Im Pluriversum. Zum Tod von Alexander Kluge
Am Mittwoch (25.03.2026) starb mit Alexander Kluge einer der wichtigsten deutschen Intellektuellen der Gegenwart; er wurde 94 Jahre alt. Wir wollen gar nicht viele Worte machen. Wir erinnern mit Fotos an seine anregende Ausstellung 2017 im Museum Folkwang. Es war auch eine schöne Begegnung.
Danke fürs Shooting, Herr Kluge, für Ihre Zeit, trotz der Strapazen. Und für das tolle Gespräch.
Ihre KunstArztPraxis (27.03.2026)
Und das haben wir 2017 für den WDR zur Ausstellung geschrieben:
Im Kopf von Alexander Kluge. „Pluriversum“ in Essen
Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge ist einer der wichtigsten deutschen Intellektuellen der Gegenwart. Jetzt kann man ihm mit Filmen, Bildern und Texten im Museum Essen beim Denken und Bildermachen zusehen. Das ist schön, macht aber auch viel Arbeit. Wie großes Kino. Nur ganz anders.
Im Grunde verfertigt sich Alexander Kluges mündliche wie künstlerische Rede wie das Internet. Aus einem schier unendlich scheinenden Wissensfundus schafft er mit großer Leidenschaft überraschende Bezüge, die oft nur auf den ersten Blick willkürlich scheinen. Zwischen Ökonomie und Mythos zum Beispiel. Oder zwischen Liebe, Macht und der Lebenszeit als Währung. Da ist der Weg vom linearen Medium ins multidimensionale Museum nur konsequent.
Berühmt wurde Kluge zum Vertreter des neuen deutschen Autorenfilms („Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, 1968), für sein literarisches Werk erhielt er 2006 den Büchner-Preis. Mit seinen als „Fensterprogramm“ ausgewiesenen Gesprächen mit Wissenschaftlern, Intellektuellen, Schauspielern, Musikern oder Schriftstellern unterwanderte er als Trojaner die Oberflächlichkeit des Privatfernsehens.
Im Museum Folkwang werden filmische Werke gezeigt, die zum Teil zwar auf früheren Arbeiten basieren, tatsächlich aber eigens für die Ausstellung konzipiert worden sind. Was Kluge im „Pluriversum“ will, ist nichts weniger, als die Filmgeschichte technisch wie inhaltlich weiterdrehen, mit den bewusstseinserweiternden Möglichkeiten der vieldimensionalen Präsentation experimentiert.
„Ich bin mir sicher, dass sich Museen heutzutage zu Werkstätten wandeln“, sagt Kluge in diesem Sinn. Und hat in diese Werkstatt auch seinen „Atlas“ integriert: ein „Gedächtnis der Bilder“, in dem er mit seinen Editoren über Jahrzehnte das Potenzial zentraler Szenen der Filmgeschichte in neuen Sinnzusammenhängen erproben wollte. Von den dabei entstandenen 400 Stunden Film ist in Essen eine kleine Auswahl zu sehen.
Am deutlichsten wird das Konzept wohl im Herzstück der Ausstellung „Die Verflüssigung des Festen“ (2017), deren Titel auf Karl Marx verweist, aber eben auch auf das eigene Programm: eine von fünf Projektoren erzeugte, musikalisch rhythmisierte Bilderflut, die einen Bogen schlägt von Walgesängen über Tiere im Bombenkrieg über die Mediengeschichte des bewegten und unbewegten Bilds bis hin zum G-20-Gipfel ohne Afrika 2017. Und einer Absurdität namens Donald Trump.
Bis unter die Decke füllt sich so der ganze Raum mit Bildern, die in teils ruhigem Fluss, zumeist aber in wildem Stakkato geschnitten sind. Kluge geht es vor allem um die Leerstellen dazwischen. „Ich habe die Bilder ja bewusst gegeneinander geführt“, sagt Kluge. „In den Lücken entsteht eine Epiphanie, ein Bild nur im Kopf des Betrachters. Ein Film minus ein Film minus ein Film minus ein Film ist in der Summe mehr als ein Film.“
„Im Kino sitzen die Menschen ja fest vor einer flachen Leinwand“, sagt Kluge. „Im Museum aber kommt ihre Bewegung zur Bewegung der Bilder noch hinzu.“ So funktioniert „Pluriversum“ in der Manier einer Simultanbühne oder eines mittelalterlichen Mysterienspiels, bei dem der Besucher von Station zu Station wandert. Allerdings ohne die zwingende Logik eines Handlungsstrangs.
In diesem Sinn hat Kluge seine eigene Arbeit mit dem Weben und Wirken der mythischen Ariachne verglichen, die Athene aus Eifersucht wegen der von ihr in Kleider verwobenen Bilder und Geschichten in eine Spinne verwandelte. Darauf verweist der Eingangsraum: ein Firmament aus Schlüsselwörtern, das im Pluriversum Kluges als Navigationshilfe dienen soll.
„Eigensinn“ steht da zu lesen, „Philosophie der Fußsohle“, „Stalingrad – Das Knie“, „Eingemachte Elefantenwünsche“. Das ist zwar poetisch, aber auch esoterisch und hilft nur dem Eingeweihten, der sich eh schon auskennt. Oder, um im Bild zu bleiben: In der fein wie von Ariachne gesponnenen Textur von Kluges labyrinthischem Denken fehlt dem Einsteiger bisweilen der Ariadnefaden.
Das gilt für manche der teils vom Ausstellungsteam wundervoll arrangierten und präsentierten Objekte, die ihre Geschichte partout nicht von sich aus preisgeben wollen. Das gilt für Texte und Bücher anderer – befreundeter? – Autoren, die als Sterne die Gedankenwelt Kluges spotartig beleuchten, von denen man aber nicht unbedingt weiß, welche Stelle.
Das gilt aber auch ein wenig für die interne Struktur der Schau. Nach welchen Kriterien etwa werden manche Filme in Flachbildschirmen an die Wand geworfen, sodass man als Besucher passiv konsumieren muss, während andere an einem Medientisch auf Tablets darauf warten, animiert zu werden? Man kann darauf kommen, hätte den Kopf aber gerne von Anfang an für andere Überlegungen frei.
Für Überlegungen zum Beispiel, die Kluge mit dem archetypischen Bild eines Hauses und seiner aus den Angeln gehobenen Tür unter Verweis auf ein Grimmsches Märchen einen ganzen Kosmos an Assoziationen lostritt. „Das Haus in Mitteleuropa ist nicht beweglich, kann vor Gefahr nicht ausweichen wie das Schiff des Ulysses“, steht an der Fassade. Wen also hineinlassen ins Haus Europas? Und wen abweisen?
„Inhaltlich, formal und technisch ist diese Ausstellung die komplexeste, die jemals im Museum Folkwang zu sehen war“, betont denn auch Museumsdirektor Tobia Bezzola, der das Museum nach fünf Jahren Richtung Lugano verlässt. „Das braucht Zeit.“ So hofft Bezzola den auch auf „Besucher, die mehrmals kommen“. Im Folkwang geht das. Schließlich ist der Eintritt kostenlos.
So entspricht „Pluriversum“ nicht zuletzt dem Selbstverständnis eines Hauses, das sich eigentlich keine Besucher, sondern Bewohner wünscht, die immer einmal wiederkehren, um auf Entdeckungsreise zu gehen oder sich in ein Lieblingsbild zu versenken. Und auch in Kluges Kopf muss man sich halt ein wenig einnisten, um sich darin heimisch zu fühlen.
So funktioniert die ganze Ausstellung in Essen wie jene Flaschenpost, die den Besucher auf einem Podest im Eingangsbereich erwartet. In Seenot warfen Seeleute sie ins Wasser, heißt es da: „Solche Hoffnung zeigt Mut“. Bei Kluge ist das immer vor allem der kantianische Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. An dieser Anstrengung eigener Aufklärung kommt im „Pluriversum“ niemand vorbei.
Und dann schafft die Ausstellung auch noch einen Bezug zu Kluges Schwester Alexandra, die in zentralen Filmen wie „Abschied von Gestern“ (1966) oder „Macht der Gefühle“ (1983) Hauptrollen spielte und im Juni 2017 starb. „Sie fehlt mir sehr“, sagt Kluge. An diesen Stellen merkt man einmal mehr, dass das Denken dieses eher sanften Menschen nicht kalt analytisch funktioniert, sondern auch geprägt ist von großer Emotionalität.
„Alexander Kluge. Pluriversum“ ist noch bis zum 7. Januar 2018 im Essener Museum Folkwang zu sehen. Bei Spector Books ist parallel ein schmaler Katalog mit Bildern, Essays und Interviews erschienen, der sich aber eigentlich als eine Art Künstlerbuch verstehen lässt. Da ist in der Fläche angedeutet, was das Museum bietet.
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