Für Max Schulze war Sigmar Polke seit seiner Kindheit immer präsent. Jetzt macht der Sohn von Memphis Schulze mit bei der großen Jubiläumsschau zum 80. Geburtstags Polkes in der Kunsthalle Düsseldorf. Wir waren vorher bei ihm im Atelier. Und denken Max Schulze einfach mal von Sigmar Polke her.

Vom Zauber der Farbe war Sigmar Polke wie besessen. Angeblich glich sein Kölner Atelier zeitweise einer Alchemistenküche, in der der Maler in teils giftigen Mixturen der Magie der Pigmente und Substanzen auf den Grund zu gehen suchte. Vielleicht waren die mit Arsen und Salpetersäure getränkten Salze sogar schuld daran, dass er 2010 mit 69 Jahren dem Krebs erlag.

Das mystische Ergebnis dieser Experimente konnte sich sehen lassen. Auf der documenta 7 in Kassel zeigte Polke 1982 Bilder, die in Abhängigkeit zum Lichteinfall zwischen violett und grün changierten. Und für sein Wandgemälde „Athanor“, das je nach Luftfeuchtigkeit im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig den Farbton wechselte, erhielt er 1986– zu Recht!– den Goldenen Löwen.

„Polke begleitet mich mein Leben lang.“

Max Schulze
Memphis Schulze, Sigmar Polke & Co: „Hochzeitsbild“ (1977), Kunsthalle Düsseldorf 2017

Die Fixierung auf Farbe hat Max Schulze wohl auch von Polke geerbt – ebenso wie die Begeisterung für Stoffe, Tapete, Dekor. Das ist kein Wunder, denn mit Schulzes Vater Memphis hat Polke viele Bilder zusammen gemalt: eine bei der Hochzeit der Malereltern in seinem Geburtsjahr 1977 entstandenes Pop-Art-Teamwork mit Graffiti, Skelett und Comic-Heldinnen hing bis zur Mitte der 1980er Jahre im Schrebergarten der Schulzes in Düsseldorf-Flingern.

„Mit Polkes Bilderwelt bin ich groß geworden“, sagt Schulze bei unserem Hausbesuch in seinem Düsseldorfer Atelier. „Dieses Sampling hat mich schon damals fasziniert, das Aufeinanderprallen von allem Möglichen.“ Bis zur eigenen Akademiezeit habe er auch mit Malverfahren Polkes experimentiert, Hilfsmittel wie Epidiaskop inklusive.

Nach einer Abnabelungsphase in Form von freihändiger Malerei ohne Vorlagen – dem „Versuch der Verleugnung dieser Techniken“ – sei in den letzten Jahren sogar das Konzeptionelle, Serielle dieser Vätergeneration für ihn sehr wichtig geworden.

Max Schulze in seinem Atelier, Düsseldorf 2021

Straße statt Magie

Bei aller Nähe und Prägung ist Schulze natürlich ein eigenständiger Maler, mit klugen Gedanken und einem eigenen, von Polke auch klar abzugrenzenden Stil. Das zeigt sich vielleicht sogar im Verständnis der Farbe, im anderen Fokus– zumindest dann, wenn man vom „Alchemisten“ Polke kommt.

Denn Schulze arbeitet nicht im okkulten Labor der Malerei, sondern im Alltag. Er denkt nicht von der Magie her, sondern von der Straße. Er ist weniger Zauberer als Soziologe. Wenn man das bei einem Maler einfach mal so sagen darf.

„Mich interessiert, wie Farbe im normalen Umfeld zum Einsatz kommt“, sagt Schulze. „In der Öffentlichkeit. Und im Privaten.“ Wie wird Farbe mit Gefühlen und Informationen aufgeladen: in der Mode, im Verkehr, an Gefahrenstellen, beim Anstrich der eigenen vier Wände? Was macht sie zum Signal: bei der Markierung von Demonstranten durch die Wasserwerfer der Polizei oder bei Farbanschlägen auf Objekte?

Foto eines Farbanschlags auf einen rechten Szeneladen (links), Archiv Max Schulze, Düsseldorf 2021

Malen nach Kennzahlen

Dieses Interesse hat Konsequenzen, die ins Konzeptionelle spielen, vor allem für die Wahl des Malereibedarfs.

Schulze rebelliert erstmal nicht gegen das profane Establishment, sondern bedient sich selbst aus dem Mainstream des Heim- und Handwerker-Segments. Wo Polke mit Gerhard Richter und Konrad Lueg einst den „kapitalistischen Realismus“ ins Möbelhaus brachten, um den dortigen Deko-Kitsch (natürlich ironisch) zu übertünchen, holt Schulze das Grunddekor seiner Bilder selbst aus dem Baumarkt.

Schulzes Schweinfurter Grün heißt „Held des Waldes“, sein Cobaltnitrat „Frozen“, sein Goldschwefel „Feenstaub“ – je nachdem, ob der Ton aus dem „Feine Farben“-Sortiment des Herstellers Alpina stammt oder aus dem „Schöner Wohnen Farbtonstudio“. Da wird nichts giftig abgemischt, sondern direkt aus dem Industrie-Eimer aufgetragen. Der Bildtitel besteht bisweilen sogar nur aus der Kennzahl des entsprechenden Anstrichs-Vorschlags.

Da ist kein Rätsel, kein grundierender Zauber. Dafür bodenständige, für sich selbst sprechende Oberfläche.

Als Kind hat mich gereizt an Polke, dass ich ihn nicht verstanden habe. Das kam erst später.“

Max Schulze
Fotos von Tarnfarben-Uniformen aus einer Edition Max Schulzes, Düsseldorf 2021

Trend-Farben und Gesellschaftstrends

Anders als Polke zwingt Schulze seine Farben nämlich nicht, fremde Geschichten zu erzählen. Diese Form des Narrativen liegt ihm fern. Es fehlt die große, für den Epiker Polke so zentrale Geste. Vielmehr lädt Schulze den Betrachter ein, mit seinen Augen dem zu lauschen, was die Farben von der Streifenkarte in ihrer malerischen Transformierung selbst erzählen.

Über sich. Das Dargestellte. Die Darstellung. Und damit auch über unsere geschmacksnormiert-groteske Wohlfühlkriegundfriedenwelt.

In diesem Sinn lässt Schulze Trendfarben und Gesellschaftstrends aufeinanderprallen. Das ist sein ganz spezielles Sampling. Wie bei jenen Werken, die eigentlich schon eingepackt für die Kunsthalle in der Atelierecke stehen und die Schulze für uns nochmal aus der Noppenfolie befreit.

Max Schulze packt ein Werk der Düsseldorfer Schau nochmal für uns aus

Das Kolorit der Krise

Da ist vor allen die Serie „Der Wunsch zu verschwinden (Camopedia)“ von 2019, die auf der Beobachtung beruht, dass die Tarnmuster militärischer Uniformen seit ein paar Jahren in neuer, schrill geschichtslos gemachter Kolorierung auf Kinderklamotten, Jogginghosen, Handyschalen oder Corona-Masken den Lifestyle prägen. Sich auffallend zu tarnen scheint die Absurdität der Stunde.

„In den 70er Jahren gab es schon mal ein ähnliches Phänomen“, sagt Schulze. „Interessant ist dabei, dass so etwas immer dann auftaucht, wenn es in einer Gesellschaft kriselt.“

Uniform auf Uniformem

Für seine Serie hat Schulze 32 Leinwände in allen „Feinen Farben“ von Alpina grundiert und mit Camouflage-Mustern historischer und aktueller Uniformen übermalt. Meint: Originalstoffe besorgt, Truppen-Dessins abgepaust, die verschiedenen Farben auf Druckvorlagen separiert und die Tarnung mit Baumarkt-Tönen einzeln wieder auf der Leinwand aufgebaut.

„Mit allen Entscheidungen von Selektion, Reduktion und Kombination, die man als Maler hat“. Und mit Hilfe eines Projektors, wie bei Polke.

Zwei Exemplare der Serie„Der Wunsch zu verschwinden (Camopedia)“ von 2019

Die Idyllisierung des Brutalen

Beim kuratierten Farbsystem von Alpina funktioniert alles mit allem: Das „melancholische Mittelgrau“ von „Nebel im November“ (No. 2) passt garantiert zum „edelmütigen Patinagrün“ der „Hüterin der Freiheit“ (No. 10). Beim Clash der Alltags- und Kriegskulturen von „Der Wunsch zu verschwinden (Camopedia)“ ist diese Harmonie allerdings sanft durchbrochen. Die Militarisierung des Privaten, die Idyllisierung des Brutalen schimmert durch.

„Ich habe natürlich versucht, über die Kombination der Farben etwas herauszukitzeln, das unangenehm flirrt oder ins Eklige kippt“, sagt Schulze. Wo die „Elfenbein-Rebellin“ auf die wüsten Tarnanzüge von Besatzern– oder Befreiern?– trifft, muss der Sand im Getriebe der Farbe wie unter Soldatenstiefeln knirschen.

Aber es passiert noch mehr: Durch die satte Grundierung wechseln die Farben bisweilen überraschend sogar selbst die Farbe. Sie tarnen sich gewissermaßen fürs Auge des Betrachters. Aber das merkt nur der Künstler im Malprozess. Oder vielleicht jemand, der sich in Zukunft dem Werk wissenschaftlich nähert. Soviel Geheimnis muss bleiben.

Blätter von „Cool, Mild, Pure, Warm (Streetfile)“ (2017)

„Cool, Mild, Pure, Warm (Streetfile)“ (2017) ist die zweite in der Kunsthalle Düsseldorf gezeigte Serie. Hier hat Schulze die vier „Grundstimmungen“ der inzwischen wegen zu hoher Auswahlkomplexität vom Markt genommenen Farbstreifen aus der „Schöner wohnen“-Familie mit sorgsam recherchierten Fotos von Farbattentaten jeglicher Couleur gepaart.

Den Bodensatz bilden Relief-Teppiche diverser Raufasertapeten mit gefärbten Berg- und belassenen Talpassagen, die selbst wieder wie Tarnmuster für unsere schwarz-weiß gewordene Farbwelt wirken. Oder wie mediales Rauschen.

Mach es zu deinem Projekt!

„Zwischen den emotional aufgeladenen Farbabstufungen und den Attentaten gab es eine schöne Parallele“, sagt Schulze. „Und dann muss man die genutzten Farben ja auch irgendwo herbekommen.“ Er habe sich dann vorgestellt, dass sich die Attentäter für ihre anarchischen Projekte im Baumarkt von den Farbstreifenvorgaben von „Schöner wohnen“ hätten inspirieren lassen.

„Schöner attentaten“: Auch das wieder eine Schnittstelle zu Polke und seinem bewundernswerten, irgendwo zwischen Kalauer und Weisheit angesiedelten Humor.

Bei Polke fasziniert mich die Mischung
aus konzeptuell und locker total.“

Max Schulze

Persönlich kennengelernt hat Max Schulze Sigmar Polke übrigens nie – was ebenfalls kein Wunder ist, denn der scheue Künstler entwickelte ja seinerseits ganz eigene Techniken der öffentlichen Camouflage. Aber er habe ihm geschrieben. Und „immer wieder Sachen geschickt“.

Polke habe ihn auch „auch auf dem Schirm“ gehabt, sagt Schulze. Das habe ihm eine Vertraute irgendwann einmal erzählt. „Auch deshalb war Polke eine Art Phantomgefährte für mich. Und als solcher war er immer da.“

Von Alchemist zu Alchemist

Inzwischen hängen Schulzes Arbeiten in der Ausstellung „Produktive Bildstörung“ zum 80. Geburtstag Sigmar Polkes in der Düsseldorfer Kunsthalle. Drei aus „Der Wunsch zu verschwinden (Camopedia)“ und vier aus „Cool, Mild, Pure, Warm (Streetfile)“.

So treten seine Werke wie die von Kerstin Brätsch, Phoebe Collings-James, Raphael Hefti, Camille Henrot, Trevor Paglen, Seth Price und Avery Singer in Dialog mit Polkes von Kindesbeinen an bekannten Bilderwelten.

Max Schulze, „Der Wunsch zu verschwinden (Camopedia)“, Kunsthalle Düsseldorf, 2021

Ob die Farben den Besuchern ihre Geschichten erzählen, ob das Kopfkino abgeht vor den Bildern, das wird sich zeigen. „Ob das abgerufen wird, weiß ich natürlich nicht“, sagt Schulze. Es ist vielleicht auch nicht so wichtig. Wichtig ist zu sehen, wie klug und anregend Schulze Alltagsbeobachtung in Kunst überführt hat.

Im übertragenen Sinn jedenfalls hat Schulze mit den Bildern aus profaner Alltags-Kohle in ganz eigener Weise artifizielles Kunst-Gold gemacht. Und das ist, ganz im Sinne Sigmar Polkes, dann doch irgendwie auch wieder ein alchemistischer Akt. (15.11.2021)

„Produktive Bildstörung. Sigmar Polke und aktuelle künstlerische Positionen“ ist noch bis zum 6. Februar 2022 in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen.

Anmerkung: Natürlich haben wir Sigmar Polke im Text ein bisschen Unrecht getan. Natürlich war er nicht nur ein Alchemist der Farbe. Ihre Nutzung im Alltag– sprich: bei Zeitungen, Plakaten, Comics etc.– interessierte ihn natürlich grundlegend auch! Und auch er konnte von der Straße her denken. Klar. Wollten wir aber trotzdem nochmal sagen. Manches andere zu Polke sagen wir in der KunstArztPraxis ohnehin später noch. Versprochen.

32 Eimer „Alpina Feine Farbe“, Atelier Max Schulze, Düsseldorf 2021

Homepage von Max Schulze
Homepage der Kunsthalle Düsseldorf
Alpina Feine Farben

Max Schulze: „Als Phantom war Polke immer da“

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