Mit ihren Abstraktionen gehören Auguste Rodin und Hans Arp zu den großen Erneuerern der bildhauerischen Moderne. Eine tolle Schau im Arp Museum Bahnhof Rolandseck denkt sie jetzt zusammen. Wir denken noch einen Dritten mit: den großen Abstrakten Michelangelo.

War Michelangelo wirklich ein abstrakter Künstler? Er selbst hat sich zumindest so empfunden. Seine Figuren seien als Idee ja schon immer im Stein verborgen gewesen, notierte das Renaissance-Genie verschiedentlich. Seine Aufgabe sei nur gewesen, vom Material abzusehen und „den überflüssigen Stein zu entfernen“.

Bei Michelangelos „Sklaven“, die sich teils noch aus ihrem steinernen Gefängnis herauswinden müssen, ist dieser Gedanke Fleisch geworden. Fünf Jahre hintereinander ist einer von uns mal regelmäßig nach Florenz gereist, um darüber in der Accademia zu staunen.

Michelangelos „Erwachender Sklave“ (links) und Rodins „Ewiger Frühling“ (von hinten)

Vielleicht hatte Hans Arp ja diese sich windenden und am Fels sich reibenden „Sklaven“ im Kopf, als er Auguste Rodin einen „Bruder Michelangelos“ nannte? Jedenfalls kann man im Arp Museum jetzt ganz gut sehen, wie Rodin immer wieder auf Michelangelos paradoxen Gedanken einer Konkretion durch Abstraktion anspielt.

Tatsächlich hält ja auch Rodin einen Teil seiner Figuren in Blöcken aus Marmor gefangen. Aber auch in Blöcken aus Gips und Bronze, was nur betont „unfertig“ gemeint sein kann: Wer Volumen knetend und gießend zufügt, statt es wegzuhauen, kann ja eigentlich gar nichts stehenlassen.

Lob des Fragmentarischen

Ohnehin funktioniert Abstraktion bei Rodin meist anders. Nämlich, wie wir sie heute kennen in der Kunst: als Weglassen von Konkretem eben. Das wird bei jenen Figuren der Schau sichtbar, die wirken, als hätte Rodin den fesselnden Stein von Michelangelos „Sklaven“ einfach weggefräst und die offene Wunde der Leerstellen bewusst belassen.

Und das aus gutem Grund. Denn bei Rodin steht nicht die Idee des eigentlich perfekten, aber noch unbehauenen oder historisch erodierten Körpers im Fokus, sondern die sinnliche Schönheit des Fragments.

Auguste Rodins Gipsskulptur „Der Schlaf“ (um 1889) im Arp Museum, 2021

Denn Rodin zielt nicht auf körperliche Vollkommenheit, sondern auf Verdichtung, aufs Wesentliche, Menschliche. Bei ihm braucht selbst ein „Schreitender“ weder Arme noch Beine, um das Schreiten zu verkörpern, sondern nur den Torso.

Deshalb ist auch der im Arp Museum gezeigte „Kuss“ im Grunde kein Abbild zweier Verschlungener, sondern, viel raffinierter, ganz Berührung, Verschmelzung, Innerlichkeit und – eben: Kuss.

Auch schön. Aber anders.

Das hat freilich schon Rodins Sekretär Rainer Maria Rilke bemerkt, als er in niederknienswerten Worten niederschrieb, Rodin sei es in seinen aus unendlich vielen Flächen zusammengesetzten Figuren darum gegangen, lebendige „Ewigkeiten“ – und in der äußeren Form innerstes Bewegen – aufzudecken.

„Es fehlt nichts Notweniges“, heißt es bei Rilke. Bedeutet auch: Es ist nichts Überflüssiges geblieben.

Von der Berührung her gedacht: Rodins „Der Kuss“ (1889-1898) im Arp Museum, 2021

Sogar der Zufall würfelt mit

Wer mit den erwachenden Augen von Michelangelos „Sklaven“ auf Rodin in Remagen blickt, glaubt zu erkennen, wie stark Rodin seine reduzierenden Abstraktionen als Befreiung inszeniert hat. Als Befreiung der Gesten, der Mimik, des Rhythmus, der Bewegung. Aber auch als Befreiung des Kunstwerks vom Sockel: in der Geschichte der Bildhauerei alles andere als eine Petitesse.

In seinen aus Körperteilen zusammengewürfelten, dem Zufall Raum gebenden Assemblagen befreit Rodin seine Figurationen sogar schon ein Stück weit von den Fesseln des Abbilds. Und in manchem Faltenwurf schimmerte für uns in Remagen sogar so etwas durch wie reine Form.

Diesen letzten, radikalsten Schritt der Abstraktion allerdings hat Rodin dann offenbar doch nicht gewagt.

„Welche Anmaßung verbirgt sich
in der Vollendung.“

Hans Arp

© alle Kunstwerke von Hans Arp: VG Bild Kunst Bonn 2021

Das letzte große Wagnis des Weglassens blieb unter anderem Hans Arp vorbehalten, der sich zeitlebens und auf vielfache Weise auf Rodin bezogen hat. Er machte die Skulptur endgültig zur puren, aus bloßer Außenhaut bestehenden, bei ihm: biomorphen Form.

Auch die Außenwelt weglassen

Uns kam es im direkten Vor-Ort-Vergleich so vor, als habe Arp die rauen, von Gussnähten versehrten offenen Oberflächen Rodins in seinem Werk mit höchster Sorgfalt glattgeschliffen und blankpoliert, so nahe erschienen die Formen teils in der Anlage. So wie Rodin der Bruder Michelangelos gewesen ist, war Arp für uns ein Bruder Rodins. Aber natürlich schon auch noch ein wenig mehr.

Der Dreisprung von der materiellen Abstraktion (Michelangelo) über die formale Abstraktion (Rodin) hin zur organischen Abstraktion ist jedenfalls erst bei Arp gelungen. Vom „Sklaven“ – und vom sklavischen Verweis-Charakter des Kunstwerks auf eine äußere Wirklichkeit – ist bei ihm nicht viel geblieben.

Stattdessen atmet in Arps Formen eine ganz andere Lebendigkeit.

Hans Arps Bronzeskulptur „In sich versunken“ (1959) im Arp Museum, 2021

Der überraschendere Dreiklang

Irgendwo zwischen Rodin und Arp sind die bronzenen Sinnlichkeiten und ornamentalen Verwandlungen Stella Hambergs zu verorten, die die Museumsräume im Stockwerk drüber besiedeln. Und die allein sind schon eine echte Schau.

Auch wenn die „Sklaven“ als Referenzgröße nach unserer Meinung in der Ausstellung ein wenig fehlen, ist durch Hambergs hybride Körper im Zusammenspiel mit „Rodin / Arp“ ein anderer, eigentlich noch interessanterer, da überraschender Dreiklang entstanden, der den Besuch in Remagen zu einer richtig großen Freude macht.

Und für Michelangelo fahren wir einfach mal zusammen nach Florenz. Vielleicht als Betriebsausflug. (23.08.2021)

„Rodin / Arp“ ist noch bis zum 14. November 2021 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen zu sehen. „Stella Hamberg“ läuft noch bis zum 27. Februar 2022. Zu „Rodin / Arp“ ist ein preisgekrönter Katalog erschienen, der vieles von dem, was wir gesehen haben, visualisiert. Und: Rilkes anbetungswürdiger „Auguste Rodin“ ist vorm Museumsbesuch ohnehin Pflichtlektüre.

Klugscheißer-Appendix: Plato für Dummys. Und für Michelangelo

„Die Idee liegt im Innern eingeschlossen“, heißt es irgendwo bei Michelangelo. „Alles, was du tun musst, ist, den überflüssigen Stein wegzuhauen.“ Und, an anderer Stelle: „Ich sah den Engel im Marmor und meißelte, bis ich ihn freiließ.“ Ersteres klingt nach noblem Understatement, letzteres nach Hybris. Egal. Jedenfalls verdankt sich beides dem Neoplatonismus der Renaissance. Also einer krassen Fehldeutung von Platos Ideenlehre.

Deshalb wollen wir Klugscheißer von der KunstArztPraxis hiermit nur noch einmal kurz daran erinnern, wie das bei Plato ist. Also: Bei Plato ist die Idee das Höchste, und die Realität nur ihr schattenhaftes Abbild. Und noch schattenhafter ist das Abbild des Abbilds, also die Kunst. Bedeutet fürs philosophische Bedeutungs-Ranking: Die Idee des Engels schwebt über allen Dingen. Dann kommt der reale Engel. Und erst ganz unten, quasi schon in der Ranking-Hölle, wo die Teufel mit den Hufen scharren, kauert der gehauene. Wer den armen Engel da freilässt, tut ihm keinen Gefallen.

Beim Tisch wird es noch klarer: Ganz oben, natürlich, die Idee des Tisches. Darunter: der reale Tisch. Und irgendwo unter ferner liefen: der ohnehin schamvoll bedeckte Tisch auf Leonardos „Abendmahl“. Bei Plato hat nämlich sogar der Schreiner mehr Genie als der Maler! Sorry, Michelangelo, aber für Künstler, die etwas auf sich halten, ist Plato echt nicht der richtige Umgang.

Homepage des Arp Museums Bahnhof Rolandseck

Freiheit durch Weglassen: Rodin und Arp in Remagen

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