Am 26. November 1965 erklärte Joseph Beuys dem toten Hasen die Bilder. Aber wer um Himmels Willen erklärt dem toten Hasen Joseph Beuys? Wir Fluxusflüsterer von der KunstArztPraxis wagen den Versuch. Per Offenem Brief an besagten Hasen. Aber im Grunde an alle Hasen dieser Welt.

Köln, im November 2021

Lieber toter Hase,

seit 56 Jahren lebst du nun schon friedlich im Hasenhimmel, aber Du hast natürlich trotzdem immer noch allen Grund, Joseph Beuys auf ewig böse zu sein. Denn Beuys hat dir damals in der Galerie Schmela in Düsseldorf ohne Zweifel übel mitgespielt. Zumindest auf den ersten Blick.

Wir haben den Prank ja gesehen, er kursiert im Netz: Beuys führt Dir die Pfoten zu den Bildern wie einer Puppe. Um dich in Positur zu bringen, springt er derart ruppig mit Dir um, dass Dein Kopf immer wieder nach hinten und zur Seite kippt. Er steckt Deine Ohren in den Mund, um Dich, auf allen Vieren kriechend, verbissen über den Boden zu zerren. Und am Ende wiegt er Dich sogar noch wie ein Baby im Schoß.

Wir wollen gar nicht durch die Blume reden: Das wirkt hasenverachtend. Demütigend. Artungerecht. Auch der Gestank von Blattgold mit Honig muss für Deinen sensiblen Windfang bestialisch gewesen sein. Kurzum: Das macht man einfach nicht mit einem alten Hasen.

Da ist es sicher nur ein schwacher Trost, dass Beuys mit lebenden Kojoten, also Deinem Erzfeind auf Erden, genauso biologisch inkorrekt umgesprungen ist wie mit Dir.

Joseph Beuys „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ aus Sicht Rudolf Zwirners

Nach dem traumatischen Erlebnis wird es Dich sicher überraschen, wenn wir Dir sagen, dass Joseph Beuys die Hasen liebte! Mehr noch als die Schwäne, die Schafe, die Elche, die Bienen, die Fische, die Hirsche. Und mehr noch als die Kojoten natürlich. Das können wir dir garantieren.

Er wollte sogar eine „Liebesbeziehung“ zu Euch haben! Das sind nicht unsere, das sind seine Worte. Doch, doch, das ist wirklich wahr.

Kein Jaguar, ein Hase zierte den Kühler seiner Bentley-Limousine. Hasenbraten war eine seiner Lieblingsspeisen. Und in Ermangelung eines eigenen Fells trug er zur Wärmung seines Körpers ehrfurchtsvoll das Deiner Artgenossen. Wenn man bedenkt, wie wichtig Beuys Nahrung und Wärme waren, ist das ein Riesenkompliment.

Er hätte ja auch Filz tragen können. Oder Fett essen. Hat er früher auch getan, angeblich, bei den Tataren, aus Not. Aber eigentlich musste es später immer Hase sein.

„Ich bin kein Mensch,
ich bin ein Hase …
Ich bin ein ganz scharfer Hase!“

Joseph Beuys

Nun magst Du einwenden, dass jede Form der Fellaneignung als böser Akt evolutionärer Appropriation geächtet werden müsste, und vielleicht hast Du ja Recht. Und natürlich können wir auch verstehen, dass Hasenbraten für Dich nach Geschmäckle riecht.

Trotzdem glauben wir, dass Du Beuys da missverstehst. Wir glauben, dass Beuys sich in seiner Menschenhaut einfach nicht so richtig wohlgefühlt hat. Dass er viel lieber einer von Euch gewesen wäre. Das hat er ja auch selbst gesagt. Deshalb das Fell. Und deshalb die Speise. Als Zeichen der Ehrfurcht!

Ihr wart das Totem des Schamanen.

Wie sollen wir Dir das erklären? Wir versuchen es mal mit einem metaphorischen Hakenschlag: Vielleicht war das bei Beuys ein wenig so wie bei den Kannibalen, die ihre toten Ahnen essen, weil sie sie verehren. Oder damit ihre Weisheit auf sie übergeht. Ja, genau: Vielleicht hat Beuys dich nach der Bilderklärung sogar verspeist, um mehr über seine eigenen Bilder zu erfahren?

Auf das Gegessen-Werden sollen die Kannibalen-Ahnen übrigens mächtig stolz sein. Also: vor dem Essen. Auch wenn das zu verstehen Dir als veganem Säuger sicher schwerfällt.

Mit Beuys-Maske mundtot gemachter Feldhase (nach Albrecht Dürer)

„Natürlich essen wir Hasen!
Mit dem allergrößten Vergnügen!
Beuys macht Hase fabelhaft.“

Eva Beuys

Aber vielleicht macht es Dich zumindest stolz, wenn Du erfährst, warum Beuys Dich zur Bilderklärung ausgewählt hat. Na, eben: Weil Du ein Hase warst! Und offenbar sogar in seinen Augen ein ganz besonderer.

Du warst nicht bloß Ersatz wie bei der „Sibirischen Symphonie“, als Beuys 1964 noch einen Deiner Brüder nahm, weil gerade kein Hirsch zuhanden war. Du warst nicht nur der stumme Held wie deine beiden toten Kollegen bei „Der Chef“ in der Galerie René Block kurz drauf. Nein, nein: DU warst am 26. November 1965 als toter Hase, der du warst, der absolute Höhepunkt.

Als totem Hasen hat Beuys es Dir offensichtlich zugetraut, besser auf die Bilder schauen zu können als das komplette Geschlecht der Menschen. Ohne den Verstand, die Logik, das Wort als Hindernis. Ganz sinnlich, intuitiv, wie wir so sagen.

Mit Dir im Arm wollte Beuys den Menschen zeigen, dass sie ganz falsch zu Bildern stehen. Und DU warst dabei die fabelhafte Lehre.

DA liegt der Hase im Pfeffer.

Toter Hase mit falsch und lebender Affe mit richtig sitzender Beuys-Maske (nach Jan Weenix)

„Heute besteht ein großes Missverständnis bei den Menschen, als müsse Kunst durch einen logischen Satzzusammenhang verstanden werden. Wenn aber die dahinterstehende Idee das Werk wäre, dann bräuchte ich doch dieses sinnliche Gebilde gar nicht zu machen.“

Joseph Beuys

Im Grunde hat Beuys Dir die Bilder erklärt, weil er Dich für klüger hielt als seine eigene Säugetierfamilie. Aber klug auf eine ganz andere Weise. Klug irgendwie nicht im Kopf, sondern eher so im Bauch, in den Lenden, der Flanke, der Keule, dem Äser, der Kuppe. Oder, um es mit Beuys zu sagen: klug im Knie.

Deshalb hat Beuys Dir die Bilder eigentlich auch nicht erklärt. Er hat etwas viel Größeres getan: Er hat Dir die Bilder gezeigt – und dich mit deinen toten Sehern so zu einem magischen Seher seiner überirdischen Kunst gemacht. Während die Menschen leider draußen warten mussten wie beim Friseur und beim Metzger sonst nur die Hunde.

Aber es kommt noch besser! Denn Beuys hat Dich durch die Aktion für die vorm Fenster und später auch für die vorm Bildschirm selbst zum Bild gemacht. Und zwar zu einem, das man nicht mehr erklären kann! Das ein märchenhaftes Rätsel ist. Dessen Geheimnis man irgendwie fühlend erfassen muss.

Mit toten Pfoten vielleicht. Oder mit erschlafftem Hasenbart. So richtig wissen können wir das nicht.

Untoter Stahlhase mit komplett deplatzierter Beuys-Maske (nach Jeff Koons)

Fest steht aber, dass Du dank dieses Bilds nicht nur im Hasenhimmel, sondern symbolisch auch auf Erden weiterlebst. Das, finden wir, hat Joseph Beuys so richtig gut gemacht. Beleidigt sein dürfen da eigentlich nur die Menschen. Die dummen Tiere.

Den dummen Tieren hat Beuys später dann doch noch wortreich erklärt, warum er Dir die Bilder hat zeigen müssen und nicht ihnen; er konnte eben auch nicht raus aus seiner Haut. Er habe Dich ausgewählt, hat er gesagt, weil du ein Opfer seist all jener ökologischen Schäden, die Menschen anrichten würden auf der Welt.

„Sie töten Hasen“, hat er gesagt. „Sie töten aber auch Böden. Sie töten die Wälder. Sie vernichten die Lebenslinien der Natur generell.“ Letztlich töten sie mit Dir also auch sich selbst.

Heute soll es sogar Menschen geben, die das verstehen können. Aber es hat dazu ja inzwischen aus viel eindeutigere und klarere Bilder gegeben als das von Dir.

Egal. All das jedenfalls hat Beuys schon 1965 im Bild vom Erklären der Bilder mitgedacht. Aber sinnlich eben, wir können das nicht besser sagen. Sagen können wir dir aber, dass es also auch um Dich geht in Beuys‘ Bild! Beuys hat das alles vor allem auch für Dich getan, für Deinesgleichen, für das Überleben Eurer Hasenkinder! Ist das denn nicht ein nobler Zug?

Wir finden schon.

„Wenn ich einem toten Hasen die Bilder erkläre,
dann sage ich:
Hier handelt es sich um einen toten Hasen.“

Joseph Beuys

Wir können Dir natürlich mit Worten Deinen Zorn nicht nehmen. Und auch wir werden manchmal beim Sinnieren das Gefühl nicht los, dass Du vor 56 Jahren im Grunde stellvertretend sterben musstest für einen, den andere – heute, zu seinem Jubiläum, wieder – den Erlöser nennen.

Und es stimmt natürlich auch, dass Beuys selbst Hasen getötet hat: Im Grunde hat er ja auch Dich getötet, indem er dich beim Jäger in Auftrag gab. Auch ist nicht auszuschließen, dass einer deiner Artgenossen auf freier Wildbahn auf einer von Beuys‘ Ausflugsfahrten bei seinem Bentley unter die Räder: also unter den Hasen-Totem-Kühler, kam.

Die Luft verpestet und ein bisschen Eure Wälder und Eure Böden getötet hat Beuys mit seinem Schlitten auf jeden Fall.

Aber bedenke: Beuys war auch nur ein Mensch! Er war kein Hase!!! Er wäre nur allzu gerne einer gewesen. Doch diese Entwicklungsstufe blieb ihm verwehrt.

Für vieles würden auch wir Beuys heute noch persönlich die Ohren langziehen, das kannst du uns glauben. Aber Beuys hat die Löffel ja schon abgegeben. Während du im Hasenhimmel immer noch ein Leben führst in Saus und Braus. Und ohne Joseph Beuys auf Erden längst vergessen wärst.

Denk doch bitte auch darüber noch einmal nach.

Mit vielen Grüßen von der üsseligen Erde,

i. A. Deine KunstArztPraxis (22.11.2021)

P.S.: Wir hätten jetzt natürlich auch noch gern gewusst, ob Du die Bilder, die Beuys Dir 1965 erklärt hat, im oben näher ausgeführten Sinn „verstanden“ hast? Wir haben auch schon Joseph Beuys gefragt, aber leider bisher keine Antwort erhalten.

Willst du drüber reden? Kannst du überhaupt reden? Kannst du zumindest lesen? Gibt es Internet im Hasenhimmel? Egal. Melde dich einfach beizeiten bei uns, notfalls per Taubenpost. Wir können auch ein bisschen Pfotensprache und würden uns sehr freuen.

Unser Titelmotiv mit einem neidisch in den Hasenhimmel lugenden Beuys – unsere Interpretation! – stammt vom wundervollen Fotografen Peter Sevriens, der sich bis heute heldenhaft der Unsichtbarkeits-Maschine widersetzt wie der Heilige Georg dem Drachen. Auf seine Bilder durften wir schon mehrfach zurückgreifen. Dankedankedanke!

Dieses Bild zeigen wir sogar exklusiv, sprich: zum allerersten Mal öffentlich! Hach. Schön.

In seinen digitalen Besitz kamen wir mit folgenden Worten: „Genauso wie Albrecht Dürer den Hasen als Kunstobjekt eingesetzt hat, hat auch Joseph Beuys seinen Hasen erfolgreich in der Kunst demonstriert. Beide wussten, wie der Hase läuft! Und wir jetzt auch, machen wir etwas daraus. Liebe Grüße, Peter Sevriens.“

Wir haben es versucht.

Anmerkung 1: Nicht nur wegen der Unsichtbarkeits-Maschine, sondern auch aus Respekt vor dem echten toten Hasen zeigen unsere Fotos ausschließlich die falschen.

Anmerkung 2: Die Beuys-Masken (mit Sevriens-Foto!) wurden den Tieren freundlicherweise von der Kölner Galerie van der Grinten zur Verfügung gestellt. Wir danken herzlich im Namen der Tiere.

100 Jahre Joseph Beuys in der KunstArztPraxis:

Intuition statt Kochbuch. Ein Editionsgedicht
Beuys, der Schüler. „Alles ist Skulptur“ in Duisburg
Reine Bildgebung (1): Joseph Beuys im Skulpturenpark Waldfrieden (leider schon gefressen von der Unsichtbarkeits-Maschine)
Joseph Beuys und die Unsichtbarkeits-Maschine
Joseph Beuys reloaded (I): Der Mensch
Joseph Beuys reloaded (II): Jeder Mensch ein Künstler?
Joseph Beuys reloaded (III): Der Lehrer
Joseph Beuys reloaded (IV): Der Zeichner
Joseph Beuys reloaded (V): Beuys für Sammler
Joseph Beuys reloaded (VI): Warum Beuys heute noch?

WDR-Retro: Beuys und der tote Hase – Kunstperformance in der Galerie Schmela (27.11.1965)
Homepage von beuys2021

Wie man dem toten Hasen Joseph Beuys erklärt

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