Opfergeschichte war gestern: Mit „Resist!“ erzählt das Rautenstrauch-Joest-Museum die Epoche von Unterdrückung und Ausbeutung des globalen Südens durch die Europäer aus neuer Sicht – und mit den Mitteln der Kunst. Für ein ethnologisches Haus gleich doppelt mutig.

Die Edo im Königreich Benin hatten keine Schrift, deshalb ließ der mächtige Oba die Geschichte des Landes seit dem 16. Jahrhundert von seinen Künstlern in Metalltafeln und Skulpturen gießen.

Dann kamen die Briten, legten Benin City in Schutt und Asche und raubten mit den über 3.500 so genannten Benin-Bronzen nicht nur Kunst: Mit den Abbildern von Königen, Tieren, Ahnen und Göttern raubten sie Identität, Historie, Erinnerung. Die Epoche des Königreichs Benin im heutigen Nigeria war mit dem Verlust der Bronzen zu Ende.

Mit den Bronzen wurde das kollektive Gedächtnis Benins von den Kolonisatoren versteigert – und verstreut in die musealen und privaten Wunderkammern Europas und der USA. Die Auktion war Teil eines absurden Nullsummenplans: Der Verkauf des Raubguts sollte den als „Strafexpedition“ deklarierten Raubzug im Nachhinein finanzieren.

Heute ist nur wenig bekannt, dass der „Strafexpedition“ der brandschatzenden wilden Horde aus dem Norden ein unfreundlicher Akt der Aggressoren vorangegangen war, bei dem nach mehrfacher Warnung vor Konsequenzen am Hof des Oba sieben unerwünschte Briten – aber eben auch 200 beninische Bürger – getötet worden waren.

Man muss nur die Perspektive wechseln, dann erzählen die Benin-Bronze also auch die Geschichte vom Widerstand und Protest gegen die neuen kolonialen Herren.

Genozid und Selbstbestimmung

Die Benin-Bronzen gehören zur Gründungsgeschichte des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM). Noch heute zählen fast hundert davon zum Bestand, es ist die viertgrößte Sammlung Deutschlands. Damit lagern allein in Köln mehrBronzen, als in ganz Nigeria verblieben sind. Wenn auch viel weniger als im kürzlich eröffneten Humboldt Forum in Berlin.

Von daher ist das RJM ein guter Ort, um die 500 Jahre Kolonialismus im globalen Süden mit „Resist!“ nicht als Opfergeschichte zu erzählen, sondern als Geschichte der Gegenwehr – bis hin zur Unabhängigkeit der betroffenen Länder. Es geht um Benin, aber auch um den deutschen Genozid an den Herero und Nama in Namibia oder den Kampf der Sinti und Roma um Selbstbestimmung.

Auseinandersetzung mit den Benin-Bronzen von Peju Layiwola

„Wir wollen in der Lage sein,
unsere Geschichte zu erzählen.“

Peju Layiwola, Kuratorin und Künstlerin „Resist!“

Einen polyphonen „Verhandlungsraum“ wolle man mit der Ausstellung schaffen, sagt Museumsdirektorin Nanette Snoep. Bedenkt man die Vergangenheit ihres Kölner Hauses, dann ist das im Grunde schon selbst ein Akt der Auflehnung gegen die eigene, 115-jährige Sammelstrategie. Dazu passt die für ein ethnologisches Museum gewagte Konzeption, die Aufarbeitung weniger historisch zu dokumentieren als vielmehr künstlerisch-zeitgenössisch zu erzählen.

Sechs Künstlerinnen, Kuratorinnen und Aktivistinnen hat Snoep eingeladen, um Museumsräume zu gestalten. Herausgekommen ist eine aufregende, labyrinthische, erhellende Schau, die Kunst von internationalen Größen wie Kara Walker, Selma Selmann, Kader Attia, Patricia Kaersenhout oder Ayrson Heráclito mit einbezieht.

Omar Victor Diop, „Project Diaspora“ (2015), Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln 2021

Uns haben einige Arbeiten besonders gut gefallen:

Omar Victor Diops Selbstporträts zum Beispiel, in denen der senegalesische Fotograf in die Rollen und Kostüme von Vordenkern der postkolonialen Unabhängigkeit schlüpft, die damit verbundenen Klischees aber durch verwirrende Accessoires aus dem Sportsegment (Fußbälle, Stollenschuhe, Torwarthandschuhe) unterwandert.

Mohammed Laoulis paradoxer Versuch, ein 2020 während einer BlackLivesMatter-Aktion beschmutztes Kolonialdenkmal an den Treppen des Bahnhofs Saint Charles in Marseille – von aller Schuld? – zu reinigen. 

Und der opulente, als Triptychon angelegte Bilderteppich „Jallianwala: Repression und Vergeltung“ des britischen Künstlerkollektivs „The Singh Twins“, der das Massaker im nordindischen Amritsar an Sikhs, Muslimen und Hindus ebenso visualisiert wie den gesellschaftlichen Kontext.

„Es kann nicht um uns gehen
ohne uns.“

Esther Utjiua Muinjangue, Kuratorin“Resist!“

Es kann gar keinen Zweifel daran geben, dass die gestohlene Identität und Geschichte der Edo , deren Kunstfertigkeit man in „Resist!“ bewundern kann, zurück nach Nigeria gegeben werden muss. In Benin City laufen dem entsprechend schon jetzt die Planungen für das neue „Edo Museum of West African Art“.

Das EMOWAA soll nicht zuletzt die in alle Welt verstreuten Benin-Bronzen wieder bündeln und ihre wechselvolle Bedeutung und Geschichte erforschen. Dann könnte ein schlecht vernarbte Wunde vielleicht endlich heilen. Als letzter Akt des Widerstands gegen 125 Jahre Rückgabeverweigerung durch die Räuber.

Wir planen einen Betriebsausflug

Wie andere deutsche Museen, so will auch das RJM ab 2022 restituieren – und die KunstArztPraxis plant schon einen Betriebsausflug. Bis dahin werden wir aber sicher noch ein paar Mal ins Rautenstrauch-Joest-Museum gehen. Denn bei dieser Fülle an Bildern und Informationen hat der eine, wenn auch mehrstündige Besuch beileibe nicht ausgereicht. (10.10.2021)

„Resist! Die Kunst des Widerstands“ ist noch bis zum 9. Januar 2022 im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln zu sehen.

Homepage des Rautenstrauch-Joest-Museums

Kolonialgeschichte als Widerstand: „Resist!“

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