Was können wir wissen? Wie sollen wir wissen? Und wie lässt sich Wissen neu formulieren? Diese Fragen stellt Mariana Castillo Deball in ihrer großen Ausstellung im MGK Siegen. Es geht um Kolonialismus, Erdgeschichte – und um einen künstlerischen Neustart des Museums.

Was europäische Museen in Zukunft zeigen sollen, wird seit einigen Jahren heiß diskutiert. Wenn man das Feld der Gegenwartskunst betrachtet, dann geht der Trend deutlich dahin, sich den Modernen anderer Kulturkreise aus Afrika, Ozeanien oder Südamerika zu öffnen: mehr Sichtbarkeit.

Bei den ethnologischen Museen ist es genau umgekehrt. Restitution heißt hier das Zauberwort. Meint: Rückführung von einst geraubten Exponaten aus den Museen der vermeintlich alten in Häuser der vermeintlich neuen Welt. Weniger Sichtbarkeit.

Die gegenläufigen Tendenzen sind ein Reflex auf den Eurozentrismus und den Kolonialismus von Sammlungsstrategien bis zum 21. Jahrhundert. Also auf die Zentrifugal- und Zentripetalkräfte ein und derselben ignoranten Ideologie.

Mariana Castillo Deball, „Zoomorph P“ (2013)

„Der Amerikaner,
der den Kolumbus zuerst entdeckte,
machte eine böse Entdeckung.“

Georg Christoph Lichtenberg

Brücke ins neue Jahrtausend

Das Museum für Gegenwartskunst (MGK) zeigt mit „Amarantus“ nun eine Ausstellung, die in den Augen der KunstArztPraxis hier irgendwie eine Brücke ins neue Jahrtausend schlägt. Die gegenläufigen Tendenzen in eine Synthese überführt. Weil sie den Eurozentrismus und den Kolonialismus ebenso widerspiegelt wie die alten und neuen Möglichkeiten musealer Repräsentation. Mit ethnographischen Bezügen. Aber nicht vorrangig aus kuratorischer Perspektive, sondern vor allem aus gegenwartskünstlerischer Sicht.

„Amarantus“ ist die erste Retrospektive der mexikanischen Künstlerin Mariana Castillo Deball, deren Werke schon auf der documenta und der Biennale in Venedig zu sehen waren und die seit 2015 Professorin für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster ist. Das MGK zeigt in 14 Räumen Bilder, Skulpturen und teils raumgreifende Installationen aus 15 Jahren.

Mariana Castillo Deball, „Nuremberg Map of Tenochtitlan“ (2013)

Gezeichnet von Atzteken?

Im Zentrum steht dabei die „Nuremberg Map of Tenochtitlan“ (2013), die auf einem zeitgenössischen Holzschnitt der sagenumwobenen Hauptstadt des Aztekenreichs basiert. 1521 wurde die 100.000-Menschen-Metropole von den Konquistadoren weitgehend zerstört: Als sich ihr Bild massenhaft in Europa verbreitete, war die Abgebildete schon grausam ausgelöscht.

Die Vorlage des Holzschnitts schickte Hernán Cortes 1521 an Karl V., um die Kosten seiner Expedition zu rechtfertigen und den Machtanspruch der spanischen Krone auf das exotische Terrain zu zementieren. Indizien in der bildnerischen Umsetzung sprechen dafür, dass die „erste europäische Karte von Tenochtitlan“ von einem Einheimischen gezeichnet worden ist: eine Perfidität der Geschichte, die viel offenbart.

In „Amarantus“ kolonialisiert die „Nuremberg Map of Tenochtitlan“ als überdimensionierter Druckstock buchstäblich den ganzen Museumsboden – und kann von den Besuchern im doppelten Wortsinn betreten werden. Besetzt von Kopien jener spitzbärtigen Masken und knalligen Verkleidungen, mit denen sich die Azteken (bei Persiflage-Festen auf die für sie verbotenen Karnevalsfeiern der Spanier) über ihre Eroberer lustig machten.

Mariana Castillo Deball, „Nuremberg Map of Tenochtitlan“ (2013), Detail

Wissenschaftlich-künstlerische Technik

Für ihre Arbeiten recherchiert Castillo Debal intensiv in Museen und Archiven. Sie kooperiert mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und versucht, ihre Methoden in die eigene Arbeit zu integrieren. Dabei geht es nicht nur um den Zusammenhang von Regional- und Weltgeschichte, sondern auch um Prähistorisches.

Die am Bambusgestell hängenden Banner von „Pleasures of Association, and Poissons, such as Love“ (2017) etwas präsentieren die Evolution der Wirbeltiere vom Fisch zum Vogel: anhand von Tuscheabreibungen, die die Künstlerin von Fossilien im Museum für Naturgeschichte in Berlin machen durfte. So vereint eine ebenso wissenschaftliche wie künstlerische Frottage-Technik analytische Forschung mit synthetisierender Kunst.

Mariana Castillo Deball, „Pleasures of Association, and Poissons, such as Love“ (2017)

Maskenknicke im Papier

Was aber können wir überhaupt wissen von der Ur-Natur oder von Fremd-Kulturen? Auch diese Fragen stellt Castillo Debal – etwa dadurch, dass sie rituelle Masken aus Afrika auf Knicke in weißem Papier reduziert oder technische, künstlerische und rituelle Artefakte aus Mexiko in Zusammenarbeit mit traditionell arbeitenden Töpferinnen der Regionen zu einem Totem schichtet, das wir eher mit indianischer Kultur verbinden. Zu Recht? Müsste man recherchieren.

Und was dürfen wir von einer fremden Kultur im eigenen Museum behalten? Wieder so ein Punkt, auf den „Amarantus“ anspielt. Viele der wenigen Kodizes, die die Konquisatoren von Maya, Atzteken oder Mixteken unversehrt ließen, lagern heute in westlichen Privatsammlungen oder italienischen Bibliotheken. Ein Großteil übrigens im Vatikan: Resultat des Umstands, dass die Gier von Eurozentrismus und Kolonialismus immer missionarisch gerechtfertigt worden sind.

Mariana Castillo Deball, „Falschgesichter“ (2008)

Gewächshaus für die Blumen

Doppelbödig ausgewählt und assoziativ verbunden ist vieles bei Castillo Deball. Auch der Ausstellungstitel. „Amarantus“ ist eine schon von der Coxcatlán-Kultur in Tehuacán kultivierte Pflanzengattung. Ihre Samen sind in Mexiko noch heute ein wichtiges Nahrungsmittel – und waren wegen ihrer religiös-rituellen Funktion in der Kolonialzeit teils verboten.

„Amarantus“ verweist laut Ausstellungstext im Griechischen semantisch zusätzlich auf die Vorstellung einer ewigen Blüte. „In ähnlicher Weise begreift Mariana Castillo Deball auch die Objekte, denen sie folgt“, heißt es dort. „Selbst außerhalb ihres Kontextes gleichen sie nie verwelkenden Blumen.“

Wenn wir das Bild weiterdenken, dann sollten die Museen für diese Blumen das Gewächshaus sein. Vielleicht ja auch in jener künstlerisch-wissenschaftlich erneuerten Form, die Castillo Deball in Siegen vorschlägt. Fernab von eurozentristischen und kolonialistischen Wurzeln, aber mit Reflexionen auf diese unterirdische Vergangenheit. Ruhig ethnographisch gewachsen. Aber dann künstlerisch ausgereift. Und damit für neue Deutungsmuster offen.

Und die gestohlenen Originale können dann gerne in die Ursprungsländer zurück.

Informationen zu „Amarantus“ vom MGK Siegen

Mit Ausnahme von Corona-Lockdowns ist „Mariana Castillo Deball. Amarantus“ noch bis zum 30. Mai 2021 im Museum für Gegenwartskunst (MGK) in Siegen zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein Begleitheft erschienen, das man unbedingt studieren sollte. Sonst entgeht einem viel.

Mariana Castillo Deball: Im Museum der Zukunft

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Ein Gedanke zu „Mariana Castillo Deball: Im Museum der Zukunft

  1. Vielen Dank für den schönen Bericht zu unserer Ausstellung. MCD gewährt einen neuen, kritischen Blick auf scheinbar Bekanntes und offenbart mit konventionellen Techniken neue Denkansätze. Ich mag die Ausstellung sehr!

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