In Farbe träumen können alle. In Farbe denken aber nur ein paar. Einer davon ist Max Frintrop. Mit präziser Lässigkeit schafft er aus Pigment und Tinte unverwechselbare Bilder, die ganz auf Strich, Spannung und Farbwirkung setzen. Wir haben ihn in seinem Düsseldorfer Atelier besucht.

Wir von der KunstArztPraxis werden oft gefragt, was denn die Liebe sei. Wir antworten dann gern mit einem Vergleich. Denn mit der Liebe ist es ja wie mit der abstrakten Malerei. Über beide kann man eigentlich nicht reden (außer über bestimmte Techniken vielleicht). Beide zielen ausschließlich auf sich selbst. Und wer sie erlebt hat, der hat sie verstanden.

Beide sind in ihrer Reinform auf jeden Fall nicht entschlüsselbar. Weil es nichts zu entschlüsseln gibt. Die Liebe ist die Liebe ist die Liebe und ein abstraktes Bild ist ein abstraktes Bild ist ein abstraktes Bild.

Weshalb wir auch Probleme damit haben, dass die zweifellos phantastische Hilma af Klint gerade allenthalben als Erfinderin der botschaftslosen Bilder gilt. Obwohl sie in unseren Augen Abbilder einer esoterischen Welt geschaffen hat, die für sie ziemlich real gewesen sein muss. 

Max Frintrop, Atelier, Düsseldorf 2021

Ausdruck und Geste

Bei den Großformaten von Max Frintrop muss man sich da zum Glück keine Gedanken machen. „Meine Bilder sind nur Farbe auf Leinwand“, stellt der 39-Jährige bei unserem Hausbesuch in seinem Atelier in Düsseldorf klar. Und das ist ja das Essenziellste, was man über abstrakte Malerei sagen kann. Eine solche Reinheit muss man erstmal schaffen.

Frintrop schafft sie durch eine Mischung aus direktem Malen und Eingriffen in bildeigene Trocknungsprozesse, ganz ohne Lösungsmittel. Dabei entsteht mit purem Pigment, Tinte und Acryl konstruktive Räumlichkeit, Verschränkung, Tiefe, Transparenz. Und eine ganz eigene Spannung, die man als Betrachter aushalten muss.

„Der freie Umgang mit Farbe ist für mich
der die Malerei bejahende Ansatz.“

Max Frintrop

Frintrop braucht keine kritische Botschaft. Er bedient keine verneinende Meta-Malerei, die davon lebt, das eigene Tun mit jedem Bild in Frage zu stellen. Er traut sich einfach zu malen. Mit Ausdruck und Geste. Und das, ohne ins Kitschige oder allzu Dekorative abzugleiten. Oder abzukupfern. Auch eine Kunst.

Am Mischpult der Farben

Dazu gehört ein untrügliches Gespür für das individuelle Wesen jener Farben, das die Komposition letztendlich bestimmt. Ein Wesen, das es dem Maler mal leichter und mal schwerer macht. Orange und Blau etwa erhöhen gegenseitig ihren Effekt. Braun- und Olivtöne hingegen erzeugen kaum Tiefe. „Je nachdem, wie man die Farben kombiniert, kann ich ein Bild visuell leiser oder lauter machen“, sagt Frintrop. „Je nachdem, wie ich das regle, spricht es den Betrachter neuronal anders an.“

Am Ende kommt es darauf an, ob die Bilder mit ihrer subtilen, fast kalligraphisch wirkenden Lässigkeit emotional funktionieren. „Ob etwas da ist, das die Synapsen knacken lässt.“

Max Frintrop, Atelier, Düsseldorf 2021

Der Fluss des Malprozesses

Vorher aber geht es auch bei Frintrop um jene Freiheit, zu der die weiße Leinwand den Maler verdammt. Und darum, wie viel dieser Freiheit man als Maler zulässt. Früher habe er Unmengen von Skizzen gefertigt, sagt Frintrop, einen „Schlachtplan“ erstellt. Inzwischen entsteht die Bildidee komplett im Fluss des Malprozesses. Notfalls auch in einer Nachtschicht.

Dass all das nur auf unberührtem Weiß passieren kann: einem Weiß, das in seiner Unschuld die „imaginären Tiefe“ der Unendlichkeit transportiert, ist für Frintrop evident. „Leinwände mehrmals zu benutzen, das kann ich nicht machen. Ich sehe immer das, was drunter liegt. Bei mir muss das Bild wie auf einem blütenreinen weißen Papier in einem Rutsch sitzen.“

Skizzenmappe mit Vorstudien in Max Frintrops Atelier, Düsseldorf 2021

Im Idealfall ist Inhalt dann Form plus Farbe plus Gefühl. Wobei Gefühl hier eigentlich nur eine andere, intuitivere Art des Denkens ist. „Malerisch denken“ nennt Frintrop das. Das habe er auf der Düsseldorfer Kunstakademie bei Albert Oehlen gelernt.

Am Boden malen

Um in seinem Sinn malerisch denken zu können, hat Frintrop spezielle Besenbürstenpinsel an langen Stielen entwickelt. Damit rückt er der auf den Boden gelegten Leinwand streichend und tropfend zu Leibe. Ein wenig so, wie Jackson Pollock das mit seinen eigenen Experimenten getan hat.

Oder wie Miles Davis, bei dem das mit der Liebe und der Malerei allerdings etwas deftiger und weniger gefühlsecht ausgefallen ist. Aber Miles Davis war ja auch kein abstrakter Maler, sondern ein zweiter Basquiat. Und die Fähigkeit, ein Bild visuell leiser oder lauter zu machen, besaß der große Jazzer unseres Erachtens nicht.

„I sleep on the floor,
I fuck on the floor.
Why shouldn’t
I paint on the floor?“

Miles Davis

Ohnehin hat das sensible Gestische, das Frintrops Bildern eigen ist, mit dem bisweilen brachialen Duktus des abstrakten Expressionismus in unseren Augen nur wenig gemein. Auch wenn Frintrop selbst sich der Strömung in gewisser Weise offenbar sehr nahe fühlt.

„Mir geht es eher um subtile Farbwirkungen, die für mich stimmig sein müssen“, sagt Frintrop. „Und da können Kleinigkeiten schon einen großen Unterschied machen.“ Ob etwas für ihn stimmig wirke, sei da nicht zuletzt auch „abhängig on der Tagesform“. Um das zu erkennen, brauche er Abstand. „Ob ein Bild gelungen ist oder nicht, stellt sich oft erst nach mehreren Tagen heraus.“

Die „Subtilität des Gelingens“

Und wann ist ein Bild fertig? Wie erkennt man, ob ein abstraktes Bild ein abstraktes Bild ein abstraktes Bild geworden ist? Ob die „Subtilität des Gelingens“ erreicht ist, wie Frintrop sagt, die präzise Leichtigkeit? Ein Bild ist fertig, wenn es Persönlichkeit besitzt, sagt Frintrop. Wenn es einzigartig ist. Seele hat.

Und bei Unstimmigkeiten? „Dann wird die Leinwand abgespannt und kleingeschnitten. Damit das keiner aus der Tonne klaut“, sagt Frintrop und lacht. Man muss halt auch loslassen können, möglichst ohne Trauer. Wie in der Liebe eben. (12.04.2021)

Anmerkung 1: 2015 haben wir für eine WDR-Multimedia-Reportage mit Art-Cologne-Leiter Daniel Hug über Max Frintrop gesprochen. Für ihn war Frintrop damals ein Geheimtipp, der es weit bringen werde auf dem Kunstmarkt. Das ist dann doch ein Unterschied zwischen Liebe und abstrakter Malerei: Liebe kann man nicht kaufen.

Anmerkung 2: Allen Hilma af Klint-Fans versprechen wir, über deren esoterischen Infografiken noch einmal nachzudenken. Vielleicht war sie ja doch die Mutter der reinen Malerei.

Teils bemalte Anagrams-Scan-Edition nach dem Gemälde „Tristan & Isolde“ (2020), Atelier, Düsseldorf 2021

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Homepage von Max Frintrop

Max Frintrop: In Farbe denken

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