„Zeichenräume“ in der Villa Zanders: Eigene Gattung!
Kann man als Betrachter*in mit einer Zeichnung verschmelzen – oder sie sogar spazierend neu zusammensetzen? Man kann! Im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach sind gerade internationale Positionen von neun Künstlerinnen zu sehen, die ihr Zeichnen in den Raum erweitern. Toll toll toll.
Einmal hatten wir bei Tony Cragg ein exklusives Foto-Shooting mit Markus Lüpertz, da sprachen wir auch über das, was er so macht. Er sei Maler-Bildhauer, hat Markus Lüpertz uns damals gesagt: Im Unterschied zum Bildhauer-Bildhauer sehe er die Skulptur nicht als Volumen, sondern als Summe von Flächen.
Beim Bildhauer-Bildhauer wisse man beim Herumgehen schon, wie kommen werde, weil sich das Hinten aus der Logik des Vorne ergäbe. „Bei mir können Sie hinten ganz andere Dinge erleben, weil ich an die Skulptur immer in Ansichten gehe.“

„Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu führen.“
Paul Klee
Seine Maler-Skulptur, sagte uns Markus Lüpertz damals, sei „eine eigene Gattung“.
Zeichnung als Volumen denken
An diese Sätze mussten wir denken, als wir durch die „Zeichen-Räume“ im Kunstmuseum Villa Zanders gingen; denn der Zeichen-Raum scheint uns auch eine eigene Gattung zu sein.
Beim Zeichnen denkt man ja eher an eine solitäre Fläche aus Papier, auf der der Künstler, dem schönen Bonmot Paul Klees zufolge, die Striche spazieren führt.
Aber man kann die Striche ja auch durch den Raum spazieren führen, die Zeichnung also als Volumen denken. Warum nicht?

Foto oben: Kamilla Szíj, „Latentes Element 1 (2012/2016),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026
In diesem Sinne könnte man viele der Werke der neun Künstlerinnen, die gerade in der Villa Zanders versammelt sind, mit Markus Lüpertz – und, anders als bei ihm: gegendert – vielleicht Zeichner*innen-Skulpturen nennen – im Unterschied zur Zeichner*innen-Zeichnung, bei der man auf einen Blick gleich immer alles sieht.
Im Inneren des Diamanten
Ach ja: Eine Maler-Skulptur sei mit einem Diamanten vergleichbar, der aus hunderten von Flächen einen Kreis ergibt, hat Markus Lüpertz uns damals ebenfalls erklärt. Das gilt für die Zeichner*innen-Skulptur in unseren Augen genauso.
Mit dem entscheidenden Unterschied, dass man sich bei einer Zeichner*innen-Skulptur im Innern des Diamanten befindet und staunend an die Ränder, auf Wände, Decke, manchmal auch: auf Böden, schaut. Und auf das oftmals zeichenlose Loch dazwischen, das sich im Idealfall ebenfalls aus der Logik der Ränder ergibt.


Mit einer solchen Zeichner*innen-Skulptur kann man verschmelzen. Wenn man sie denn erwandert: so, wie die Künstler*innen zuvor den Raum erwandern mussten, um sie zu zeichnen – ganz Auge, Arm und Bein.
So irgendwie.
Mit Wanderschuhen schon gar nichtr
Bei Monika Bartholomé kann man das besonders hübsch erleben.
Bartholomé hat ihren Raum mehrere Tage lang – hoch konzentriert – mit wandhohen Papierbahnen samt Tusche & Acryl tapeziert und teilmöbliert: Zeichnung, die die Architektur der Villa Zanders teils aufnimmt, teils konterkariert.
Foto oben: Monika Bartholomé,“Raumzeichnung für die
Villa Zanders“ (2026, Detail), Bergisch Gladbach 2026

Es gibt auch Zeichnerinnen-Skulpturen von Monika Bartholomé, die den Boden okkupieren. Aber dann kann man sie gar nicht – oder nur unter Auflagen – betreten. Mit Wanderschuhen schon mal gar nicht.
Nein: Gescheitert ist sie nicht
Sie würde nichts vorzeichnen, hat Monika Bartholomé uns im Gespräch verraten. Ihr Raumzeichnen sei „ein Wagnis ohne Radiergummi“: Mit jedem neuen Strich könne sie scheitern.
Nein: Gescheitert ist Monika Bartholomé mit ihrer Zeichner*innen-Skulptur, die frei nach Markus Lüpertz in räumlichen Ansichten gedacht ist, auf keinen Fall.

Manche Zeichner*innen-Skulptur muss an aber nicht nur aktiv erkunden: Beizeiten nimmt sie einen auch an der Hand und führt durch ihren Raum, der sich beim Gehen verändert. Kunst und Betrachter*in werden ein Paar.
Das ist bei der Zeichnerinnen-Skulptur von Angela Lubič mit ihren Klebestreifen-Strichen der Fall. Kein Wunder also, dass sie „Linienführung“ heißt.
Dabei ergeben sich sogar Positionen, bei denen sich die Striche an den Wänden und der Decke wie im Film im Gehtempo zu einer Einheit zusammenschließen: sich Flächen bilden, die gegen die Ursprungs-Flächen der Wände und der Decke rebellieren, dem Villen-Raum einen zweiten Raum überstülpen.

Foto oben: Angela Lubič, „Linienführung“ (2026, Detail),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026

Gehend & sehend selber finden
Von diesen Positionen haben wir aber keine Fotos gemacht. Wir wollen ja nicht unsereins linienführend tätig werden: Wir sind ja keine Skulpturen-Zeichner!
DIESE Positionen soll bitteschön Jede*r in Bergisch Gladbach gehend & sehend selber finden. Dankeschön.


Wir haben noch einen weiteren erklärten Lieblings-Raum: „Nach Babel“ von Julia Ziegler.
Im ehemaligen Wohnraum der Villa Zanders sind in künstlerischer Freiheit Vorderschnitte von Wörterbüchern an die Wand getürmt, die illustrieren, welche Anfangsbuchstaben in welcher Sprache wie oft verteilt sind: im Lateinischen ist es besonders oft das „C“, im Ungarischen eher „E“.
Dabei verschwimmen die Strukturierungen zu ebenso verwirrenden wie dekorativen graphischen Mustern, die ihrer Aussagekraft verlustig gegangen sind. Das hat uns Babyloniern aus der KunstArztPraxis natürlich besonders gefallen.
Foto oben: Cambridge Dictionary vor „Nach Babel“ (2026),
Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026

Summa summarum ist es in „Zeichen-Räume“ so, wie wir es seit Jahren generell von unserer Praxis-Kanzel predigen: Kunst kann & darf man nicht einfach über sich ergehen lassen, Kunst muss man sich ergehen.
Das gilt für diese tolle Schau, in der die Künstlerinnen ihre Striche eben nicht nur übers platte Land, vulgo: Papier spazieren führen, sondern durch die Gebirgs-Welt der Zimmer, besonders. (19.04.2026)



„Zeichenräume“ ist noch bis zum 16. August 2026 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen.
Anmerkung: Mit Jolanta Wagner aus Polen gibt es auch eine „klassische“ Zeichnerin in der Schau im Kunstmuseum Villa Zanders: eine Zeichnerin, die aber trotzdem Zeichen-Räume schafft.
Denn sie strukturiert auf ihren teils monumentalen Papier-Bahnen die Dinge der Städte (eine schlicht „BG“ genannte vielleicht Bergisch Gladbach?) neu – und korrespondiert mit ihren verwirrenden Ordnungen wiederum mit Julia Zieglers vom Verbalen ins Graphische gewendeten „Nach Babel“.
Und mit Borges‘ Erwähnung der Klassifizierung der Tiere in einer chinesischen Enzyklopädie. Aber das nur nebenbei.

Foto oben: Jolanta Wagner, „Double Map of the City V“ (2026, Deal),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026
„Die Tiere lassen sich wie folgt gruppieren:
Jorge Luis Borges
a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppe gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“
Das Kunstmuseum Villa Zanders in der KunstArztPraxis:
Papiertiger aus Acryl. Eckart Hahn in der Villa Zanders
Traum hinter Geste: Ruth Marten in der Villa Zanders
Mehr Babel war nie! Jenny Michel in Bergisch Gladbach (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Wie sagen wir’s den Bienen? “HONIG” in der Villa Zanders (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
In Brüchen denken: “Martin Noël – Otto Freundlich” (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
33 Malantworten: Rolf Rose in der Villa Zanders
Mechtild Frisch: Aufschein im Verschwinden (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Katharina Hinsberg: Making-of “Linie im Raum” (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Reine Bildgebung (8): “Still Lines” in der Villa Zanders (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Schönheits-OPs (3): Kunstmuseum Villa Zanders
Intuition statt Kochbuch. Ein Editionsgedicht
“Bibliomania” in Bergisch Gladbach: Buch als Körper (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Hede Bühl: Mit Strichen modellieren (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)


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