Richter-Woche in der KunstArztPraxis: Zum 90. Geburtstag gratulieren wir jeden Tag anders. Heute geht es um „Leben mit Pop“ in der Kunsthalle Düsseldorf über die Aktionen des Kapitalistischen Realismus rund um Richter, Polke & Co. Kunsthallen-Direktor Gregor Jansen erinnert sich.

© für alle Gemälde: Gerhard Richter

Anamnese: Gregor Jansen über Aktion und Ausstellung „Leben mit Pop“

„Am 11. Oktober 1963 initiierten Gerhard Richter und Konrad Lueg im Möbelhaus Berges in der Flingerstraße in Düsseldorf, also abseits vom Kunstmarkt, im Ausstattungsparadies der Wirtschaftswunderzeit, ihre Performance „Leben mit Pop“. Es war die zweite „Demonstration des kapitalistischen Realismus“ nach einer ähnlichen Aktion im Ladenlokal einer leerstehenden Metzgerei in der Düsseldorfer Kaiserstraße wenige Wochen zuvor, an der auch Sigmar Polke und Manfred Kuttner beteiligt waren.

Der Begriff des „Kapitalistische Realismus“ war dabei nicht nur ein Werbe-Gag, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Fluxus-Bewegung und der Pop-Art Warholscher Prägung. Und er war eine Abgrenzung zur Kunstdoktrin des sozialistischen Realismus der DDR, aus der Gerhard Richter, Sigmar Polke und Manfred Kuttner ja kamen. Richter hat sich später schnell von dem Begriff als einem Schlagwort ohne inhaltliche Dimension distanziert, aber ein paar Jahre funktionierte er als Label ganz gut.

Ohrfeige gegen die Wirtschaftswunderzeit

Das Möbelhaus Berges war damals in keinem guten Zustand, und Richter und Lueg hatten den Besitzer überzeugen können, dass ihre Aktion eine neue Kundschaft versprach. Das Möbelhaus hatte sich auch gewünscht, dass die Künstler während ihrer Performance Werbung für die Produkte machen würden, aber das war ein Schlag ins Wasser. Es gibt Briefe, in denen sich Herr Berges nach der Aktion bitterlich beschwert hat, dass diese nur ein großer Klamauk ohne Reklamewirkung für sein Haus gewesen sei.

Tatsächlich hat wohl keiner auf seine Möbel geachtet, und die 130 am Wochenende gezählten Besucher haben das Ganze als das betrachtet, was es war: eine Kunstperformance außerhalb der regulären Öffnungszeiten des Geschäfts. Es war eine Art Provokation im Würgegriff des Kapitalismus, der Versuch einer Ohrfeige gegen die Wirtschaftswunderzeit. Aber auch diese Provokation lief vorwiegend ins Leere. Die ganze Aktion an sich hatte ja selbst etwas sehr Bürgerliches.

Am Ende gab es Bier

Wie sah die Demonstration des kapitalistischen Realismus“ im Möbelhaus Berges aus? Zunächst gab es ein Wartezimmer, in dem Pappfiguren von John F. Kennedy und vom Galeristen Alfred Schmela standen. Zudem lagen Tageszeitungen aus und die Besucher bekamen Wartezettel. Über das Zimmer konnte man dann in den Ausstellungsraum gelangen, wo Lueg und Richter auf Podesten in Berges-Sesseln saßen. In einem Fernseher lief die „Tagesschau“ und danach noch ein Bericht zur ausgehenden Ära Konrad Adenauer.

Die Werke der Künstler – insgesamt nur acht, je vier Bilder pro Künstler – waren wie Dekorationsmaterial in die Originalschauräume des Geschäfts integriert. Dann wurden die Besucher von Etage zu Etage durch das Möbelhaus geführt, bis die Aktion dann irgendwo in der Küche oder im Aufenthaltsraum endete. Dort gab es Bier. Das Ganze dauerte knapp eine Stunde.

Bürgerlich, aber politisch

Wichtig für die Aktion war, dass die Künstler sich vor allem selbst ausstellten. Es ging gar nicht so sehr um die Malerei: Auf den einzigen historischen Fotos der Aktion von Rainer Ruthenbeck sind die Gemälde von Lueg und Richter folgerichtig gar nicht zu sehen.

Durch den Bericht über Adenauers Wirken bekam die Aktion aber doch noch etwas Politisches. Deshalb war ihr Zeitpunkt im Oktober 1963 auch bewusst gewählt. Denn da ging, wie die Künstler hofften, der Muff der Nachkriegszeit zu Ende. Gegen diesen Muff, der zum einen eine wichtige Grundbedingung bildete für die Entstehung dieser deutschen Variante der Pop-Art, wollten sie zum anderen klar opponieren. Ihm hofften sie zu entkommen.

Die kuratorische Tugend

Unsere materialreiche Ausstellung „Leben mit Pop. Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus“ wollte diese historische Aktion ebenso wie ihren Vorgänger rekonstruieren und den Besucher durch zahlreiche Dokumente teilhaben lassen an der Atmosphäre der Zeit. Riesengroß aufgezogene historische Fotografien sollten ihn förmlich hineinziehen in die frühen 1960er Jahre.

Die vielen Gemälde, die zur Ikonografie des kapitalistischen Realismus zählen, waren in der Ausstellung als Reproduktionen in Originalgröße vertreten: einerseits, weil die von Konrad Lueg und Gerhard Richter entworfene Bildwelt selbst auf reproduzierten Motiven der Massenmedien und der Werbung beruhte; andererseits aber auch, weil Gerhard Richter schon 2017 der teuerste lebende Maler war.

Die meisten bei Sammlern und Museen angefragten Werke waren deshalb aus restauratorischen, konservatorischen oder versicherungstechnischen Gründen gar nicht mehr entleihbar. Der kapitalistische Realismus hatte sich bei Richter sozusagen selbst verwirklicht. Aus dieser Not haben wir dann ein stringentes kuratorisches Konzept entwickelt.

„Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich bin

Im Vorfeld haben wir natürlich bei Richter angefragt, ob er mit diesem Konzept einverstanden sei. Und das Tolle war, dass Richter gesagt hat: Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich ihnen bin, denn endlich gucken sich die Leute mal wieder die Werke und Motive an und schauen nicht auf diese millionenschweren Objekte.

Wir haben in „Leben mit Pop. Eine Reproduktion des kapitalistischen Realismus“ also ganz bewusst die Folie des Marktwerts mit seinem imaginären Fetischcharakter vom Bild herunter gezogen, damit wieder ein unverkrampfter, freier Blick auf das Motiv möglich wurde. Und das hat ja auch ganz ausgezeichnet geklappt.“ (08.02.2022)

Gerhard Richter in der KunstArztPraxis:
Dietmar Elger: „Gerhard Richter ist kein Malerfürst“

Mehr Informationen zur Ausstellung
Homepage der Kunsthalle Düsseldorf

Gerhard Richter Retro: „Leben mit Pop“ (2013)

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