Seit über 40 Jahren lebt der britische Bildhauer Tony Cragg in Wuppertal, seit 20 Jahren hat er auf dem dortigen Grifflenberg ein riesiges Atelier. Hier erfindet er unermüdlich neue Formen, hier arbeiten rund ein Dutzend Handwerker an seinen Werken mit. Wir durften rein.

Tony Cragg, Atelier, Wuppertal 2019; Foto: Thomas Köster

Tony Cragg ist müde. Eigentlich ist er schon auf dem Sprung nach Schweden. Aber dann hageln plötzlich noch Termine im Stundentakt ins Haus. Gerade hat er eine Gruppe aus Italien durchs Atelier geführt. Und jetzt kommen auch noch wir. Nur eine halbe Stunde hat er Zeit für Fragen und Porträts. Es tue ihm leid. Man glaubt es ihm.

Tony Cragg ist ein gefragter Mann. Einer der wichtigsten Bildhauer der Gegenwart. Neben dem Kunst-Nobelpreis „Premium Imperiale“ erhielt er mit dem Turner-Preis die bedeutendste Kunstauszeichnung seiner britischen Heimat. Gegen Größen wie Lucian Freud und Richard Long hat er sich damals durchgesetzt. Wer sein Atelier betritt, kann spüren warum.

Lärm wie im Sägewerk

Einst war das Gebäude Teil eines Militärgeländes zwischen Uni und Technologiepark. Zur Jahrtausendwende hat Cragg es entdeckt und ihm „durch einen Anbau mehr Volumen gegeben“. Und mehr Licht natürlich. Früher parkten hier Panzer, der Boden kann schwere Lasten tragen. Also auch die Tonnen von Craggs Kunst.

Er habe gerade noch einmal durchgezählt, sagt Cragg. „Momentan sind 34 Arbeiten hier, an denen ich gleichzeitig arbeite.“ Manche liegen schon seit drei Jahren hier. „Die werden vielleicht nie etwas werden.“ Andere sind noch frisch. Es bleibe also spannend. „Ich bin immer aufgeregt, wie es am Ende aussehen wird. Deshalb mache ich das.“

„Ich bin jeden Tag im Atelier“, sagt Cragg. Es sei sein Lebensauftrag herzukommen. „Alles, was passiert, hängt davon ab, was ich hier im Atelier erreiche.“ Mit Selbstdarstellung habe das nichts zu tun. „Mein Atelier ist keine Bühne.“ Sondern eine riesige Werkstatt, in der es lärmt wie im Sägewerk. Und die zeigt, dass schöne Kunst auch viel Arbeit macht.

Tony Cragg, Atelier, Wuppertal 2019; Foto: Thomas Köster

Wo der Prozess beginnt

Um seinen Lebensauftrag zu erfüllen, arbeitet Cragg mit rund einem Dutzend Handwerkern zusammen. Da sind Schreiner dabei. Menschen, die mit Gips oder Kunststoff oder Glas oder Marmor arbeiten können. Die polieren, schleifen, kleben. Im Archiv arbeiten, Fotos oder Kataloge machen, Materialien kaufen. Und Cragg den Kopf freihalten für seine Kunst.

Unterschiedliche Materialien müssen unterschiedlich behandelt werden. Deshalb besteht Craggs Atelier aus vielen Ateliers, die teils Werkstätten sind. Der Staub von entferntem Holz liegt überall, es riecht nach Klebstoff. Davon abgetrennt ist jener Teil, der sauber bleiben muss. Wo fertige Werke auf Ausstellungen warten. Und wo der Prozess beginnt.

Tony Cragg, Atelier, Wuppertal 2019; Foto: Thomas Köster

Mit ausgefrästen Schichtholzplatten zum Beispiel, die Cragg zu Modellen zusammensetzt. „Das erlaubt mir, relativ komplizierte Formen einfach zu bauen und zu ändern. Und wieder abzubauen, wenn es mir nicht gefällt.“ Es ist die allmähliche Verfertigung des Kunstwerks beim Gestalten. „So, wie ich einen Satz beginne und nicht weiß, wie er enden wird.“

Nach Wuppertal der Liebe wegen

Ganz am Anfang steht die Zeichnung. Auch hierfür gibt es ein eigenes Atelier, das auch als Besprechungsraum dient. „Bei einer Zeichnung weiß man auch nicht, wo sie hinführt“, sagt Cragg. „Eine Zeichnung ist erstmal ein Abenteuer, eine Reise.“ Wenn sie glückt, mündet sie in einer Kleinskulptur aus Holz und Ton. Und am Ende vielleicht in einer größeren aus Bronze.

1977 kam Cragg nach Wuppertal. Der Liebe wegen. Ein Jahr später wurde er Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie, 1988 dort Professor, zwischen 2009 und 2013 war er Rektor. In Wuppertal hat er einen wundervollen Skulpturenpark geschaffen. Und eben sein Atelier, das jene Energie versprüht, die in Craggs Werken gefangen ist.

Tony Cragg, Atelier, Wuppertal 2019; Foto: Thomas Köster

Inspiriert wird Cragg seit seiner Kindheit von den Formen der Natur. Das erste Fossil – ein herzförmiges Urzeittierchen – findet er mit sieben Jahren. „Mein jüngerer Bruder hat das, muss ich gestehen, zuerst gesehen. Und ich habe es dann – als älterer Bruder – sofort geschnappt.“ Jetzt ist es Teil der privaten Fossiliensammlung im Wuppertaler Atelier.

Formen gegen Armut

Natürlich besteht Craggs Kunst nicht darin, die Natur nachzuahmen. Ihm geht es darum, die Welt mit neuen Formen zu bereichern. Ihr eine grenzenlose, phantastische Vielfalt zu geben. Auch als Statement gegen die Verarmung an Formen in unserer industriell reduzierten Zeit. So gesehen ist dieses Atelier sogar ein politischer Ort.

Ein sehr persönlicher Ort ist das Atelier in Wuppertal allemal. Nicht wegen irgendwelcher Erinnerungen, die hier versammelt wären. Sondern wegen jener Energien, die laut Cragg auf ihn als Künstler übergehen. „Wenn ich das Material ändere, merke ich, wie mich das Material verändert.“ Wer kann schon so etwas Beglückendes über seine Arbeit sagen. (26.09.20)

Tony Cragg, Atelier, Wuppertal 2019; Foto: Thomas Köster

Zuerst auf wdr3.de.

Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden

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