Ende 2020 starb mit Franz Joseph van der Grinten der letzte der beiden ersten Sammler und Weggefährten von Joseph Beuys. Gern erinnern wir uns an ein wundervolles Gespräch, dass wir bei ihm daheim am Niederrhein über Beuys führen durften. Hier exklusiv Teil 1: Joseph Beuys als Mensch.

KunstArztPraxis: Herr van der Grinten, was für ein Mensch war Joseph Beuys?

van der Grinten: Ein außerordentlich liebenswerter, freundlicher Mensch! Und sehr geduldig. Für jede Frage zugänglich, bis in die schwere Krankheit hinein. Nichts und Niemand war ihm zu gering, auch kein Gesprächspartner.

„Beuys konnte mit Kühen vernünftig umgehen.“

Franz Joseph van der Grinten

Beuys hat ja lange Zeit bei uns auf dem Hof in Kranenburg am Niederrhein verbracht, als es ihm besonders schlecht ging. Da hat er auch mit den Tagelöhnern gesprochen, und die einfachen Leute waren alle von ihm begeistert.

Die sahen ihn als einen Menschen, der beispielsweise mit Kühen aus ihrer Sicht vernünftig umgehen konnte. Als Qualität – was es ja auch ist! Später, als er sich an Wettbewerben beteiligen wollte, hat er Manches mit den Handwerkern aus der Umgebung zusammen gemacht.

Gesellig war er übrigens auch. Er hatte viel Besuch.

KunstArztPraxis: Hat Beuys auch versucht, die „einfache Leute“ für Kunst zu begeistern?

van der Grinten: Nein, so war er nicht. Die Leute kamen 1953 auch nicht zu unserer ersten Beuys-Ausstellung auf unserem Hof. Natürlich auch wegen der Berührungsangst mit Kunst überhaupt. Wie das so ist. Da hatten wir schon zwei Jahre seine Sachen gesammelt.

Hochzeit von Franz Joseph van der Grinten und Ingeborg Weber 1965, mit Joseph Beuys im Hintergrund
Hochzeit von Franz Joseph van der Grinten und Ingeborg Weber, 1965. Wer findet Beuys?

KunstArztPraxis: War Joseph Beuys denn so schwer zu verstehen?

van der Grinten: Damals kam es auch uns so vor. Aber im Rückblick erscheint es mir nicht mehr so.

Beuys benutzte ja existentielle Symbole, die Viele damals angingen. Filz bedeutet Wärme, Fett bedeutet Nahrung, die Taschenlampe bedeutet Licht, ein Schlitten ist das Urvehikel überhaupt.

Der Mensch, der ganz auf sich allein gestellt ist, ist auf diese Grundbestandteile angewiesen. Und Beuys war ganz auf sich allein gestellt. Im Krieg, in der Steppe, so manches Mal. Wie Andere damals auch.

„Beuys hat sich für alles interessiert.“

Franz Joseph van der Grinten

KunstArztPraxis: Wofür hat sich Beuys denn noch interessiert außer für die Kunst?

van der Grinten: Beuys hat sich für alles interessiert! Von seinen Interessen und seiner Bildung her war er im Grunde universell. Nicht von ungefähr waren Leonardo und Goethe und – in dessen Nachfolge – Rudolf Steiner seine Vorbilder.

Beuys hat sich sein Leben lang naturwissenschaftlich auf den aktuellen Stand gebracht. Und das Landleben und die Tiere spielen ja auch eine große Rolle in seiner Kunst.

Eigentlich ist Beuys in der südrussischen Steppe jenen Herden wiederbegegnet, mit denen er als Kind am Niederrhein aufgewachsen ist. Als Kind hat sich Beuys in seinen Phantastereien oft als Hirte gefühlt, als jemand, der für eine Herde verantwortlich ist. Und das zieht sich durch sein ganzes Werk.

Im Grunde auch durch seine ganze politische Aktivität.

KunstArztPraxis: Und was für ein Verhältnis hatte Beuys zu Kleve?

van der Grinten: Ein sehr enges Verhältnis. Beuys hat Kleve sehr geliebt. Es kommt nicht von ungefähr, dass drei seiner Leitfiguren –  Anacharsis Cloots, Claudius Civilis,  Lohengrin, der Schwanenritter – gewissermaßen Klever sind.

In seiner Kunst hat sich Beuys viel mit dem Schwan beschäftigt. Und die ganze Baumpflanzerei wäre ohne Johann Moritz von Nassau-Siegen und seine Klever Gärten nicht zu denken.

Umgekehrt wird Beuys in Kleve kaum gesehen. Die Klever haben für ihn kein Verständnis. Solange er lebte nicht. Nachträglich wird jetzt einiges gemacht, aber die Klever Bürger gilt er auch heute noch als völlig abseitig. Daran hat sich nichts geändert.

Er hat Kleve ja einmal einen Brunnen angeboten, den hätte er umsonst gemacht für einen der Plätze. Da war er schon berühmt. Aber die Klever wollten ihn einfach nicht haben. (28.01.2021)

Franz Joseph van der Grinten in seinem Haus am Niederrhein, 2006
Franz Joseph van der Grinten in seinem Haus am Niederrhein, 2006

Anmerkung: Das rund vierstündige Gespräch mit Franz Joseph van der Grinten fand Anfang Januar 2006 aus Anlass von Beuys‘ 20. Todestag im Haus des Sammlers am Niederrhein statt. Das Interview wird in der KunstArztPraxis in loser Folge in sechs Teilen veröffentlicht. Es wurde vom Sohn, dem Galeristen Franz van der Grinten, 2021 zusätzlich noch einmal autorisiert.

Die in der Kölner Van der Grinten Galerie gezeigte Ausstellung „Im. Dialog mit Joseph Beuys“ ist noch bis zum 20. März 2021 zu sehen, vorerst aber coronabedingt nur mit Terminabsprache.

Meinung: Joseph Beuys: Krise & Heilung (KunstArztPraxis)
Beuys2021: Informationen zum NRW-Jubiläumsjahr

Joseph Beuys reloaded (1)

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4 Gedanken zu „Joseph Beuys reloaded (1)

  1. Wer findet Beuys auf dem Hochzeitsfoto von F.J.van der Grinten und I.Weber1965? Ich rate:
    Hinter Mutter und zwischen Brüdern van der Grinten – große Augen, hohe Stirn, ohne Hut.
    Stimmt das?
    Die Fähigkeit, die Welt zu verändern als das eigentliche Kapital – Das ist doch mal ein inspirierendes, schönes Interview! Vielen Dank.

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