Auch wenn ihr Hang zum abstrakten Farbrausch sie eint: Unterschiedlicher könnten die Werke von Katharina Grosse und Gotthard Graubner nicht sein. Im MKM Museum Küppersmühle prallen sie nun mit vereinter Kraft aufeinander.

Farbe absolut. Katharina Grosse x Gotthard Graubner, MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg 2020; Foto: Thomas Köster

Anfangs war selbst Katharina Grosse skeptisch. „Das wird nicht einfach. Das birgt Konflikte“, hat die Berliner Künstlerin gesagt, als die Macher der Schau mit dem Plan an sie herangetreten sind, ihre Arbeiten mit denen ihres ehemaligen Düsseldorfer Lehrers Gotthard Graubner in einen Dialog treten zu lassen. Das kann man gut verstehen.

Grosse ist berühmt für ihre wild-expressiven, rauschhaft wirkenden Großformate, die sie in Graffiti-Manier mittels einer kompressorbetriebenen Spritzpistole und teils unter Einsatz von Schablonen auf Tücher und Leinwand sprüht. Gotthard Graubner hingegen nutzt Farbe für seine mit überdimensionalen Pinseln entstandene „Kissenbilder“. Anders als bei Grosse unterstreichen hier teils konkrete Titel den Effekt.

Nichts abbilden wollen

In Duisburg kann man sich Grosse und Graubner separat in Räumen nähern, die jeweils einem der beiden Künstler gewidmet sind. Das ist wichtig, um nicht gleich vom Eindruck der Konfrontation überwältigt zu werden. Wenn man sich dann auf die Spannungen einlässt, wird man durch ein beeindruckendes Zusammenspiel belohnt.

Denn es gibt auch viele Gemeinsamkeiten. Grosse und Graubner arbeiten beide abstrakt, so banal das zunächst klingen mag. Das Thema ihrer Bilder ist die Farbe, die nichts mehr abbilden, sondern einzig für sich selber sprechen will. Ihre Bilder sind raumgreifende Körper, die aus der Leinwand hinauswachsen.

Bei Graubners „Kissenbildern“ flirrt die Farbe geradezu aus der Leinwand heraus oder kämpft auf der mit Synthetikwatte hinterfütterten Bildträger mit Schwerkraft gegen die eigene, vermeintlich monochrome Leichtigkeit. Grosse wiederum schichtet ihre bunt besprühten Tücher übereinander und wirft mit ihren Faltungen die Frage auf, wie die oft totgesagte Malerei in der Gegenwart überleben kann.

Welle bei Grosse, Wölbung bei Graubner

„Unsere Arbeiten gehen ja auf ähnliche Grundannahmen zurück, zum Beispiel eine offene Struktur, die Energie der Farbe und deren Verbindung zum Körperlichen“, unterstreicht dementsprechend auch Katharina Grosse. „Wobei das Überraschende ist, das wir zu so verschiedenen Bildformen gekommen sind.“

Farbe absolut. Katharina Grosse x Gotthard Graubner, MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg 2020; Foto: Thomas Köster

So gibt die Duisburger Schau mit ihren über 50 raumgreifenden Werken nicht zuletzt Einblicke, die die Gemeinsamkeiten offenlegen, den Unterschieden aber auch Raum gewähren: Wellen bei Grosse, Wölbungen bei Graubner zum Beispiel. Pure malerische Kraft, aber gebunden in komplett anderen Aggregatzuständen. 

„Das Bild ist ja eine Membran zwischen Materie und Idee, Körper und Raum“, sagt Grosse. „Graubner hat darauf in den 80er-Jahren eine Antwort gefunden.“ Und fügt mit dem ihr eigenen, hintergründig-sanften Humor hinzu: „Ich bin froh, das er das so gemacht hat. Dann muss ich das nicht mehr machen.“

Dialog auf Augenhöhe

Vier Jahre lang war Grosse Meisterschülerin von Gotthard Graubner an der Kunstakademie in Düsseldorf, an der sie später selbst von 2010 bis 2018 eine Professur innehatte. Davor war sie in Münster Schülerin des gegenständlichen Malers Norbert Tadeusz, der momentan dank einer aufregenden Retrospektive im Düsseldorfer Kunstpalast wiederentdeckt werden kann (bis 2. Februar 2020). Dass Grosse aus den Einflüssen, die man ihr gerne unterstellt, etwas ganz eigenes gemacht hat, wird in der direkten Konfrontation in Duisburg deutlich. Ein Dialog auf Augenhöhe, der auch Graubner in die Gegenwart rettet. (01.11.2019)

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