Wir sind aufgeregt: Wenn alles gutgeht, öffnen ab Dienstag (09.03.2021) sukzessive die Museen NRWs wieder – wenn auch, natürlich, unter Auflagen. Stellt sich die Frage: Wo zuerst hingehen? Unser Tipp: zur großartigen Alicja Kwade in der Langen Foundation nach Neuss!

Alicja Kwade ist eine der gefragtesten Künstlerinnen der Welt – und das, wie wir finden, völlig zu Recht. Der anschauliche Beweis findet sich für glückliche Zeitticket-Besitzer jetzt wieder in der Langen Foundation auf dem Gelände der ehemaligen NATO-Raketenstation bei Neuss.

Hier hat die 1979 in Kattowitz geborene Berliner Bildhauerin und Installationskünstlerin einen ganz eigenen Kosmos errichtet, der wundervoll mit der Architektur des Museums korrespondiert. Kunst in perfekter Schwebe.

„Ich sehe die Realität nicht
als etwas Absolutes, sondern als
eine Möglichkeit von vielen.“

Alicja Kwade

In ihren Werken spielt Kwade mit den Möglichkeiten einer Realität, die auch eine ganz andere sein könnte. Da ist alles kurz vorm Kippen. Zurück in die alte oder eben in eine neue Wirklichkeit. Und das macht Kwade so hervorragend, dass uns beim Besuch ein ums andere Mal fast der Atem stockte.

In der Langen Foundation wird Kwades philosophischer Grundgedanke schon im Spiegelteich beim Eingang des Geländes sinnfällig gemacht: Dort hängen Steine in einem Metallgerüst, als hätten sie kein Gewicht.

Das war im Vorfeld, beim Aufbau, wie man uns sagte, ein schweißtreibender Kraftakt. Jetzt wirkt die Skulptur in ihrer austarierten Balance poetisch federleicht und schwerelos,

Von unten Schöpfung, von oben Zerfall

Die Skulptur am Eingang denkt eine Arbeit Kwades weiter, die 2019 fsechs Monate auf dem Dach des New Yorker Metropolitan Museums stand – nur, dass hier Kugeln wie Planeten in ihren stählernen Sphären schwebten. In Neuss tauchen Kugeln auf der großen Freitreppe des Museums wieder auf. Wenn man von unten kommt, scheint hier etwas Neues zu entstehen. Wer von oben hinabschreitet, sieht eher Zerfall.

Die Bewegung des Betrachters gehört bei Alicja Kwade zu diesem seltsamen Zustand der Schwebe unbedingt dazu. Ihre Skulpturen verändern sich, ja: sie entstehen erst durch den Gang des Betrachters.

Oft setzt sich dabei ein Ding mit der Realität eines anderen Dings bei jedem Schritt zu einem neuen, aus „Sein“ und „Schein“ bestehenden Objekt zusammen. (Halbdurchlässige) Spiegel spielen dabei eine große Rolle.

Alicja Kwade. Kausalkonsequenz, Langen Foundation, Neuss 2020; Foto: Thomas Köster
„Kausalkonsequenz“, Installationsansicht, Langen Foundation 2020

„Kausalkonsequenz“ hat Kwade ihre Ausstellung genannt, die rund 40 Skulpturen der letzten zehn Jahre präsentiert. Konsequent ist dabei vor allem, wie stark sich die Kausalität, also die logische Abfolge der Impressionen, erst beim Durchschreiten und Betrachten ergibt. Drinnen wie draußen.

Ein Baum ist ein Baum ist ein Stuhl

Das hat viel mit Zeit zu tun. Und mit der Veränderung von Welt – und von uns selbst – in dieser Zeit. Wer unter der fast schon bedrohlich tief pendelnden Uhr von „Die bewegte Leere des Moments“ (2015/2016) hindurchgeht, spürt das buchstäblich am eigenen Leib.

Und bei „88 Seconds“ (2017) sind verschiedene Möglichkeiten einer chronologischen Abfolge eingefroren: Wir sehen das Abbild eines silbernen Reifens in verschiedenen Stadien seines Falls. Vielleicht zeigt uns die Skulptur aber nur das, was wir beim Trudeln eines Reifens dank unserer trägen Wahrnehmung zu sehen glauben.

Alicja Kwade. Kausalkonsequenz, Langen Foundation, Neuss 2020; Foto: Thomas Köster
Alicja Kwade, „Die bewegte Leere des Moments“ (2015/2016), Langen Foundation 2021

Ohnehin sind Kausalitäten nur durch Konventionen – oder eben durch künstlerische Freiheit – gemacht. In diesem Sinn ist ein Baum bei Kwade auch schon ein Stuhl oder ein Ast vielleicht schon ein Buch. Auch diese Kipp-Ideen von Seinszuständen präsentiert die Schau.

Und macht das auf eine so sinnliche Art und Weise, dass man sich die Installationen auch ohne großes Vorwissen in hinlänglichem Maß selbst erschließen kann. Bei zeitgenössischer Kunst ja keine Selbstverständlichkeit.

Innen und Außen verbinden

Dabei schafft Kwade Bezüge zur grandios meditativen Architektur des japanischen Pritzker-Preisträgers Tadao Ando, die ihre Werke fast so erscheinen lassen, als wären sie für die Langen Foundation geschaffen worden. Weil alles so zauberhaft zusammenpasst.

„Dieses Gebäude verbindet Außen und Innen“, sagt Alicja Kwade dem entsprechend. „Um da eine zusätzliche Qualität reinzubringen, wollte ich nicht dagegen arbeiten. Ich wollte mit diesem Flow arbeiten und der Geometrie und Bewegung dieses Raumes noch eine Inhaltlichkeit hinzufügen.“ Und das ist ihr grandios gelungen.

Alicja Kwade. Kausalkonsequenz, Langen Foundation, Neuss 2020; Foto: Thomas Köster
Alicja Kwade, Detail aus „88 Seconds“ (2017), Langen Foundation 2021

So archaisch die kraftvollen Arbeiten Kwades zum Teil auch wirken mögen, so sind sie doch ein Kommentar auch zur digitalen Wirklichkeit. „Die Welt bewegt sich dahin, dass man durch Informationen Materialität virtuell ersetzen kann“, sagt Kwade. „Mich interessiert, ob die Information von Etwas noch genauso viel ist, wie das Etwas selbst?“ Sprich: Ist ein Objekt mehr als das, was wir über es wissen oder an Daten sammeln können?

Wann ist ein Stein ein Stein?

Um zur Essenz der Dinge zu gelangen, lässt Kwade das Material, mit dem sie arbeitet, auch wissenschaftlich untersuchen. Was macht den Stein zum Stein? Was macht den Baum zum Baum? Hat jedes Ding seine eigene Qualität, eine Essenz? Oder ist Etwas nur Etwas, weil wir es als Etwas zu erkennen glauben, mit einem Wort benennen?

Ein wenig ist das so wie beim Surrealisten René Magritte, dessen wohl berühmtestes Bild mit dem Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“ Alicja Kwade in einer Arbeit von 2019 mit einem schier bis ins Unendliche gespiegelten Titel zitiert.

Bei Kwade ist es nicht einmal das Bild einer Pfeife wie bei Magritte, sondern ein Bild, das Magrittes Bild einer Pfeife imaginiert.

Alicja Kwade. Kausalkonsequenz, Langen Foundation, Neuss 2020; Foto: Thomas Köster
Alicja Kwade, „cecin’estpasunepipececin’estpasunepipececin’estpasunepipe“ (2019)

Die geschaffte Holzpalette

Zum eigenwilligen Schwebezustand der „Kausalkonsequenz“ gehört deshalb auch, dass man seinen Augen, seinem Wissen und den vorgefertigten Meinungen vom Seinszustand der Welt nicht trauen sollte. Denn es kann sein, dass das, was vermeintlich Rinde ist, aus Stein besteht, der nach dem Modell eines eingescannten Baums modelliert worden ist.

Und manchmal bekommen die Dinge – wie bei einer scheinbar vom Aufbau der Mammutausstellung erschöpften Holzpalette in „Used and Tired“ von  2012 – sogar eine fast schon menschliche Seele.

Eine Arbeit sei immer eine Art autonomes Wesen, die im Betrachter emotional etwas auslösen müsse, sagt Kwade: „Entweder ein Verärgern oder Anekeln oder ein Erfreuen oder ein Berühren.“ In Kwades Neusser Schau ist auf jeden Fall eher Erfreuen und Berühren angesagt.

Verbunden mit dem Angebot, die Perspektive auf die Welt zu wechseln. (08.03.2021)

„Alicja Kwade. Kausalkonsequenz“ ist noch bis zum 8. August 2021 in der Langen Foundation in Neuss zu sehen. Während des gelockerten Lockdowns braucht man allerdings ein Online-Ticket, um reinzukommen.

Alicja Kwade. Kausalkonsequenz, Langen Foundation, Neuss 2020; Foto: Thomas Köster
Alicja Kwade, „Used and Tired“ (2012), Langen Foundation 2021

Alicja Kwades „Kausalkonsequenz“ in der Langen Foundation
Homepage von Alicja Kwade

Alicja Kwade: In der Schwebe

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