Gleich bunt in kritisch. „German Pop Art“
In der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen ist gerade „German Pop Art“ aus der Sammlung von Heinz Beck zu Gast. Die Grafiken und Multiples illustrieren, wie politik- und konsumkritisch die deutsche Variante im Vergleich zu ihrer britischen und amerikanischen Schwester war. Und wie erschreckend aktuell noch ist.
In „German Pop Art“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen haben Zwei von uns Dreien ein Lieblingswerk.
Es zeigt das in Pop-Art-Manier recht grobkörnige Bild eines US-Langstreckenbombers, der, anders als das Original, statt Sprengkörpern über Vietnam echte Lippenstifte abwirft. Für uns ganz große Kunst. In vielerlei Hinsicht.
Ein offenes Kunstwerk
Denn Wolf Vostells „Objekt B 52“ (1968) denkt nicht nur zwei scheinbar unvereinbare, auf den zweiten Blick aber evident gut zusammen zu denkende Dinge fast schon surrealistisch zusammen: Es ist in gewisser Weise auch das, was Umberto Eco „offenes Kunstwerk“ nannte.
Weil es semiotisch vieles bedeuten kann, ohne arbiträr zu sein.

Weist Wolf Vostell mit seinem „Objekt B 52“ etwa auf die Verharmlosung des Krieges in der medialen Berichterstattung hin – oder verharmlost er ihn vielleicht sogar selbst? Möchte er uns sagen, dass die US-Army lieber rote Kosmetik übers rote Vietnam hätte ausschütten sollen statt bräunliches, stinkendes, aus Benzin erzeugtes Napalm?
Oder übt er Kritik am Imperialismus der USA, der neben Öl-Imperialismus – das Paraffin des Lippenstifts! – ja immer auch Konsum-Imperialismus war?
Wow! Ein Pop-Art-Anti-Andy-Warhol!
Egal. Wir lesen Vostells Lippenstiftbomber eh eher postmodern.
Für uns ist „Objekt B 52“ ein ehrlicheres Porträt von Donald Trump als jenes, das in der von Trump mit Schmähtafeln auf demokratische Vorgänger unterfütterten Ahnengalerie der US-Präsidenten im Weißen Haus mit seinem neuen Goldglitzer-Ballsaal zum Hängen kam.*
*auch ehrlicher als eines, dass Andy Warhol aus dieser trashigen
Gemengelage gegen harte Dollar hätte machen können!
Weil es das Gesicht des verurteilten Sexualstraftäters (Lippenstift) mit dem des Welt und Gesellschaft spaltenden Tyrannen (Bomber) vereint.

In unseren Augen zeigt Wolf Vostell in der Retrospektive auf diese Weise eine Traditionslinie auf, die bis in unsere Gegenwart hinüberreicht – und die ihre wahren Interessen auch immer zu verschleiern verstand.
Woke ist der neue Kommunismus!
Imperialistisch und ölversessen waren die USA ja immer schon. Nur haben es die früheren Präsidenten nicht so unverschämt offen & so hyperrealistisch formuliert wie Donald Trump.
Und wir hatten als Demokraten in Europa bisher einfach das Glück, nicht auf dem – inzwischen eben weniger anti-kommunistischen als vielmehr anti-woken – Speiseplan zu stehen.

Bild oben: Siegfried Neuenhausen, „Freiheitsstatue“, 1972
© VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Und dann verweist „Objekt B 52“ natürlich auch auf jene geschminkten Lügen, die zu völkerrechtswidrigen Missetaten – Massenvernichtungswaffen im Irak! Der Drogen-Präsident von Venezuela! Der Russland vernichten wollende Faschismus der Ukraine! – seit jeher offenbar immer auch dazugehören.*
*im Vietnamkrieg war es bekanntlich der angebliche
Angriff Nordvietnams auf einen US-Zerstörer.
Johannes 1,14 (Trump-Bibel-Version)
Das ideologische Neusprech von 1984 ist ja nicht erst mit Friedens-Nobelpreis-Medaillen-Besitzer Donald Trump über die Welt gekommen. Aber mit Donald Trump sind die alternativen Fakten evangelikales Fleisch geworden und haben unter uns gelebt (Johannes 1,14, Trump-Bibel-Version).*
*wir sagen dies, obwohl Donald Trump das US-Verteidigungsministerium
nicht in Friedens-, sondern wahrheitsgemäß in Kriegsministerium umbenannt hat.
Obwohl, BTW: Warum eigentlich nicht in „Donald Trump Ministry of War“?


In Oberhausen zeigt sich diese Aktualität der „German Pop Art“, die obige Gedanken beim Betrachten in uns ausgelöst hat, bei Weitem nicht nur in Vostells „Objekt B 52“:
Die deutsche Variante war zwar genauso bunt und schrill, teils auch genauso dekorativ wie ihre Geschwister in Großbritannien und den USA. Aber weitaus politik- und konsumkritischer – und teils auch humorvoller – war sie auch.
Die deutschen Künstler*innen waren eben WIRKLICH Kinder von Karl Marx & Coca Cola, mit einem Aperol Spritz aus Karl Valentin & Josef Beuys. Uns war das neu: in „German Pop Art“ für uns die größte Überraschung.
Foto oben: Timm Ulrichs, „Ich kann keine Kunst mehr sehen“ (1975),
Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, 2026
Der kluge kuratorische Kniff
Dass die Überraschung gelang, liegt in unseren Augen vor allem daran, dass Kuratorin Sarah Hülsewig die Pop Art mit einem klugen Kniff als eine Zeitströmung betrachtet hat: eine Zeitströmung, die nur 4,5 Jahre überspannte.
So passen eben auch Klaus Staeck und Tim Ulrichs – oder Fluxus, sprich: Mary Bauermeister: in den Sechzigerjahren in New York bekanntlich eng befreundet mit Robert Rauschenberg und Jasper Johns, mit hinein.

Ach ja: Wir haben weiter oben ja gesagt, dass Wolf Vostells Lippenstiftbomber nur von Zweien von uns das Tollste ist. Der Dritte hat in „German Pop Art“ ein anderes Lieblingswerk.
Er lässt schön grüßen und ausrichten, dass es doch wichtiger sei, statt in die USA auf das zu schauen, was gerade vor der eigenen Haustüre passiere.
Reicher sammelt größer
Deshalb hat unser Einer Siegfried Neuenhausens raumgreifende Skulptur „Die Bürger von B.“ (1967) aus der Schau in Oberhausen herausgepickt: die einzige Arbeit aus der Sammlung von Peter & Irene Ludwig – den Namensgebern der Ludwiggalerie.
Die haben halt immer größer & unikatärer & US-amerikanischer gesammelt als der Düsseldorfer Rechtsanwalt Heinz Beck. Waren als Unternehmer ja auch weitaus reicher & notgedrungen auch kapitalistischer als er.
Im Titel verweisen „Die Bürger von B.“ auf die „Bürger von Calais“, die Auguste Rodin zwischen 1884 und 1886 demokratisch vom Sockel auf die Erde holte.
Ende der Solidargemeinschaft
Wo letztere sich aber für die vom fremden Truppen belagerte Stadt in großer Geste aufopferten, blicken erstere nurmehr monadisch starr ins Leere.
Aus der Solidargemeinschaft ist eine Gruppe uniformer Egos geworden, die sicher – so unsere Gedanken in der Schau! –, im besten Fall aus Trotz, die Nazis wählen. Oder eben in Schockstarre sind.

Foto oben: Ein Bürger von B. schaut ungerührt auf auf Siegfried Neuhausens
kopf- und hirnlose Figur der Grafik „nichts gesehen, nichts gehört, nichts gemerkt,
nichts getan“ (1964, links). Und auf „Das da hätte fast die Welt regiert“ (1970).
Was das betrifft, gibt es in „German Pop Art“ allerdings andere Werke, die deutlicher die Brücke zum damals nicht wirklich aufgearbeiteten und heute noch überaus fruchtbaren Schoß des Faschismus schlagen.
Und auf diese Werke schauen die uniformen „Bürger von B.“ in Oberhausen! Das ist der zweite kuratorische Kniff, der uns Dreien unisono mega gefallen hat. (15.02.2026)
„German Pop Art“ ist noch bis zum 3. Mai 2026 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Der Katalog ist ebenfalls ein Kracher.

Bonus-Track: „British Pop Art“, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, 2019*
*ebenfalls Sammlung Heinz Beck! Mega.
Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen in der KunstArztPraxis:
Alles Paletti? Das Udo-Lindenberg-Quiz! (leider kein Gewinnspiel mehr)
Auf nach Zamonien! Walter Moers in Oberhausen
Holleri du dödl di? Das Loriot-Gewinnspiel-Quiz! (leider kein Gewinnspiel mehr)


DANKE!!