen grau bis ins Mark.
Aber die Geschichte vom bösen Grenzer stimmte. Das kann die ganze KunstArztPraxis bezeugen.

Wir erinnern uns noch gut an grimmige Männer mit tief ins Gesicht gezogenen Schirmmützen, die uns als allseits verdächtigen Klassenfeinden im Auftrag des MfS bei der Einreise im Zug wortlos den Tagesvisum-Stempel in die Reisepässe rammten.
Wir erinnern uns an Fließbänder, auf die wir besagte Reisepässe bei der Einreise mit dem Auto zu legen hatten: wie sie in einer weit entfernten Baracke – also für uns als unserer Identität Beraubten: im komplett Ungewissen – verschwanden.
Um danach – im Sommer: je heißer, je länger – im stickigen Auto eingesperrt abwarten zu müssen, ob es den steingrau Uniformierten vielleicht doch noch gefiel, uns zu befehlen auszusteigen.

Foto oben: Nicht nur die Marken wurden abgestempelt!
DDR-Tagesvisa im BRD-Reisepass, Ein- und Ausreise.
© Clemensfranz/CC BY-SA 3.0. Unsere Pässe von
damals sind – leider, leider – allesamt verschollen
Um auf der Suche nach irgendetwas Verdächtigem – Kaffee Haag? Milka-Vollmilch-Schokolade? – die Rückbank und die Vordersitze aus dem Auto auszubauen & die Innenverkleidungen aus den Türen zu reißen.
Das Klacken der geräuschlosen Schleuse
Wir erinneren uns auch noch an jene schier endlose Schleuse am Grenzübergang Friedrichstraße, in die Jeder von uns alleine hinein musste, wenn wir von West-Berlin zu Fuß in den Osten wollten:
An jenen Schlitz, durch den uns, einzeln in der geräuschlosen Leere zwischen den Schleusen-Türen stehend, von einer unsichtbaren Macht hinter einer schwarzen, unser jeweiliges Ich bespiegelnden Scheibe der Reisepass – ja, im Grunde: boshaft entrissen wurde.
Bevor am anderen Ende der Schleuse irgendwann die Tür in den real existierenden Sozialismus mit einem Klacken automatisch aufschwang und uns drüben wieder deutsch-deutsch-deutsch vereinte. Im humorlosen Grau.

Ach ja: KunstArzt1 erinnert sich noch gut an jenen Grenzer, der ihn mit professioneller Kälte aus der Schlange Einreisender herauswinkte und in einem Nebenraum anwies, sich bis auf die Unterhose auszuziehen: vermutlich, weil ihm sein für seine Punker-Freundin getragener schwarzer Latex-Seesack suspekt erschien. Weil er es konnte.
Auch dieser Grenzer hat weder Kaffee Haag noch Milka-Vollmilch-Schokolade bei ihm gefunden.
Dieses bleierne Gefühl der Ohnmacht
Aber er hatte DAS in ihm erzeugt, was jeder Grenzer auf persönlichen Wunsch des Staatsrats-Vorsitzenden Erich Honnecker und im Dienste des Regimes nicht nur in ihm erzeugen sollte: ein Gefühl vollkommener Ohnmacht gegenüber einer Staatsgewalt, der man komplett & immer ausgeliefert war. Das Gefühl, jederzeit verhaftet werden zu können. Das Gefühl, vielleicht nicht mehr rauszukommen aus der DDR.
Dieses bleierne Gefühl verließ uns bei jeder unserer Wanderungen durch Ost-Berlins graue Straßen nie.


Bremers Ulbricht ist ein Fehldruck!
Das Gesicht des regimegemachten Grenzers hatte KunstArzt1 noch im Gedächtnis, als KunstArzt3 das Profil Walter Ulbrichts auf der Marke schon vergessen hatte.
Wir sollen schön grüßen: Erst Klaus Peter Bremer hätte es ihm in der Ausstellung „German Pop Art“ wieder in Erinnerung gebracht.
Ach ja: Er hat in seinem Briefmarken-Album noch einmal nachgeschaut: Sein „Art B 013 (Ulbricht)“ von 1967 muss ein Fehldruck sein!
Die Kontur von Ulbrichts Brille ist zu lang ausgeformt, mancher weiße Strich zu schwungvoll; der Weißrand ist zu schmal, das Rot für die DDR zu fröhlich. Zudem gibt es zu viele Zacken.
Foto oben: Zwei der echten Walter Ulbrichts von KunstArzt3 auf einer
Ausgabe der DDR-Zeitung „Junge Welt“: jenem Zentralorgan der FDJ,
das KunstArzt2 1984 (sic!) herzklopfend in die BRD ausgeführt hat
Auch wenn Philatelisten heute mindestens so alt ausschauen wie Walter Ulbricht nach seinem brutalen Sturz 1971: Klaus Peter Bremers Fehldruck ist sicher trotzdem auch in diesen Kreisen immer noch ein Vermögen wert.
Auf jeden Fall ideell. Als Kunst. Auch zur Erinnerung. Für uns. Und für alle, die noch demokratisch denken – also, schlichtweg: denken – können.
Damit diese Verrohung und Verblödung von – im Grunde vermutlich liebenswerten – Menschen durch menschenverachtende Regime NIE MEHR passiert. (12.04.2026)

P.S.: Obige Gedächtnis-Marke zum 500. Geburtstag Albrecht-Dürers am 21. Mai 1971 stammt von Bodo Boden: Sie ist ebenfalls in „German Pop Art“ zu sehen. Es hat sie in Wirklichkeit so nie gegeben, Bodens Bild stammt eh von 1969. Aber der Künstler hat seinen Dürer mit einem von Philatelisten heißbegehrten und idealerweise auf einem „Ersttagsbrief“ abgegebenen „Ersttagsstempel“ versehen, den eine Marke am Erstausgabetag in einem speziellen Postamt – hier natürlich Nürnberg – erhielt. Dass das A.D. im Stempel für Albrecht Dürer oder Anno Domini stehen könnte, finden wir witzig.
Die DDR hatte mehrere Albrecht-Dürer-Gedächtnis-Marken, die viel schöner waren als die der BRD. Für die DDR gehörte Albrecht Dürer als Renaissance-Künstler in eine Ahnenreihe, die letztlich in den sozialistischen Realismus führte. Lernt man alles, wenn man Briefmarken sammelt, sagt KunstArzt3.

„German Pop Art“ ist noch bis zum 3. Mai 2026 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Was man sieht, zeigt diese Fotostrecke:
Appendix: Woran sich die KunstArztPraxis ebenfalls kollektiv erinnert
Wenn wir unser kollektives KAP-Gedächtnis aktivieren und in Personal-Union an die DDR denken, erinnern wir uns an sehr viel mehr als an Post von Walter Ulbricht, an aschgraue Fassaden oder grimmige, steingraue Grenzer.
Wir erinnern uns an die gespenstischen Schemen von Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) in den dunklen Nischen zugemauerter U-Bahn-Stationen, die „Geisterbahnhöfe“ der U6 und U8 nach Ost-Berlin, wenn man, verlangsamt, natürlich ohne Halt, durchfuhr.
Wir erinnern uns an ein herzlos blechernes, fast schon KI-generiertes, seine Verlogenheit hinausposaunendes „Willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik“ aus den hellgrauen Lautsprechern am ersten Bahnhof hinter der Grenze bei der Einreise, das uns jedesmal das Blut in den Adern gefrieren ließ – und bei der Ausreise an jene Spiegel, die von NVA-Soldaten mit Schäferhunden & Maschinengewehren an langen Stangen unter Zug-Waggons geschoben wurden, damit ja kein Bürger dem Arbeiter- und Bauernstaat entwich.
Wie erinnern uns an die abgewetzten Kleider jener alten Frauen, die uns im Bahnhofs-Restaurant in Ost-Berlin, nervös nach links und rechts schauend, unter dem allgegenwärtigen Foto des diktatorischen Genossen Erich Honecker – verantwortlich für Schießbefehl, Stasi-Bespitzelung, Zwangsadoptionen – anbettelten, die letzten Pfennige aus den 25 DDR-Mark unausführbarem Zwangsumtausch, die nicht in Bücher geflossen waren, nicht fässerweise in wässrige Club Cola zu investieren, sondern doch – bitte, bitte – in ihre schwieligen Hände zu legen.
Wir erinnern uns an die Heerscharen hinter Büschen wegelagernder Lada Schigullis der Deutschen Volkspolizei, die am Rand der Autobahnen ausschließlich devisenfetten West-Deutschen auflauerten, sobald diese es aus Unwissenheit wagten, die 100 Stundekilometer Tempolimit zu überschreiten. Wie sie plötzlich im Rückspiegel auftauchten, die Sirenen; an die auch hier obwaltende kalte Verachtung bei den anschließenden Verhören am Straßenrand.
Und wir erinnern uns an die Plätze von Leipzig, Dresden und Weimar, die wir kurz nach dem Mauerfall 1989 mit einem koreanischen Studien-Freund besuchten: Auf JEDEM dieser Plätze gab es eine neu eröffnete, sehr ranzig dreinblickende, rasch vom Westen hergeschaffte Imbiss-Bude. Und vor JEDER dieser Imbiss-Buden standen gefühlt zehn dummdreist dreinblickende Neonazis mit Glatzen, Springerstiefeln und Bierdosen. Wo bitte kamen die her?
Egal. Dieser Studien-Freund, der über Goethe promovierte, ist jedenfalls nie mehr nach Deutschland zurückgekommen.
Ach ja: Vor Kurzem ist ein anderer Freund von uns mit der Familie nach Brandenburg gezogen. Der Sohn berichtet, in seiner Klasse fände ausnahmslos JEDE*R die AfD, die dem massenmordenden, vergewaltigenden, folternden, brandschatzenden & wie weiland Genosse Honnecker zu Zwangsadoptionen neigenden Beton-Stalinist Putin am besten in den Kram passt, wegen ihrer geilen TikTok-Videos sexy.
Ostdeutschland will seine menschenverachtende Diktatur zurück – vor allem jenes Ostdeutschland, das sie nicht erleben musste. Aber diesmal bitte gleich die faschistische Variante. Damit sich endlich irgendwas ändert. Was ist ja egal.
Das bleierne Gefühl der Ohnmacht von unsren DDR-Besuchen damals ist in unsren Köpfen zurück.

Ach ja: Nach dem Fall der Mauer hat sich die Verwandtschaft aus der Ostzone KEIN EINZIGES MAL mehr bei der Großmutter von KunstArzt3 gemeldet. Der Form halber sei auch dies vermerkt.
Und noch eine Anmerkung: Doch, doch: Wir erinnern uns auch noch an die Heerscharen schmieriger Gebrauchtwagen-Händler, die 1990 nach Ostdeutschland kamen, um zu maßlos überteuerten Preisen ihre schrottigen West-Autos zu verticken. An die ganzen folgenden Demütigungen, die der kapitalistische Westen dem – tja: irgendwie auch naiven – Osten angedeihen ließ. Stimmt soweit. Aber: nichts, nichts – AB-SO-lut NICHTS! – rechtfertigt es, deshalb das Böse, den Faschismus, also den Untergang von uns allen zu wählen.
Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen in der KunstArztPraxis:
German Pop Art Nostalgie 2: Ministeck
German Pop Art Nostalgie 1: Heintje
Gleich bunt in kritisch. „German Pop Art„
Alles Paletti? Das Udo-Lindenberg-Quiz! (leider kein Gewinnspiel mehr)
Auf nach Zamonien! Walter Moers in Oberhausen
Holleri du dödl di? Das Loriot-Gewinnspiel-Quiz! (leider kein Gewinnspiel mehr)


Wow. Danke. Ja, so habe ich die DDR (also, ehrlich, ich war nur dort: Ost-Berlin) als Besucher auch empfunden, grau und humorlos, weil: resigniert. Die momentane „Ostalgie“ kann ich bei aller berechtigten (!) Kritik an uns „Wessis“ nicht verstehen.Mir macht das auch Angst, was sich da im Osten zusammenbraut. Ich habe einen Freund, einen erfolgreichen Anwalt, der jetzt zurückkommt, weil er diese AfD-Anhimmlerei nicht mehr aushält, auch die ganzen Hakenkreuze im Stadtbild, in den Jugendzentren. Im Unterschied zu den Neonazis von damals sind die Leute von der AfD ja noch nicht mal mehr „stolz, Deutsche zu sein“. Sie verachten Deutschland bis ins Mark (wie Hitler, als er begriff, den angezettelten Krieg verloren zu haben – siehe Höcke) und lechzen danach, die Tore nach Berlin für Putin aufzustoßen (siehe die entsprechende SZ-Umfrage). Ich kann diese Schlafschafe, die ihre Schlächter selber wählen, nicht verstehen. Klar, Kritik an den Umständen ist berechtigt. Aber deshalb den Untergang wählen, den eigenen und den vom „Rest“? Es ist wahrhaft zum Verzweifeln. Deshalb: gleiche Ohnmacht. Danke nochmal.