Dietmar Elger war Richters Assistent und ist für das Werkverzeichnis verantwortlich. Seit seiner Gründung 2006 leitet er das Gerhard Richter Archiv der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Seine Richter-Biografie gilt als Standardwerk. Gute Gründe, ihn zu Richter zu befragen.

KunstArztPraxis: Herr Elger, für seine Gemälde verwendet Gerhard Richter gerne Fotos aus dem Familienalbum. Über sein Leben ist trotzdem so gut wie nichts bekannt. Was ist Gerhard Richter für ein Mensch?

Elger: Auf gar keinen Fall ist er ein Malerfürst. Diese Attitüde, die ihm manchmal angedichtet wird, hat er nicht. Als Maler versteht er sich vielmehr als Handwerker.

Der Öffentlichkeit gegenüber ist Richter eher scheu und versucht, Privates und Öffentliches klar voneinander zu trennen. Und wo das nicht zu trennen ist, Strategien zu entwickeln, die das Private verschleiern und verwischen: verschleiern und verwischen wie die Familienfotos auf den Gemälden.

KunstArztPraxis: Richters Kölner Atelier ist zur Straße hin fensterlos. Wenn man hineinschauen könnte: Was könnte man drinnen sehen?

Dietmar Elger: Auf jeden Fall keine Riesenwerkstatt ist mit vielen Mitarbeitern. An seinen Bildern arbeitet Richter für gewöhnlich alleine – außer an den Farbtafelbildern der siebziger Jahre, auf denen es ja bis zu 1096 verschiedene Farbfelder mechanisch auszumalen gab. Da haben ihm dann Studenten seiner Malklasse an der Düsseldorfer Kunstakademie geholfen.

Ansonsten hat er nur zwei Mitarbeiter, die ihm im Atelier beim Aufziehen und Grundieren der Leinwände helfen oder Raummodelle bauen, anhand derer Richter die Hängung seiner Bilder in Ausstellungen festlegt. Auch an dem Modell für das Kirchenfenster im Kölner Dom waren sie beteiligt.

Richters Ausstellung „Frühe Bilder“, Kunstmuseum Bonn, 2017

© für alle Gemälde: Gerhard Richter

KunstArztPraxis: 1961 kam Richter aus der DDR, wo er zum Wandmaler ausgebildet wurde, nach Düsseldorf. Was hatte er künstlerisch im Gepäck, was fand er in NRW vor?

Dietmar Elger: Aus der DDR hat er eine gute handwerkliche Ausbildung mitgebracht, speziell auch das Interesse des Wandmalers zur Ausgestaltung ganzer Räume. Das kann man bis hin zum Werk „8 Grau“ verfolgen.

In Düsseldorf fand Richter dann eine offizielle Kunstszene vor, die sich vom Malen etwas abgewendet hatte und eher konzeptionell war: Joseph Beuys und die Fluxusbewegung, vor allem aber die ZERO-Künstler um Hans Mack und Otto Piene.

Richter und seine Künstlerfreunde Sigmar Polke und Konrad Lueg lehnten sich dagegen mehr an der Pop-Art an und ihre Fixierung auf die Medienwelt an. Vor allem in den siebziger Jahren hatte Richter eine ziemliche Ausnahmestellung als Maler. Diese Einzelgängerrolle hat er auch ein wenig zelebriert.

Polke und Richter in der Badewanne, Museum Morsbroich, Leverkusen 2016

KunstArztPraxis: Farbige Farbtafeln, riesige Spiegelflächen, abstrakte Gemälde und verwischte Fotobilder: Richters Werk wirkt überaus heterogen. Gibt es vielleicht doch so etwas wie einen „roten Faden“?

Dietmar Elger: Der rote Faden liegt wohl vor allem im Konzept, das dieser Malerei zugrunde liegt. Richter hat immer versucht, die verschiedenen Möglichkeiten und Wege dieser Kunstform auszuloten. Er hat gezeigt, wie unterschiedlich man an Malerei herangehen kann Später haben viele Künstler, die sich mit der Bilderwelt unserer Wirklichkeit auseinandersetzen, diese Lösungen wieder aufgegriffen.

Der Fotograf Thomas Ruff etwa ist ohne die Bilderwelt von Richter nicht denkbar. Ruff dekliniert ja auch alles durch, was es an Möglichkeiten gibt Fotos herzustellen und Vorlagen zu finden. Das hat Richter ihm malerisch vorgemacht.

Richters Ausstellung „Frühe Bilder“, Kunstmuseum Bonn, 2017

KunstArztPraxis: In seinem Bilderzyklus „18. Oktober 1977“ setzt sich Richter mit dem Tod der RAF-Häftlinge im Gefängnis Stammheim auseinander. Er selbst hat das Politische der Bilder immer wieder heruntergespielt. Ist Richter ein unpolitischer Maler?

Dietmar Elger: Vor allem ist er kein unpolitischer Mensch. Aber er ist sicher kein Maler, der sein politische Interesse in den Vordergrund spielt und schon von daher seine Bilder möglichst so malt, dass sie neutral wirken und nicht auf eine politische Aussage im Sinne einer Agitationsmalerei reduziert werden können.

Bezeichnenderweise hat Richer ausgerechnet im Jahr 1968 begonnen, romantische Landschaften zu malen. Diese Vorsicht vor Vereinnahmung ist sicher auch seinen Erfahrungen mit dem politischen System in der DDR geschuldet, aber auch seiner Kindheit im Nationalsozialismus.

Die Zeit des RAF-Terrorismus hat er als etwas bezeichnet, das für ihn unerledigt war. So hat er sicher auch versucht, das Thema durch das Malen für sich zu verarbeiten. Der „18. Oktober 1977“ ist ein Zyklus, den Richter in erster Linie für sich selbst gemalt hat.

Richters Ausstellung „Frühe Bilder“, Kunstmuseum Bonn, 2017

KunstArztPraxis: Früher verkaufte Richter seine Bilder für 150 Mark, heute erzielen dieselben Bilder auf Auktionen Millionensummen. Wo sehen Sie die Bedeutung von „Deutschlands Maler Nummer Eins“?

Dietmar Elger: Richters Bedeutung liegt meines Erachtens darin, dass es ihm nie genügt hat, einmal gefundene Ideen und Bildlösungen bis zur Unendlichkeit zu variieren. Im Gegenteil: Richter hat immer wieder neue Ansätze gefunden hat über Jahrzehnte immer wieder Bildgruppen geschaffen, die außergewöhnlich sind und eine herausragende Bedeutung haben.

Auch noch nach 45 Jahren, als mancher vielleicht gedacht hat: Da kann doch nichts Neues mehr kommen. Wenn sie das vergleichen mit anderen Künstlern, dann werden sie feststellen, dass das fast schon eine Art Alleinstellungsmerkmal ist.

Richters Ausstellung „Neue Bilder“ im Museum Ludwig, Köln 2017

KunstArztPraxis: 2020 gab Richter an, mit dem Malen aufhören zu wollen. Seitdem entstehen vor allem Zeichnungen. Zeit für ein Resümee: Womit hat Sie Richter in den letzten Jahrzehnten am meisten überrascht?

Dietmar Elger: Mit seinen abstrakten Bildern! Obwohl er an dieser Werkgruppe ja schon seit mehreren Jahrzehnten arbeitet und sie mehr als 50 Prozent seines Schaffens ausmacht, sehen die Bilde immer wieder ganz anders aus. Das ist ja das Erstaunliche daran, dass man bei Richter selbst die abstrakten Bilder auf wenige Jahre datieren kann. (09.2.2007 / 07.02.2022)

Anmerkung: Eigentlich haben wir das Interview schon 2007 im Auftrag des WDR zu Richters 75. Geburtstag geführt. Aber uns erschien es immer noch ziemlich frisch, deshalb haben wir nur ein paar Zahlen und Fragen aktualisiert. Haben Sie’s gemerkt?

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Gerhard Richter Archiv

Dietmar Elger: „Gerhard Richter ist kein Malerfürst“

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