Gab es sie wirklich? „Queere Moderne“ im K20
Mit „Queere Moderne“ im K20 der Kunstsammlung NRW haben wir so unsere Schwierigkeiten. Das hat nichts mit den gezeigten, teils grandiosen Werken zu tun, die für uns zum Teil sogar Entdeckungen sind. Sondern mit der, hm: sagen wir vorsichtig: kuratorisch etwas reißerischen Grundidee.
Um es gleich vorweg zu sagen: Ja, auch Schwule konnten malen. Es gibt lesbische Künstlerinnen, die tolle Skulpturen geschaffen haben. Und oft wird auch die sexuelle Orientierung von non-binären Künstler*innen, wird das Geschlecht in ihren Werken Thema. Bei binären Künstler*innen übrigens auch.
Öffnet oder verbaut es den Blick?
Offen gestanden schämen uns schon ein wenig, derlei Banalitäten in der KunstArztPraxis auszusprechen. Das sind ja Plattitüden, die sich inzwischen im Kunstbetrieb als Selbstverständlichkeiten etabliert haben sollten. Wir hätten gedacht: gerade dort.
Gab es also eine dezidiert „queere“ Moderne, wie im K20 momentan behauptet? Und verbaut jene „alternative Kunstgeschichte“, die die dortige Schau „als erste umfassende Ausstellung in Europa“ unter diesem Schlagwort erzählen möchte, nicht vielleicht sogar den Blick auf das, was die Moderne war & wollte?


Nein! Und: Ja!
Wir finden: nein. Und wir finden: ja. Denn die Moderne einte in unseren Augen nicht das aufs sexuelle Biografische Fixierte, sondern das ästhetische – und darüber hinaus oder damit verbunden das soziale, utopische, gesellschaftsverändernde – Interesse.
Die Moderne war ein dezidiert integratives Modell. Und das schloss sogar, anders als im gerade manchmal doch recht ausgrenzenden und, ja: bisweilen ziemlich diskriminierenden LGBTQ-Diskurs, sogar langweilige Heteros selbstverständlich mit ein.
Und ausdrücklich oder stillschweigend asexuelle Künstler*innen natürlich auch.
Vertreter*innen der Moderne waren in erster Linie Künstler*innen. Und in zweiter Linie im Idealfall einfach emanzipierte, aufgeklärte, progressive Menschen.
In der Moderne sollte jeder nach seinem Ausdruck und seiner Façon glücklich werden können. Dass das vielen nicht gelang, dass viele unter Sex & Gender litten, lag vor allem am bornierten Umfeld.
Wir jedenfalls haben in der Düsseldorfer Ausstellung vor allem Themen ausgemacht, die für die Moderne generell typisch sind – oder auch noch für die Zeit danach. Sex & Sender gehörten da zweifellos dazu.
Die merkwürdige Setzung dieser „Moderne“ von 1900 bis 1950 lassen wir hier ohnehin mal außen vor.
Was wir von der Moderne lernen können
Dass ist wohl das, was wir von der – hier von uns aus Erklärungsgründen natürlich sanft idealisierten – Moderne lernen können: Dass es egal ist, ob man „hetero“ oder „homo“ ist oder „bi“ oder „queer“. Und dass wir von derlei peripheren Fragen absehend wieder zur eigentlichen Frage finden sollten: ob das, was Künstler*innen konkret schaffen, gute Kunst ist. Oder eben nicht.
Gute oder schlechte Kunst schafft man ja nicht wegen seiner sexuellen Orientierung oder seiner Geschlechtsidentität. Da war man vor 100 Jahren in der künstlerischen Moderne unserer Meinung nach schon weiter.

In diesem Sinne ist uns der Begriff der „queeren Moderne“ zu reißerisch. Für uns ist das zu wenig Moderne und zu viel Mode. Blickverstellendes Marketingeltangel.
Auch CIS-Männer können woke sein!
Unserer Meinung nach gab es keine Parallel- oder Teil- oder Waswissenwirdenn-Epoche namens „queere Moderne“ – eine „heterosexuelle Moderne“ gab es ja auch nicht.
Aber die Moderne war auch queer. In sich! Im ganzheitlichen Sinn! Das ist etwas komplett diverses.
Keine Ahnung, ob uns die Welt da draußen versteht, aber so sehen wir das eben.
Und zwar nicht nur, weil wir Drei – im Übrigen relativ woke – alte weiße CISser sind, sondern gerade weil uns die phantastische Vielfalt & die integrative Freiheit der Kunst an den Herzen liegt.

Aber vielleicht muss die Zeit auch erst wieder zur (hier wie gesagt von uns aus Erklärungsgründen sanft idealisierten) Moderne zurück, um solche Ausstellungen überflüssig zu machen. (18.01.2026)
„Queere Moderne“ ist noch bis zum 15. Februar 2026 im K20 der Kunstsammlung NRW zu sehen. Wer gute Kunst sehen und Entdeckungen machen möchte, der sollte hin. Trotz allem.
Kunstsammlung NRW in der KunstArztPraxis (K20 und K21):
Kunst entsteht im Kopf, wie Liebe! Yoko Ono im K20
Höhere Wesen befahlen: Séance mit Hilma af Klint
Reine Bildgebung (17): Chaïm Soutine in Düsseldorf
Privat: K21 vs. KI: Kann ein Algorithmus Jenny Holzer? (Leider Opfer der Unsichtbarkeit-Maschine)
Oh, dieses Leuchten! Etel Adnan im K20 in Düsseldorf
Lynette Yiadom-Boakye im K20: Malend dichten
Fotos ohne Kamera: Thomas Ruff im K20
Maximal minimal: Zum Tod von Carmen Herrera
Sommerloch-Porträts (5): Ai Weiweis Kern
Nie fertig: Charlotte Posenenske in der Kunstsammlung NRW


Kommentare
Gab es sie wirklich? „Queere Moderne“ im K20 — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>