Wo hört das Tier auf, wo fängt der Mensch an?“ Im Ludwig Forum Aachen ist jetzt ein Bestiarium aufgebaut, das auf Friedrich Nietzsches schlaue Frage ebenso kluge wie künstlerisch sensible Antworten findet.

Im 13. Jahrhundert ließ Gott nicht nur den trockenen Kompass und die Gabel erfinden, sondern auch die Lesebrille. Und plötzlich konnte ER bei näherer Betrachtung sehen, dass seine Schöpfung doch nicht ganz so gut war wie all die 5.200 Jahre von ihm angenommen.

Vor allem beim Menschen hatte Gott einige handwerkliche Fehler gemacht. Deshalb ließ ER von Darwin noch schnell die Evolutionstheorie nachschieben. Aber da war es natürlich schon zu spät.

Gottes Werk und Künstlers Beitrag

Gottes Kurzsichtigkeit jedenfalls hat den Menschen bis heute die fixe Idee eingepflanzt, die Krone der Schöpfung zu sein – und sich für etwas Besseres zu halten als jene Bewohner im Reich der „Animalia“, zu denen er unzweifelhaft gehört.

Die Konsequenzen sind im Anthropozän allenthalben spürbar. Jetzt, wo wir selbst Gott spielen können, wird das Desaster offenbar.

Tiere schauen sich an! Ausstellungsansicht von „Lovely Creatures“ im Ludwig Forum Aachen

Ein schöpferisches Ebenbild sind wir vielleicht nur in einer Sache wirklich: in der Kunst. Und deshalb eignet sich die Kunst besonders gut, über unser Verhältnis zu den anderen Tieren nachzudenken.

Warum wir die anderen Tiere hätscheln, quälen, züchten, konsumieren, verteufeln oder vermenschlichen. Was uns eventuell also doch von den anderen Tiergattungen unterscheidet – und auf welchen Feldern wir gegebenenfalls sogar die größeren, gefährlicheren Tiere sind.

Nicht berühren – Sehnsuchtskunst!

In Aachen beleuchten rund 60 Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert das komplexe Verhältnis zwischen uns und unseren Mitgeschöpfen. Und das auf ebenso anspruchsvolle wie spielerische Art.

In „Lovely Creatures“ kann man ein wenig mit den Haien schwimmen, mit einem Erdmännchen wachen oder Löwen bei der Kunstbetrachtung zusehen (das Bild hängt schief!). Andernorts sitzt ein riesiger Skorpion bedrohlich auf einem Matratzenthron im stilisierten Beduinenzelt. Und die monsterhaften Fledermäuse vis-à-vis bekommen in Coronazeiten eine neue Dimension.

Mary-Audrey Ramirez: „You know God has his ways“ (2019), Ludwig Forum, Aachen 2021

Vor grauem Hintergrund schaut die würdig ergraute Eule Hans Chwaleks auf uns herab, die weiser wirkt als wir. Und Ai Weiwei hat ein echtes Stück Kuhfell eingerahmt, das mit den Eigenheiten von Natur und Kultur spielt: Wir würden das Fell allzu gerne streicheln. Aber die Konventionen des Museums führen uns unsere hausgemachte Entfremdung vom Rest der Schöpfung eindringlich vor Augen.

Ellen Gronemayer schließlich gibt uns durch ihr Frauenbildnis mit Mäusehaaren zumindest etwas Teilhabe zurück. Und Allan Sonfists Fotografien versöhnen uns wieder fotografisch mit jener tierischen Wildheit, die uns nun mal nicht auszutreiben ist.

So konfrontiert uns „Lovely Creatures“ vor allem mit uns selbst. Und ist damit die perfekte Ergänzung zu „Sweet Lies“ in den Räumen gleich nebenan.

Gott würde das bestimmt gefallen. Vielleicht schaut er mit seiner neuen Lesebrille ja ohnehin einmal vorbei. Dann könnte ER aus der Nähe sehen, dass der Mensch dank der Kunst doch noch zu etwas gut sein kann. (16.08.2021)

„Lovely Creatures“ ist noch bis zum 12. September 2021 im Ludwig Forum Aachen zu sehen.

Homepage des Ludwig Forums Aachen

Das Wir im Tier: „Lovely Creatures“ in Aachen

Beitragsnavigation


Ein Gedanke zu „Das Wir im Tier: „Lovely Creatures“ in Aachen

  1. Tiere sind uns ähnlicher, als wie wir vielleicht denken. Definitiv eine lohnenswerte Ausstellung! Großes Lob für den Beitrag.

    ++++++++++++++++++++++++++++++

    Antwort KunstArztPraxis: Die KunstArztPraxis dankt und freut sich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.