Am 9. November 1989 fiel die 1961 errichtete Berliner Mauer. Aber sie ist noch da, ganz unbeschädigt, und in voller Länge. Man kann sogar an ihr entlangfahren. Zu verdanken ist dies zwei Fotografen aus NRW und ihrem gerade hierzulande viel zu unbekannten Beitrag zur konzeptionellen Kunst.

Es gab einmal ein Deutschland, in dem durfte niemand ungehindert zwischen Ost und West herumreisen. Eine Mauer durchschnitt das Land, und es ist kein Wunder, dass sie am 9. November 1989 ausgerechnet nach einem voreilig verkündeten Reisefreiheitsversprechen für DDR-Bürger durch das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski endgültig fiel.

Dann ging die Mauer selbst auf Reisen, um allmählich, Stück für Stück, aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden. Sie verschwand in den Koffern von Touristen, die handliche Klumpen von „Mauerspechten“ in Plastikbeuteln oder auf Holz geklebt für fünf D-Mark mit nach Hause nahmen. Besonders schmucke Stücke verschwanden in noblen Privatparks und Fußgängerzonen, im Münchner Englischen Garten oder im Hauptquartier der CIA.

„Stresemannstrasse“ (1984); © Philipp J. Bösel und Burkhard Maus

Die meisten Betonsegmente aber verschwanden, bis zur Geschichtslosigkeit zerschreddert, unter einer Asphaltschicht im ostdeutschen Straßenbau. In Berlin kämpfen heute nur noch einsame, frei stehende Rudimente gegen das Vergessen an. Für uns Sichtbarkeits-Fanatiker von der KunstArztPraxis ein Desaster.

350 Meter Mauer im Maßstab 1:50

Aber die Mauer ist noch da. Zumindest jener 18,5 Kilometer lange Teil der „Sektorengrenze“ zwischen Ost- und Westberlin ist lückenlos vorhanden. Genau so, wie der Grenzwall Mitte der 80er Jahre ausgesehen hat, lagert er, sorgsam in Holzkisten vor Licht und Wasser geschützt, in einer Garage in Bergisch Gladbach bei Köln: Meter für Meter auf Schwarzweiß gebannt, auf exakt 1.144 Fotos für die Nachwelt gerettet. Würde man diese Bilder aneinander reihen, ergäbe das über 350 Meter Mauer im ungefähren Maßstab 1:50.

Die Holzkisten gehören den Fotografen Philipp J. Bösel (60) und Burkhard Maus (73). Mit einer Mittelformat-Kamera im Gepäck sind sie vor fast 40 Jahren in einem VW Käfer nach West-Berlin gefahren, um die Sektorengrenze zwischen Bernauer Straße und Treptower Dammweg fotographisch genau zu vermessen.

„Leuschnerdamm“ (1984); © Philipp J. Bösel und Burkhard Maus

Unmachbares nachmachen

Ihr Ziel ist ein „großes historisches Panoramabild“, bei dem sich die einzelnen Bilder lückenlos zu einem schier endlosen Band der Trennung aneinander reihen: die Kamera möglichst immer im gleichen Abstand zum Objekt, die Betonrolle am Mauerscheitel stets auf gleicher Höhe, das Objektiv scharf gestellt auf die Oberfläche des Betons.

Ohne Rücksicht auf Bäume, Autos oder Passanten im Vordergrund, die Grenzübergänge als lästige Unterbrechung des Gesamteindrucks bewusst ausgespart.

Die Idee kam Bösel, als er von Christos Idee des verpackten Reichstags hörte. „Unmachbar“ fand er das damals. Und wollte gerade deshalb „etwas Vergleichbares machen“.

„Zimmerstraße / Friedrichstraße / Lindenstraße“ (1984); © Philipp J. Bösel und Burkhard Maus

Das vergleichbar Unmachbare realisiert sich im Juni 1984. Es ist ein verregneter Sommer „im Orwelljahr“, wie Bösel betont. Und es ist ein Sommer, in dem die DDR zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz eine zweite Sperranlage errichtet hat, die parallel zur innerdeutschen Grenze verläuft.

Niemand im Osten hat die Absicht, die Mauer einzureißen. Und auch im Westen gehört der drei Meter sechzig hohe Betonwall zum städtischen Alltag längst dazu.

Zehn Tage für 18,5 Kilometer

„Die Berliner haben nicht verstanden, warum die Mauer jetzt oder in Zukunft interessant sein könnte“, sagt Bösel. Dass jemand extra aus dem Rheinland anreist, um jenes hässliche Bauwerk abzulichten, das ihn am Weiterfahren hindert, ruft bestenfalls Kopfschütteln hervor.

Überhaupt ist die Mauer kein Ort, an dem man stehen bleibt. Auf den Fotos sind deshalb nur menschliche Schemen zu erkennen, die von dannen huschen: außer den Wartenden einer Bushaltestelle, zwei fröhlichen posierenden Kindern und einem Besoffenen, der mit seiner Plastiktüte zu den Fotografen herüberwinkt, nachdem er gerade an die innerdeutsche Grenze gepinkelt hat.

„Stresemannstraße“ (1984); © Philipp J. Bösel und Burkhard Maus

Zehn Tage sind Bösel und Maus unterwegs. Meter für Meter verschieben sie ihr Stativ zur Seite, rücken der Mauer auf den Leib, von neun Uhr morgens bis in die Abendstunden, unter ständiger Beobachtung aus den DDR-Wachtürmen. Jeder Rollfilm wird sorgsam nummeriert und im Stadtplan verortet. „Noch heute“, sagt Maus, „können wir rekonstruieren, welches Mauerstück an welcher Straße stand“.

Subjektive Sichten durch das Objektiv

Während dieser Zeit herrscht strikte Arbeitsteilung: Mal schaut Maus, mal Bösel durch den Sucher. Es ist derselbe Blick durchs Objektiv, aber aus unterschiedlicher Perspektive.

Für den linken Fotojournalisten Maus – „Mitglied der 4. Internationale und den Trotzkisten verbunden“ – ist die Mauer bis heute der antifaschistische Schutzwall, der die westlichen Aggressoren draußen und Arbeitskraft zum Aufbau des Sozialismus drinnen hielt. Für Bösel ist sie ein von der Geschichte geschlucktes Unrecht aus Stein, das die eigene Familie – der Vater floh 1945 vor den Russen in den Westen – auseinander riss.

Bösel betont die „künstlerische, graphische Konzeption“ des Projekts, Maus die „politische Dimension“. Und während Bösel in seiner Jugend mit einem begrenzten Einreisevisum in der Tasche jedes Jahr zur Großmutter ins thüringische Roßleben fuhr, ist Maus über die Mauer nie hinweggekommen: „Die real existierende DDR hat mich nie interessiert. Vielleicht wollte ich mich politisch nicht enttäuschen lassen“.

„Zimmerstraße / Friedrichstraße / Lindenstraße“ (1984); © Philipp J. Bösel und Burkhard Maus

Trotz dieser unterschiedlichen Sichten auf das verschwundene Symbol der Teilung ist das Ergebnis nicht nur überraschend homogen, sondern auch erfreulich konsequent: Einen voyeuristischen Blick über den Betonrand nach drüben etwa gestatten sich die Fotos nicht.

Nur wenn es sich ergibt, ragen Fabrikschlote, Straßenlaternen, Mietshäuser oder der Turm der im Folgejahr auf  SED-Befehl gesprengten Versöhnungskirche in der Bernauer Straße in den Himmel.

Überall bleibt die Mauer der Hauptdarsteller.

Von wegen Buntheit!

Darüber hinaus legen die Fotos eine archäologische Schicht deutsch-deutscher Vergangenheit frei, die in der verklärenden Perspektive der Nachgeborenen längst verschüttet war. Denn hinter den Bäumen und Büschen, hinter seltsam antiquiert wirkenden PKW und Bauwagen, hinter den Kreuzen und Aussichtsplattform-Gerüsten verbirgt sich eine andere Mauer als die, an deren Fall von 1989 man sich zu erinnern glaubt.

Das Schwarzweiß der Fotos straft die Vorstellung vom ewig kunterbunten, anarchisch bemalten Grenzwall Lügen.

Bis auf den Teil rund ums Brandenburger Tor ist die Mauer der Fotos zum überwiegenden Teil noch nicht von Sprayerprofis und ihrer Graffiti erobert. Die Westberliner nutzen die rechtsfreie Zone der Grenzfläche, die offiziell der DDR gehört und deshalb unbehelligt beschmiert werden kann, vielmehr als Litfasssäule für private und politische Nachrichten.

„Zimmerstraße / Friedrichstraße / Lindenstraße“ (1984); © Philipp J. Bösel und Burkhard Maus

Rechte Stammtischparolen (Türken raus!“) mischen sich mit linken Spontisprüchen („Keine Macht für niemand“), Geburtsanzeigen („Mona ist da!“) und Banalitäten („Hallo Ines, bis bald – Michael“). Auch auf dem Grau der Mauer herrscht in weiten Teilen alltägliche Tristesse.

Per Kurierdienst ins Rheinland

Ende Juli 1984 ist die Mauer im Kasten. Aus Angst vor DDR-Kontrollen packen Bösel und Maus die Filme nicht ins Handgepäck, sondern schicken sie per Kurierdienst ins Rheinland zurück. Drei Monate sitzt Bösel daheim an den Papierabzügen, in einer zur Dunkelkammer umfunktionierten Küche, deren Fenster notdürftig mit Pappen verklebt sind, in den Pausen Fertigspaghetti essend, weil der Kühlschrank nur Platz für Entwickler und Fixierer hat.

Danach ist das Projekt für beide Fotografen abgeschlossen. „Wir wollten das unbedingt machen und danach war es gut“, sagt Bösel. „Für eine Ausstellung haben wir das nicht gemacht.“

Die zum Großteil noch verpackte Mauer in Bergisch-Gladbach; © Philipp J. Bösel

Trotzdem gibt es nach der Fertigstellung recht halbherzige Versuche, die Foto-Mauer durch Briefe an Museen, Botschaften und Goethe-Institute in die Öffentlichkeit zu bringen. Nur Aussteller in Dänemark, Frankreich und Australien reagierten.

Deutsche Museen zeigen kein Interesse

1985 bringen Bösel und Maus die 350 Mauermeter unter abenteuerlichen Bedingungen bei Schneegestöber rutschend nach Århus, wo die Presse die Arbeit überschwänglich auf den Titelseiten feiert. Der Foto-Direktor der Bibliothèque nationale de France in Paris bittet um Kontaktabzüge. Eine Ausstellung in Brisbane scheitert an den Versandkosten.

Deutsche Museen zeigen kein Interesse. „Allerdings hatten wir ein Gespräch im Bundesministerium für innerdeutsche Aufgaben in Bonn““ sagt Maus. Es geht um den Ankauf der gesamten Bilder. „Aber als ich meine politische Motivation ins Spiel brachte, hat man davon Abstand genommen.“

Seitdem lagert die Berliner Fotomauer in ihren eigens gezimmerten Kisten in der Garage in Bergisch Gladbach – und reifte durch Wiedervereinigung und Mauerfall zum unwiederholbaren Experiment.

Warum nicht auch die Chinesische Mauer?

2005 ging ein kleiner Teil der Arbeit doch noch einmal auf große Reise: Ein schmaler Mauerstreifen war beim Internationalen Fotografie-Festival in Bejing zu sehen – fast 8.000 Kilometer und 21 Jahre vom Aufnahmeort entfernt. Sofort hätten Freunde sie gefragt, ob sie keine Lust hätten, die Chinesische Mauer zu fotografieren, sagen Maus und Bösel. Aber Mauern könnten sie beim besten Willen nicht mehr sehen. (08.05.2008 / 09.11.2021)

Philipp J. Bösels Film „Die vermessene Mauer“

Anmerkung: Dieser Text erschien erstmals 2008 als Beitrag von KunstArzt3 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Inzwischen war die Foto-Mauer doch noch ein paar Mal zu sehen, so 2021 im Rahmen der Kunsttage Basel. 2009 sicherte sich das Bundesarchiv alle Negative, 2014 erschien die Publikation „Die Berliner Mauer 1984 von Westen aus gesehen“ mit allen 1.144 monochromen Photographien im Kettler Verlag. Im Sinne unserer Sichtbarkeits-Mission sind wir stolz darauf, durch den FAZ-Artikel zu all dem ein wenig beigetragen zu haben. Und finden es beschämend, dass es in Deutschland noch immer keine Ausstellung gegeben hat.

Homepage des Projekts „Die vermessene Mauer“ von Philipp J. Bösel und Burkhard Maus
Virtuelle Ausstellung von „Die vermessene Mauer“ im Rahmen der Kunsttage Basel 2021

Details aus „Die vermessene Mauer (1984); © Philipp J. Bösel und Burkhard Maus

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