Brennende Geisterhäuser, gespenstische Flure, rätselhafte Vorhänge und Installationen mit Hasenmenschen: In seinem Kölner Atelier zaubert Simon Schubert phantastische Räume – zumeist aus nichts als schwarzem Grafitstaub oder Knicken im weißen Papier. Ein Hausbesuch.

Das Wer-kann-täuschend-echter-malen-Battle von Parrhasius vs. Zeuxis gehört zu den großen Kunstlegenden der griechischen Antike. Zeuxis gelang es dabei bekanntlich, Vögel zum Picken an seinem Traubenbild zu animieren. Aber dann versuchte er, Parrhasius‘ gemalten Vorhang beiseite zu schieben. Zeuxis war blamiert, die Kunstgeschichte erklärte Parrhasius zum Sieger.

Wir von der KunstArztPraxis halten das für ein krasses Fehlurteil. Warum soll es leichter sein, ein Tier zu täuschen, das seine sechs Sinne im Gegensatz zum Menschen noch beisammen hat? Wenn „Trauben“ nicht mal nach Trauben riechen, sondern nach Holz und Kobaltblau?

Der Instinkt ist relativ untrüglich. Den Verstand kann man sogar verlieren. Sonst wäre der ganze Wahnsinn des Phantastischen ja gar nicht denkbar.

Simon Schubert in seinem Atelier, Köln 2021

„Das Phantastische, Geheimnisvolle, Mysteriöse fasziniert mich seit Kindheitstagen.“

Simon Schubert

Teil der anderen Welt

Für uns gehört es ohnehin zu den größten Privilegien des Menschseins, sich von der Kunst täuschen – und gleichzeitig eben auch wieder nicht täuschen – zu lassen. Ohne dieses wundervolle Wechselspiel würden zum Beispiel die rätselhaften Werke von Simon Schubert gar nicht funktionieren. Auch der „Vorhang“ in Schuberts Kölner Atelier nicht, den man intuitiv gern beiseite schieben würde, wenn man es nicht besser wüsste.

Bei Schubert trennt der Vorhang die Welt nämlich nicht nur in ein Davor und ein Dahinter: Er schwebt selbst schon sinnestäuschend im Zwischenreich. Und ist mit seiner uns zugewandten Oberfläche damit nicht nur von dieser, sondern auch schon von einer anderen, irrationalen Welt.

Bei allem Illusionismus ist er bereits Teil jenes Geheimnisses, das er uns doch augenscheinlich verhüllen soll.

Simon Schubert, „O.T. (Licht im Treppenhaus)“ (2016)

„Für mich ist das Interessante, vor einem Ort zu stehen und nicht dahin zu kommen.“

Simon Schubert

Wie aus einer Poe-Verfilmung

Wer Schuberts Arbeiten kennt, der weiß, was hinter dem Vorhang stecken könnte: rätselhafte Architekturen nämlich, die mit der Wahrnehmung des Zwei- und Dreidimensionalen, des Konkreten und Abstrakten spielen.

Räume aus längst verschwundenen Schlössern oder labyrinthisch verzweigten Geisterhäusern, die sich als Kulissen aus den opulenten Poe-Verfilmungen Roger Cormans oder aus Hitchcock-Thrillern ins Gedächtnis eingegraben haben.

Es sind Orte, die zumindest in Schuberts Realität irgendwie hineingefunden haben. Zumindest wohnt er mit seiner Frau, der Künstlerin Cosima Hawemann, in einem 1890 errichteten Gebäude, das ansatzweise Züge dieser Geisterhäuser trägt. „Das ist ja wie auf meinen Bildern!“, soll er bei der Erstbesichtigung ausgerufen haben.

Seitdem tauchen Elemente aus dieser echten in seiner täuschend falschen Welt immer wieder auf.

Schwarz und Weiß: Zeichnen ohne Stifte

In den düstren Zeichnungen zum Beispiel. Auf ihnen zaubert Schubert seit 2013 mit nichts als Tüchern, gedrehtem Papier, Wattestäbchen oder Filz verstörend illusionistisch-desillusionistische, photorealistisch-unpräzise Welten. Nur dadurch, dass er Grafitstaub verschieden intensiv auf das Papier auf- oder einreibt.

Ein noch originelleres Spezialverfahren hat Schubert mit seinen Faltungen aus Papier für seine Interieurs entwickelt – und seit dem Studium bei der Bildhauerin Irmin Kamp an der Kunstakademie Düsseldorf über Jahre experimentell perfektioniert. Dreidimensionale Zeichnungen sind das, deren „Strich“ die gefaltete Linie ist.

Dabei ergibt sich die graphische Qualität allein durch die Art der äußeren Beleuchtung: Das Licht der „Wirklichkeit“ moduliert den künstlichen Raum je nach Einfall wie bei einem Hologramm immer wieder neu.

Simon Schubert. Schattenreich, Museum Morsbroich, Leverkusen 2020

Der Speicher in der Galerie

Manchmal kann man Schuberts Geisterhäuser in Installationen sogar begehen. 2020 hatte der Künstler unter dem Titel „Speicher“ einen Dachboden in die Kölner Galerie Martin Kudlek eingebaut. Und ein „Schattenreich“ in der Grafiketage des Leverkusener Museum Morsbroich inszeniert, das mit Hybriden wie einem am Tisch sitzenden Hasenmenschen bevölkert war.

Da gab es auch Kinderwesen, die in Türrahmen standen. Und sich beim Umrunden als hermetisch verschlossene „Haarfiguren“ ohne Vorderseite entpuppten. „Man versucht das Gesicht zu finden und kommt doch nicht richtig dran“, wie Schubert sagt. Alles wie gehabt.

Die Idee ist, dass es
immer weiter wächst und
immer weiter wuchert.

Simon Schubert

Wolkenkratzer aus Geisterräumen

Die weißen Wände des Morsbroicher „Schattenreichs“ hatte Schubert mit riesigen Faltzeichnungen dekoriert: für ihn Sichten auf ein imaginäres Gebäude, das mit jeder Zeichnung oder Faltung, vor allem aber auch mit jeder Ausstellungsinstallation unaufhörlich wächst. Diese Vorstellung ist seit fünf Jahren ein wichtiger Leitgedanke.

Das klingt wie eine Art phantastischem Wolkenkratzer aus Geisterräumen, der hinter dem Vorhang unseres Verstandes aus alle jenem besteht, was Schubert schon geschaffen hat und noch schaffen wird. Spooky irgendwie.

Fiktiver Grundriss zur Ausstellung „Schattenreich“, Museum Morsbroich, Leverkusen 2020

Kann man Hasenmenschen täuschen?

Wahrnehmung, sagt Schubert, fasziniere ihn auch als biologisches, neuronales und philosophisches Phänomen: Was passiert bei der Übermittlung von Reizen? Wie verschalten die Synapsen Gesehenes mit Erinnerungen oder Ängsten? Was für ein Bild entsteht im Kopf? Und ist das, was entsteht, authentisch oder doch nur täuschend echt?

Es gehe „letztlich um die Frage, wie wir mit der Welt verbunden sind“. Das korrespondiert unmittelbar mit der Frage, warum wir uns von Kunst immer wieder täuschen lassen. Und gleichzeitig dann eben doch auch immer wieder nicht.

„Ist das eine Vertäfelung?
Ist das ein Spiegel?
Ist das ein Fenster?
Ist das ein Bild?“

Simon Schubert

Im „Schattenreich“ auf Schloss Morsbroich standen übrigens falsche Trauben auf dem Tisch des Hasenmenschen. Das Tier im Manne hat die Täuschung sicher schnell durchschaut.

Und Zeuxis war und ist und bleibt der Sieger.

Simon Schubert, „Brennendes Haus“ (2004)

Randbemerkung: Simon Schubert hat seinen Vorhang aus nichts als Phthaloblau gefertigt. Damit hätte Zeuxis auch seine Trauben malen können. Parrhasius hätte für seinen illusionistischen Vorhang sicher zu anderen Pigmenten gegriffen. In Schuberts traubenblauem Vorhang aber steckt irgendwie die ganze Geschichte.

Simon Schubert: Hinter dem Vorhang

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2 Gedanken zu „Simon Schubert: Hinter dem Vorhang

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