In Kevelaer, für kurze Zeit: Last Exit Erwin Hapke
Es ist vorbei, unwiederbringlich: Das Werk von Erwin Hapke wird verbrannt. Aber vorher ist das, was noch übrig ist, für ein paar Wochenenden öffentlich zu sehen: In Kevelaer, genauer: im Haus Te Gesselen, dem ältesten Wohnhaus von NRW. Für uns das schönste temporäre Museum der Welt.
Wir haben Erwin Hapkes Werk schon einmal sterben sehen. Im Sommer 2021 war das, vor fast fünf Jahren, fünf Jahre nach Erwin Hapkes Tod, in seinem Elternhaus in Fröndenberg. Da wurde es vertrieben, in Einzelteile zerrissen und in Kartons verpackt. Aus guten Gründen. Leider.
Wie sollen wir das nennen? Das Ganze hörte einfach auf zu atmen. Endgültig, für uns, im Grunde. Dabei war es so einmalig gewesen, dass einem jedes Mal beim Eintritt der Atem stockte.

35 Jahre hatte der promovierte Biologe dieses Elternhaus nicht mehr verlassen. Um alle Wände und Tische, Stühle und Regale mit einer zweiten Haut aus Insekten, Rindern, Hexen, Akrobaten, Flüchtlingsgruppen und erinnerten Architekturen zu überziehen. Gefaltet aus Papier & Blech.
Wie ist die Fülle erklärbar?
35 Jahre lang gefaltet, tagaus, tagein. Vom frühen Morgen bis in die Abendstunden, so denken wir uns das: Nur so ist diese unfassbare Fülle in unseren Augen erklärbar. Jeden Tag gespielt, bis ihn der Tod schließlich abholte.
Und das Ticken der Zeit auf diese künstlerisch konzeptuelle Art & Weise zum Stillstand gebracht.
Foto oben: Erwin Hapke, „Nietzsche-Zimmer“ (Detail),
Fröndenberg 2023
Wir waren die ersten Fremden, die dieses Gesamtkunstwerk nach Erwin Hapkes Tod 2016 zu Gesicht bekamen.
Mehrere Millionen Menschen auf aller Welt nahmen über unsere Fotos und unsere Multimedia-Reportage im WDR damals Anteil – teils wegen der skurrilen Geschichte, zum Teil aber sicher auch wegen dieses grandiosen Werks. So hoffen wir uns das.
Die Zeit tickt wieder!
Mit Erwin Hapkes Tod jedenfalls zog die Zeit tickend wieder ein ins Haus in Fröndenberg, das Erwin Hapke gern als Museum erhalten gewusst hätte: Und diese Zeit galoppierte den Erben, der Schwester, dem Neffen, schließlich davon.

Foto oben: Erwin Hapke, „Insektenzimmer“ (Detail),
Fröndenberg 2023

Außer einem Fähnlein Aufrechter interessierte sich über Jahre fürs Gesamtkunstwerk ernsthaft niemand mehr.
Die fünf Minuten Ruhm waren vorüber.
Nein: eigentlich keiner
Auch nicht, trotz kurzzeitig anderer Signale, trotz Ausstellungen in Zürich, in Nürnberg oder, schon einmal früher, in Kevelaer, die Stadt.
2021 also wurde das Gesamtkunstwerk vernichtet. Wir waren dabei, wir haben zugesehen. Mit Hand anlegen konnten wir nicht. Seitdem gibt es das Haus nurmehr virtuell exklusiv in der KunstArztPraxis. Ein schwacher Trost.
Nein: eigentlich keiner.
Foto oben: Erwin Hapke in der Ausstellung „Geordnete Verhältnisse“,
Kunsthalle Nürnberg, 2022

Die Kartons wanderten in die Scheune von Haus Te Gesselen bei Kevelaer, um vielleicht irgendwann irgendwo anders wieder unterzukommen. Die Hoffnung, die zuletzt stirbt, blieb. Damals war es aber schon vorbei, im Grunde wussten wir das.
Trotzdem haben wir es erst richtig begriffen, als sich die Deckel der Kartons im April 2026 in dieser Scheune für uns hoben. Als wir sahen, was alles im Einzelnen noch weiter zerstört worden war allein durch die Jahre. Mit seinen üblen Gehilfen, der Zeit und der Schwerkraft, hatte der Tod auch hier ganze Arbeit geleistet.
Vor allem die filigranen Architekturen hatten die abgesunkenen Deckel der Umzugskartons erdrückt.

Foto oben: Zerdrückte Architekturen Erwin Hapkes,
Haus Te Gesselen, Kevelaer 2026

Kuratorischer Akt der Befreiung
Was rudimentär überlebt hat, das ist nun im grandiosen Dachstuhl des Hauses Te Gesselen zu sehen, noch einmal fünf Jahre später, also zehn nach Erwin Hapkes Tod.
In einem kuratorischen Akt der Befreiung ist dieses Rudimentäre aus den Kartons gekrochen. Es hat die Nischen besiedelt, ist über die Firstbalken in schwindelerregende Höhe bis zu den Sparren hochgeklettert, hat den herrlich groben Holzboden besetzt.
Dort steht es trotzig im Verbund mit den Figuren aus Blech, die so leicht wie die Papierfaltungen von Zeit und Schwerkraft nicht totzukriegen sind.
In unseren nostalgiebetrübten Augen wirkt das fast so, als hätten diese Überlebenden des großen Ganzen hier noch einmal eine temporäre Heimat gefunden.
Als würde die Schönheit des Einzelwesens, die in der seriellen Menge des Gesamtkunstwerks bisweilen unterging, sogar neu erstrahlen. Ein gutes zweites Ende für etwas, das vor fünf Jahren schon gestorben war.
Eine Vertrautheit ist geblieben
Das atmet auch. Aber es atmet anders. Wie beim Wiedersehen mit alten Freunden, die man aus den Augen verlor und von denen man jetzt denkt, wie sehr sie sich verändert haben.

Aber eine gewisse Vertrautheit ist trotz allem geblieben. Und dann war es natürlich auch schön & überraschend zu sehen, wie viel KunstArztPraxis in die Ausstellung mit eingeflossen ist.*
*nein, nein, davon hatten wir wirklich nichts gewußt. Danke also,
Kurator Matthias David! Das war eine schöne Überraschung.


Da sind wir raus
Ach, übrigens: In der Abenddämmerung der Sonntage will man das, was von Hapkes Papierwerk übrigblieb, aber nicht mehr „brauchbar“ ist, den Flammen übergeben.
Als Performance ist dies sicher würdevoller als der posthume Verfall in Kartons. Und wohl auch psychologisch ein guter Abschluss: Wir haben die Familie unter dem Druck des Museums-Wunsches seines Schöpfers beinah zusammenbrechen sehen.
Aber da sind wir raus, für uns ist das zu hart. Das sollen andere dokumentieren, die eventversessener sind. Das Kultur-Fernsehen zum Beispiel, das sich schon angekündigt hat.
Wir bleiben dem Spektakel fern und trauern. Einmal mehr. Vielleicht zum letzten Mal. (16.05.2025)
Erwin Hapke ist neben heute und morgen noch am 23., 24. und 31. Mai sowie am 7. und 14. Juni im Dachstuhl von Haus te Gesselen in Kevelaer zu sehen: dem, man kann es gar nicht häufig genug betonen, für uns wohl schönsten temporären Museum der Welt. Darunter gibt es das Frühwerk von Thomas Baumgärtel. Aber das ist, bei allen Verdiensten seines Schöpfers, in unseren Augen, eher Banane.



Ach ja: Wir haben ein Buch über das Falt-Haus Erwin Hapkes gemacht, als es noch stand. Kostenpunkt: 38 Euro.
Beim Kettler-Verlag ist das Buch schon lange ausverkauft. Wer trotzdem noch ein Exemplar ergattern möchte, der erwerbe es sehr gerne per Online-Bestellung über diesen Link.
Oder direkt vor Ort in Kevelaer. Im schönsten temporären Museums-Shop der Welt.
Zu guter Letzt: Unser Kunstprojekt zur Räumung des Gesamtkunstwerks von Erwin Hapke 2021. Objekte Erwin Hapkes, gesehen durch Erwin Hapkes Polaroid-Kamera. Und eben mit dem Blick von KunstArzt1. Voilà:
Erwin Hapke in der KunstArztPraxis:
360°-Rekonstruktion: Ein neues Haus für Erwin Hapke
Exklusiv, als Vorabdruck: „Honig“ aus „Hapke“
Erwin Hapke: Das Ende eines Gesamtkunstwerks
Erwin Hapke: Welten falten
Erwin Hapke, Welten-Falter – ungefaltet!
Endlich im Licht! Hapke & Henschel in Kevelaer
Betriebsausflüge (2): “Geordnete Verhältnisse”
Woher kennen Sie Erwin Hapke, Mr. Brainwash?


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