Alle Naslang verändern die Ständigen Sammlungen der Museen ihr Gesicht. Die KunstArztPraxis porträtiert und bewertet die ästhetischen Eingriffe in loser Folge. Heute dreht sich alles um das Kunstmuseum Villa Zanders, wo Falten und Schönheit kein Widerspruch sind. Im Gegenteil.

Schönheitschirurgen müssen jetzt ganz stark sein, denn Straffungen und Glättungen können sie im Kunstmuseum Villa Zanders grundsätzlich knicken. Im Gegenteil setzt das Haus bewusst auf Falten und zerknitterte Physiognomien. Sogar Altersflecken, Abschürfungen oder offene Wunden werden toleriert. Klingt furchtbar, oder?

Hat aber seinen guten Grund. Denn bei der ständigen Sammlung des Hauses in der „Papierstadt Bergisch Gladbach“ geht es traditionell fast ausschließlich um – genau: Kunst aus Papier. Also ums Knicken, Reißen, Schaben, Ritzen und Zermahlen, Perforieren und Zerschneiden.

Sprich: um so ziemlich alles, was Narben hinterlässt. Oft unter Einsatz von Skalpellen.

Altersloses Knitterwerk: Axel Müllers „o.T.“ (um 1996) aus Schuhverpackungsseidenpapieren

Trotzdem auch hier unsere Wertung nach den für Schönheits-OPs im Kunstbereich gängigen Kriterien:

Lifting: Natürlich darf Anti-Aging auch bei Papierkunst kein Tabuthema sein! Und tatsächlich hat sich die Villa Zanders mit „Neu aufgestellt“ irgendwie dann doch eine Frischzellenkur verschrieben. Über ein Drittel der Exponate sind zum ersten Mal zu sehen, darunter großartige Arbeiten von Siegfried Cremer, Petra Paffenholz oder Axel Vater.

Besonders stolz ist das Haus auf Reiner Ruthenbecks „Weißen Papierhaufen“ (1978/79), der für die Laufzeit der Ausstellung nach den Vorgaben des Konzeptkünstlers aus 600 speziell zusammengeknüllten Blättern à 50 x 50 Zentimetern neu aufgetürmt worden ist. Ruthenbeck gilt als der Erste, der Papier auf eine Stufe mit klassischen Bildhauermaterialien wie Marmor oder Bronze stellte, und das merkt man dem geklonten Haufen an: wirkt wie neu.

Wegen der Unsichtbarkeits-Maschine können wir das Werk hier leider nicht zeigen. Zeigen wir also Erik de Brees wundervoll weiche, mit Sprühfarbe und Tusche verfeinerte Arbeit „Withdrawal Symptom #61“ (2020). Die hat es uns unter den Neuerwerbungen ohnehin besonders angetan. Vielleicht, weil hier die zarte Haut des Papiers eine wichtige Rolle spielt?

Erik de Bree, „Withdrawal Symptom #61“ (2019), Kunstmuseum Villa Zanders, 2021

Vergrößerungen / Verkleinerungen: In diesem Punkt müssen wir salomonisch sagen: sowohl als auch. Oder, präziser: 2020 erstmal Vergrößerung, 2021 dann wieder Verkleinerung. Hat aber nichts mit zurückgenommenen Kunstfehlern zu tun, sondern mit Corona: Weil sich der Zeitplan für die geplanten Wechselausstellungen im letzten Jahr pandemiebedingt verschob, konnte sich „Neu aufgestellt“ mit 64 Positionen zunächst auf zwei Etagen austoben.

Inzwischen hat sich die Sammlungspräsentation wieder in den ihr angestammten zweiten Villenstock zurückgezogen. 63 Werke sind es aber immer noch.

Plastische Modellierung: Von der Wand her gedacht ist „Neu aufgestellt“ dort mit Bezügen am deutlichsten ausmodelliert, wo zur Petersburger Hängung gegriffen wurde. Positiv fällt auf, dass klassische Leerräume (Böden) mitbefüllt sind (Skulptur). Und das Konvolut der 32 Folianten von Hanne Darbovens Mammutprojekt „Schreibzeit, 1975-1999“ wird selbst inszeniert als eine Art raumgreifendes Environment (leider auch hier: Unsichtbarkeits-Maschine).

2020 war die plastische Modellierung allerdings doch noch etwas ausgereifter. Das lag vor allem an Tina Haases „Schnupfenstuck“, der die Originalverzierung an der Villendecke spiegelgleich mit seiner Nachformung konfrontierte. Als Ersatz gibt’s von Tina Haase im zweiten Stock jetzt eine bezaubernde Puzzleteile-Skulptur.

Tina Haase, „Schnupfenstuck“ (2019), Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2020

Narben / Einschnitte: Ja: „Neu aufgestellt“ hat sich räumlich verkleinert. Aber trotzdem ist das, was am Anfang da war, zum Gutteil immer noch da. Beziehungsweise gegen anderes ausgetauscht. Deshalb: kaum Narben. Kaum Einschnitte. Außer den schon erwähnten. Und den gewollten auf Papier.

Implantate: In diesem Punkt hat die Villa Zanders alles richtig gemacht. Denn sie folgt der Standardempfehlung der plastischen Schönheitschirurgie: Aus Harmoniegründen möglichst immer zwei Implantate! So sind neben der Ständigen Sammlung nun auch die Ausstellungen „Imago – Arbeiten auf Papier“ der Düsseldorfer Bildhauerin Hede Bühl und „Leere Kisten als plastisches Thema bei Joseph Beuys“ neu beziehungsweise brandneu aufgestellt.

Und da schließt sich schönheitsplastisch der Kreis. Denn:

„Was ich praktiziere, ist ohne weiteres
auf die Welt der Medizin zu übertragen“

Joseph Beuys

gez. KunstArztPraxis (13.05.2021)

Wie Beuys und Bühl, so ist auch „Neu aufgestellt. Neuerwerbungen, Schenkungen, Dauerleihgaben und mehr“ noch bis zum 8. August 2021 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen. Danach bekommt die Ständige Sammlung ihr nächstes neues Gesicht.

Schönheits-OPs (1): das Kunstmuseum Bonn (KunstArztPraxis)
Schönheits-OPs (2): das Kölner Kolumba
Homepage des Kunstmuseums Villa Zanders

Schönheits-OPs (3): Kunstmuseum Villa Zanders

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.