Ist Navid Nuur ein Künstler? Oder ist er nicht vielmehr ein Magier? Die Antwort auf diese Frage ist salomonisch: Denn mal ist er das eine, mal das andere. Also beides zugleich. Das hat viel mit permanentem Weltenwechsel zu tun. Und mit dem Hier-Dort-Prinzip.

Navid Nuur. Hocus Focus, Marta Herford, 2020; Foto: Thomas Köster

Es gehört zum festen Repertoire richtig guter Zauberkünstler, Dinge nicht nur von der Bühne, sondern sogar aus der echten Welt verschwinden zu lassen. Der große Houdini hat das 1918 mit einem Elefanten auf dem Times Square getan, der etwas kleinere David Copperfield 65 Jahre später und rund sechs Meilen entfernt mit der Freiheitsstatue im New Yorker Hafen. So gesehen ist Navid Nuur der größte Zauberer von allen: Er hat sich nämlich immer wieder selbst verschwinden lassen. Oder, noch viel besser: für eine Weile unsichtbar gemacht.

Der Dornröschenschlaf des Sensors

Zwischen 1993 und 2011 ist Navid Nuur auf der Jagd nach Bewegungsmeldern im Schatten der Nacht durch die verlassenen Gassen, Plätze und Hinterhöfe von Berlin gezogen. Ziel war es, noch langsamer und geschmeidiger als ein Fuchs durch die Wildnis der Großstadt zu streifen – und dabei in der Zeitlupe des eigenen Gangs sogar die Elektronik der Maschinen auszutricksen. Sprich: Auf zauberhafte Weise so lange unsichtbar zu bleiben, bis der sichernde Sensor endlich aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und das enthüllende Licht anknipst.

Navid Nuur. Hocus Focus, Marta Herford, 2020; Foto: Thomas Köster

Ergebnis der subversiven Aktion ist die Video-Installation „When doubt turns into destiny“: Es ist schon erstaunlich, wie lange es Navid Nuur darin gelingt, den Sicherungsauftrag der hoch sensiblen Melder zu unterwandern.

Eingefroren wie ein Fuchs im Wald

Im Januar hätte mich Navid Nuur damit ohne Zweifel fast in die Verzweiflung getrieben (wenn ich an dieser Stelle selbst einmal kurz auftauchen darf). Als Ausstellungsfotograf hatte ich den Auftrag, Nuurs Werke im Marta für den WDR einzufangen. Dummerweise bin ich aber darauf angewiesen, dass die Dinge für den Bildsensor meiner Kamera eben gut genug sichtbar sind. Was hinlänglich unsichtbar bleibt, lässt sich nicht bannen.

Festhalten konnte ich deshalb nur jene Augenblicke, in denen im Video das Licht der Hinterhöfe anging: Navid Nuurs Scheitern also, der Moment der Entzauberung seines rätselhaften Verschwindens, wie ich dachte. Aber das war natürlich ein Irrtum.

Navid Nuur. Hocus Focus, Marta Herford, 2020; Foto: Thomas Köster

Inzwischen weiß ich es besser: Denn das Auftauchen nach dem Abtauchen gehört zur Slow-Motion von „When doubt turns into destiny“ unbedingt dazu! Deshalb bleibt Navid Nuur auch im Lichtschein der Bewegungsmelder so eingefroren stehen wie der Fuchs im Lichtkegel eines Autoscheinwerfers auf einer Straße im Wald. Er macht damit ein Foto seines Stillstands, ein Negativ seiner Bewegung. Ich war ja so naiv (und bin deshalb jetzt auch schon wieder beschämt verschwunden.)

Das Paradox des Hier-Dort-Prinzips

Überhaupt verschwindet Navid Nuur ja nur, um aufzutauchen. In Wirklichkeit wechselt er – hocus focus fidibus – permanent die Welten. Zumeist geht er dabei vom Alltag in die Phantasie. Und weil er diesen Wechsel bisweilen mit lähmender Langsamkeit derart blitzschnell ausführt, ist er paradoxerweise nur deshalb unsichtbar, weil er in beiden Welten gleichzeitig sichtbar ist. Es ist wie beim Vexierbild, wo zwei Bilder simultan vorhanden sind, der Betrachtende aber einen Schalter im Kopf umlegen muss, damit ein Bild in den geistigen Lichtstrahl rückt. Und das andere eben in den Schatten.

Navid Nuur. Hocus Focus, Marta Herford, 2020; Foto: Thomas Köster

Man könnte dieses simultane Vexierspiel das Hier-Dort-Prinzip nennen. Navid Nuur hat es selbst in einer Arbeit illustriert – nur eben stark verlangsamt, damit wir es überhaupt begreifen können: Im Leuchtkasten von „Ohne Titel“ (2007-2010) strahlt manchmal „Here“, manchmal „There“. Aber beide Wörter sind selbstverständlich trotzdem immer da. Was aus dem Fokus gerät, liegt zwar im Dunkeln. Aber es wartet geduldig dort, wo es liegt.

Im Marta gibt es von diesem Weltenwechsel außerdem ein Beweisbild („Another window in my studio“, 2008-2009). Und Kleidungsstücke als Indizien („After entering another window in my studio“, 2008).

Don’t forget to breathe!

Das Hier-Dort-Prinzip gilt übrigens auch für jene Dinge, die Navid Nuur aus dem Alltag von Drüben verwandelt zurückbringt. Das Popcorn von „PopP“ (2018) ist natürlich immer noch Popcorn. Aber es ist AUCH eine Skulptur, deren Elemente der Größe nach aufgespießt sind wie Schmetterlinge. Eine getrocknete Träne unter dem Dia-Projektor von „Ours“ (2011/12) bleibt eine Träne. Aber sie ist AUCH ein kristallisierter Gedanke. Und die Kaugummis von „Training“ (2005-2013) sind immer noch Kaugummis. Aber sie haben sich im Nuurs Mund AUCH in das Symbol einer unerhört poetischen Sprache verwandelt, die uns den Atem stocken lässt.

Navid Nuur. Hocus Focus, Marta Herford, 2020; Foto: Thomas Köster

Auch Nuurs Brotteig ist noch immer Brotteig. Aber er ist AUCH ein – wenn auch etwas unbeholfen wirkendes – Modell des Marta. Wahrscheinlich könnte man dieses Modell sogar noch essen. Was aber keiner tut, weil es als Serviervorschlag den Hunger nach etwas Anderem, Höherem längst befriedigt hat.

Ohne Illusion und doppelten Boden

Dass der große Houdini den Elefanten 1918 auf dem Times Square in seiner Kiste hinter einem quer gestellten Spiegel verschwinden ließ, ist längst entschlüsselt. Und der etwas kleinere David Copperfield musste seinen Verschwinde-Trick genau 100 Jahre später sogar vor Gericht erklären. Derlei Demütigungen bleiben Navid Nuur erspart. Bei ihm gibt es auch gar nichts zu enthüllen. Und nichts zu verbergen: Das Hier-Dort-Prinzip kann – und soll ja – Jeder lernen. Man muss es nur wollen.

Deshalb verzaubert Navid Nuur ohne Illusion und doppelten Boden. Er ist ja nicht nur ein großer Magier. Er ist ja auch ein großer Künstler. Und zwar beides gleichzeitig! Ein echter Zauber-Künstler eben. (25.05.2020)

Zuerst im Marta-Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.