Mariechen Danz ist eine Art Alchemistin unserer Wissenssysteme. In Recklinghausen nimmt sie Modelle von Welt und Ich auseinander und setzt sie neu zusammen. Es ist eine Reise durch den Kosmos von Kultur und Körper auf drei Etagen. Immer aus der Sicht der Kunst.

Corona hat es wieder einmal aufgezeigt: Wissen ist nicht zuletzt Vertrauenssache. Jenseits der eigenen Erfahrung glaubt man ja nur zu wissen. Weil eben alle Kenntnis über Medien vermittelt werden muss: und die sind immer öfter interessen- statt erkenntnisgeleitet. Gut tut, wer den richtigen Medien vertraut – wobei Talent zu mündigem Denken bei der Auswahl durchaus hilft.

Wenn es also, sagen wir mal: um Elche und die Elchjagd der Kelten geht, ist bei Julius Cäsar Misstrauen unbedingt angesagt. Bei anatomischen Lehrbüchern hingegen kann man sich getrost darauf verlassen, dass es im eigenen Bauchraum hinlänglich so aussieht wie darin beschrieben. Auch wenn man noch nie zum Skalpell gegriffen hat, um persönlich im eigenen Bauchraum vorbeizuschauen.

Mariechen Danz, „Clouded in Veins“, Kunsthalle Recklinghausen, 2021

Die Berührung wandelt das Berührte

Bei Mariechen Danz geht es viel um diese mal wahren, mal falschen Überlieferungs- und Wissenssysteme. Die 1980 in Dublin geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin hinterfragt die erlernten und in der Geschichte immer wieder umgeformten Modelle, mit denen wir unsere Welt zu organisieren gewohnt sind. Es geht um die subjektiven Grenzen objektiver Erkenntnis. Und um ihre politischen und gesellschaftlichen Wurzeln.

Bevor man „Clouded in Veins“ in der Kunsthalle Recklinghausen betreten kann, muss man dem entsprechend erst einmal einen Stein mit eingefrästem Handabdruck passieren. Die Berührung der Natur verändert die Natur, lautet die Botschaft. Schon mit der Betrachtung des Steins gräbt der Mensch Kultur in den Stein. Erkenntnis entfremdet.

Mariechen Danz, „Clouded in Veins“, Kunsthalle Recklinghausen, 2021

Das Pendant zum Negativ der Hand ist bei Danz der positive, reliefartige Fußabdruck. Abgüsse aus Lehm, Kohle und anderen Materialien bahnen sich in den Treppenhäusern der Kunsthalle einen Weg vom Erdgeschoss bis in den zweiten Stock. Und weisen Besuchern den Weg wie auf mesoamerikanischen Karten.

Die Verdauung der Welt

Dazwischen liegen drei Etagen, in denen Danz die Archäologie der Körper- und Kulturgeschichte auseinandernimmt und alchemistisch wieder neu zusammensetzt. Von den Tonträgern der Keilschrift über das Alphabet der Organe bis hin zur digitalen Abstraktion auf Chip-Platinen geht die Reise.

Im Zentrum steht dabei immer der Körper, den Danz im Mitteltrakt von „Clouded in Veins“ für ihr entgrenztes Diorama buchstäblich gehäutet hat. Es ist eine Installation mit Hand und Fuß, mit Herz und Hirn, aber auch mit Darm: Organe zur Vermessung, Aufnahme und – vor allem – zur Verdauung, also Aneignung und Umformung von Welt.

Wie Antennenspitzen schweben die in Acrylglas konservierten künstlichen Körperteile durch den Raum und blicken auf (falsche?) Fossilien ebenso wie auf (falsche!) Kodizes mit mixtekischen Piktogrammen, Muskelstudien der Renaissance, indischen Chakra-Modellen oder Darstellungen von Nervenbahnen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Eigenes und Fremdes, Heilung und Ausbeutung sind dabei stets zwei Seiten einer Medaille.

Kunst als neue Ordnung

Ganz oben in der Ausstellungsbühne thront Mariechen Danz selbst, als Hohepriesterin einer anderen Form von Welt- und Selbsterkenntnis, mit einer neuen, assoziativen Sprache: der ihrer archaisch-futuristischen Kunst. Natürlich ist auch sie nicht persönlich zugegen, sondern nur per Video-Vertretung. Wobei wir einfach einmal glauben wollen, dass auf dem Bildschirm kein Double singt und tanzt.

Mariechen Danz, „Clouded in Veins“, Kunsthalle Recklinghausen, 2021

Schließlich ist die Kunst wie das Wissen ein System aus Zeichen, dem man aber ganz anders vertrauen darf. Ein System, das eine andere Form der Neugierde voraussetzt. Und mit einer ganz anders gearteten Lesbarkeit.

Für die imposant mit Elementen von Kult bis Pop spielenden – und insgesamt rund anderthalb Stunden langen – vier Videoarbeiten zu Performances sollte man sich übrigens ebenso viel Zeit lassen wie für den Rest der Schau. (Für Sitzgelegenheiten ist gesorgt.)

Im Gebährmuttergrab

Und dann gibt es auch noch einen (fast) kompletten Körper, der zwischen Wissenschaft und Kunst zu schweben scheint. Für „Womb Tomb“ (2014) hat Danz die Haut ihrer lebensgroßen menschlichen Skulptur mit mehreren Schichten thermochromer Farbe überzogen. Wer die Figur in ihrem geschlechtslosen Zustand zwischen Dasein und Fernsein berührt, ist vermutlich die Idee, hinterlässt seinerseits Spuren am anatomischen Modell.

In Recklinghausen ist Berührung aber coronabedingt leider nicht möglich.

Mariechen Danz, „Clouded in Veins“, Kunsthalle Recklinghausen, 2021

Bei „Womb Tomb“ ist übrigens unter anderem der Bauchraum freigelegt. Ob es bei uns im Innern ähnlich aussieht, ist in diesem Fall aber nicht vorrangig wichtig. Es geht ja nicht um empirisches Wissen. Es geht um absolut glaubhafte Kunst. (21.06.2021)

„Mariechen Danz. Clouded in Veins“ ist noch bis zum 29. August 2021 in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen.

Anmerkung: „Hier gibt es Tiere, die Elche genannt werden. Sie haben Beine ohne Knöchel und Gelenke. Werden sie umgeworfen, können sie sich nicht wieder aufrichten. Zum Schlafen lehnen sich die Elche an Bäume. Die jagenden Kelten schlagen Kerben in die Bäume. Lehnt sich ein Elch wie gewohnt hier an, bringt er den Baum durch sein Gewicht zu Fall und wird getötet.“ Fake News von Julius Cäsar in „De bello Gallico“ (übersetzt in vereinfachter Sprache).

Homepage der Kunsthalle Recklinghausen

Mariechen Danz: Kultur und Körper

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