German Pop Art Nostalgie 2: Ministeck
Wir haben ja an anderer Stelle schon geschrieben, wie erfrischend aktuell & politisch sich „German Pop Art“ in Oberhausen präsentiert. Aber die Ausstellung hat auch drei Kindheits-Erinnerungen in uns geweckt: und zwar an Heintje, Ministeck & an die DDR. Ein Wochenend-Triptychon
Im Mittelteil: Reinhard Voigt, „Tulpen“ (1974) und „Hörzu“ (1971)
Den alten Griechen galten die Atome als die kleinsten Teilchen, das war falsch. Heute wissen wir es besser: Die kleinsten Teilchen sind die Pixel.

Pixel gab’s schon immer, seit dem Urknall; also auch in den 1970er Jahren. Und darauf basierende Computerspiele sowieso. Unser Computerspiel hieß „Master Mind“. Und unsere Pixel waren analog.
Ein Gutteil unserer Pixel kam von Ministeck. Und ihr Erfinder Helmut Gottwald war unser Shigeru Miyamoto.
Als der Helm noch Rembrandt war
Stundenlang steckten wir nach Gottwalds Vorlagenbüchern Pferde und Tiger, Stillleben mit Blumen und Piratenschiffe auf weiße Plastik-Gitter.
Aber auch Kunst wie den 5.100-teiligen „Mann mit dem Goldhelm“, der damals noch von Rembrandt war.
Bild oben: Anonym, „Der Mann mit dem Goldhelm“
(um 1650/1655), Ministeck-Version. Heute nix mehr wert.

Heute nix mehr wert.
Diesen Teil unserer Sauerländer Kindheit sehen wir, wenn wir Reinhard Voigts „Tulpen“ (1974) sehen. Dabei haben SEINE Pixel nichtmals die komplexe Chemie von Ministeck, also keine Moleküle.*
*bei Ministeck gab es Einser, Zweier-, Dreier- und Viererblöcke.
Bei Reinhard Voigts „Tulpen“ ist alles atomarer Einser.

Freitag ist Freutag!
Aber Reinhard Voigt schuf nicht nur Tulpen, die in unseren Augen Ministeck-Tulpen sind: Er schuf neben einem Ministeck-Jüngling auch eine Ministeck-„Hör zu“. Mit Ministeck & Geduld & Spucke ist nämlich prinzipiell alles verpixelbar.
Wie Rolf Kaukas Comic „Fix&Foxi“, so kam auch die Fernsehzeitschrift „Hör zu“ am Freitag. Wir brachten sie den Eltern, wenn wir freitags „Fix&Foxi“ holten*, vom Kiosk mit.
*“Micky Maus“ hingegen holten wir Montags.
Weil sie ebenda erschien.
„Freitag ist Freutag ist Fix&Foxi-Tag.“
Werbe-Meme, 1970er Jahre
Wir sind extra in Einem seiner elterlichen Keller gestiegen und sind seiner Mutters (leider nicht mehr ganz komplette) „Hör zu“-Sammlung durchgegangen.

Aber wir haben nur ein einziges Weihnachts-Cover von 1951 gefunden, das Reinhard Voigts Fassung zumindest annähernd entspricht.
Auf den vorhandenen Dezember-Ausgaben der 1960er und 1970er Jahre findet sich kein einziger Weihnachtsmann! Nur 1971 Blacky Fuchsberger mit abgenommener Weihnachtsmann-Maske; aber das kommt ja als Vorlage nicht infrage.
Es ist also nicht auszuschließen, dass Reinhard Voigt das Motiv erfunden hat.*
*Spoiler-Alarm: In Anmerkung 2
klären wir das hinlänglich auf!
Foto oben: Cover der Dezember-Ausgabe von „Hör zu“ (1951),
Norddeutsche Ausgabe mit Europa-Programm vom 20. bis 26. Dezember
Die Pixel des Urknalls
Egal. Jedenfalls markierten unsere Mütter, während wir mit „Fix&Foxi“ in den elterlichen Badewannen verschwanden, mit dem Kugelschreiber in der „Hör zu“ jene Sendungen, die ihnen in der kommenden Woche zwischen 18:00 Uhr und 23:00 Uhr – das war die sogenannte Sendezeit – in unseren drei Programmen – ARD, ZDF, WDR, wir hatten ja nichts – sehenswert erschienen.
So strukturierte „Fix&Foxi“ unsere kindlichen Säuberung-Rituale, bei denen die Hände schmutzig blieben, und die „Hör zu“ unseren Alltag bis zum sogenannten Sendeschluss, sprich: bis zu den Pixeln des „Testbilds“. Vor dem komplett verpixelten Rauschen, das angeblich ein Echo des Urknalls war, also irgendwie schon digitaler Sternenstaub.*
*Dazwischen verpixelten aber immer wieder auch die Sendungen.
Dann mussten die Väter auf’s Dach und die Antenne richten.
Bonus-Track: „Fix&Foxi“, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, 2018
Im Gegensatz zu Donald Duck, Micky Maus und Pumuckl gab es die Helden von Fix&Foxi nicht bei Ministeck.
Natürlich haben wir trotzdem versucht, sie nachzustecken, die Realität des Comics in analoge Pixel aufzulösen, diese kleinsten Teilchen auch Fuxholzens:
Mit Geduld & Spucke kann man aus Ministeck ja alles formen.
Uns allen allerdings fehlten Geduld & Spucke.Wir schon schon bei Lupo und Pauli und Professor Knox, sprich: in der zweiten Reihe, gescheitert.

Bild oben: analoge LEGO-Pixel kann jeder,
lieber Ai Wei Wei. Ministeck ist Kunst!
(11.04.2026)
Anmerkung 1: Das mit den Tulpen und dem Ministeck hat uns keine Ruhe gelassen, deshalb haben wir bei Reinhard Voigt einfach einmal nachgefragt, ob ihn Ministeck beeinflusst habe.

„Nein, überhaupt nicht“, hat Reinhard Voigt uns geantwortet. „Ich kannte dieses Ministeck gar nicht. Eine Inspiration waren die Kreuzsticharbeiten meiner Mutter.“ Auch mit Zierstich & Geduld & Spucke ist nämlich prinzipiell alles verpixelbar.
Und da haben wir uns plötzlich wieder daran erinnert, dass es auch in den 1970er Jahren Pixel gab, die unsere Mütter liebten:
Knüpfarbeiten zum Beispiel nach Kunstmotiven, die mit einer speziellen Nadel durch ein „Stramin“ genanntes Baumwoll-Raster gezogen werden mussten.
Und denen man sich widmen konnte, während im Fernsehen am Freitagabend nach der 20-Uhr-„Tagesschau“ (ARD) der angekreuzte „Derrick“ (ZDF) lief: Es hieß ja „Hör zu“ und nicht „Schau hin“.

Anmerkung 2: Und dann hat uns Reinhard Voigt auch noch verraten, wie es zum „Hör zu“-Motiv gekommen ist:
„Das war eine Auftragsarbeit. Die Werbeabteilung der ‚Hör zu‘ verschenkte zur Weihnachtszeit an ihre Kunden Grafiken. Und 1971 wollte man von mir eine Arbeit haben.
Man gab mir eine gewisse Anzahl von ‚Hör zu‘-Titeln, von denen ich mir ein Motiv aussuchen sollte. In dem Stapel der Titel befand sich eine Picasso-Zeichnung, gewissermaßen das Porträt eines Weihnachtsmanns.
Das empfand ich für den Zweck äußerst passend: Weihnachtsmann –Weinachtsgeschenk und nicht zuletzt eine Hommage an Picasso.

Bild oben: Reinhard Voigt, „Verstand ist wichtiger als Busen“ (1971)
Die Arbeit wurde gedruckt und geliefert. Am nächsten Tag klingelte das Telefon und mir wurde gesagt, höhere Instanzen hätten den Siebdruck abgelehnt und ich solle doch bitte nochmal eine Arbeit machen. Daraufhin suchte ich wieder zwischen den Titeln und fand ein anderes Cover, das mir gefiel: ein Foto von Senta Berger, mit dem schönen Satz ‚Verstand ist wichtiger als Busen‘. Und so kam es zu zwei ‚Hör zu‘- Grafiken.“
Ach ja, jetzt erkennen wir Picassos Weihnachtsmannnatürlich auch. Entschuldigung. Noch so ein Kunstfehler, den wir begangen haben.
„German Pop Art“ ist noch bis zum 3. Mai 2026 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Was man sieht, zeigt diese Fotostrecke:
Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen in der KunstArztPraxis:
German Pop Art Nostalgie 1: Heintje
Gleich bunt in kritisch. „German Pop Art„
Alles Paletti? Das Udo-Lindenberg-Quiz! (leider kein Gewinnspiel mehr)
Auf nach Zamonien! Walter Moers in Oberhausen
Holleri du dödl di? Das Loriot-Gewinnspiel-Quiz! (leider kein Gewinnspiel mehr)
Homepage der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen




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