Jetzt hat der documenta 15-Spuk endlich ein Ende! Oder war es doch der große Wurf? Um das herauszufinden, haben wir eine Handvoll VertretungsÄrzte nach Kassel geschickt und lassen sie jetzt mit einer Stimme reden. Was sagt das KunstArztPraxis-Kollektiv zur Kollektiv-Idee der documenta-Kunst?

Wie Jeder weiß, stehen wir Drei von der KunstArztPraxis Kollektiven grundsätzlich skeptisch gegenüber. Zu oft versinkt Geniales dort im Mittelmaß. Und eine Ansammlung von Mittelmäßigkeiten bringt ja nie Geniales hervor, sondern im Idealfall nur etwas, das in der Summe seiner Teile unterm Strich einen Ticken weniger mittelmäßig ist als diese Teile selbst. So denken wir uns das. Da sind wir vielleicht ein wenig arrogant.

Schwarmintelligenz wird ohnehin überschätzt. Ein mediokrer Hering, der im schlauen Heringsstrom untertaucht, verringert vielleicht tatsächlich die Wahrscheinlichkeit, vom hungrigen Dorsch gefressen zu werden. Vielleicht erhöht er sie aber auch. Irgendeiner wird statistisch halt gefressen. Nur hängt das nicht mehr von der individuellen Schläue ab, sondern vom kollektiv gelenkten Zufall.

Am Ende ist die Natur wieder im Gleichgewicht, niemand muss für das Geschehene Verantwortung übernehmen, und der verwirrte Dorsch zieht trotzdem satt von dannen.

Ein Schwarm aus Einzelnen: Kuratorenkollektiv „ruangrupa“. Foto: Jin Panji

Auf der vom indonesischen Künstler*innenkollektiv „ruangrupa“ unter Zuhilfenahme von 14 Unter-Kollektiven kuratierten documenta 15 war das mit der Schwarmintelligenz allerdings anders.

Dort konnten sich einzelne Einzelne nicht in der Masse wegducken, im Gegenteil: Dort fischte man, alarmiert durch eine ziemlich unverschämte, gastunfreundliche Eröffnungsrede des Bundespräsidenten, aus dem Meer der Bilder ein paar mehr oder weniger eindeutige antisemitische Stereotype. Und danach wollte die oft zu Unrecht als Meute diffamierte Presse als einheitlicher Gegenschwarm fast unisono gleich die ganze documenta fressen.

Und das mit teils sehr dummen, blindwütigen Argumenten.

Das Kollektiv als eingeschnappte Diva

So nahm man die rund 1.500 documenta Künstler*innen wegen dreier Fälle (davon zumindest einer krass) publizistisch und politisch in Sippenhaft. Eine zuvor hoffnungsvoll als kunstfreiheitsliebend eingestufte Kulturstaatsministerin forderte für die Zukunft mehr Einfluss für ihr Geld – als könne die Politik besser ausstellungsmachen als die Ausstellungsmacher und der Skandal der nächsten documenta wäre schon vorprogrammiert.

Und der Kollege einer anderen Partei forderte gleich den Neustart der documenta in einer anderen Stadt – als wäre der Ort für eine historisch gewachsene, ortsspezifische Kunstschau so austauschbar wie die populistischen Forderungen von Politikern.

HIER gehört die documenta hin! ruruHaus in Kassel. Foto: VertretungsKunstArtzt Philipp J. Bösel

Ein Königinnenkopf musste rollen, die Schreie nach Zensur wurden immer lauter, die Nerven lagen blank. Und „ruangrupa“ setzte dem eigenen Konzept zum Trotz nicht auf erklärenden Dialog, sondern verweigerte den nachkuratierenden Empfehlungen einer eilig einberaumten Expert*innengruppe („Nicht mehr zeigen!“ / „In den historischen Kontext einordnen!“) sogar die Gefolgschaft.

Da prallten wohl auch kuratorisch zwei Welten unvereinbar aufeinander.

Lieber gab das Kollektiv die eingeschnappte Diva, der man nicht vorzuschreiben habe, wie sie was bespiele. Was vielleicht auch daran lag, dass einige im „ruangrupa“-Team im diktatorischen Indonesien unter Suharto mit Zensur schon so ihre Erfahrung gemacht hatten. Und man der Gruppe vielleicht auch schon zu oft signalisiert hatte, nicht willkommen zu sein.

„Wir glauben, dass sich Kunst und Künstler nicht mehr nur mit sich selbst beschäftigen sollten.“

Ruangrupa

Da in unserer Brust drei Herzen für die Schwachen schlagen und wir ohnehin Sichtbarkeitspäpste sind, hat uns das ganze Verschleierungstheater rund um die documenta 15 sehr leid getan. Und das ihr zugrunde liegende, nach einer Reis-Scheune zur Sättigung aller Dorfbewohner „lumbung“ benannte Prinzip ist uns natürlich auch sympathisch!

Wir mögen auch den Versuch, die Kunst wieder dem Alltagsleben mit all seinen Ungerechtigkeiten, Arroganzen und Verlogenheiten zu öffnen. Auch davon haben die Gäste dieser documenta während ihrer 100 Tage Laufzeit ja so einiges abbekommen. Denn im Grunde wurden da ja (sicher wichtige) deutsche Befindlichkeiten über ihre Köpfe hinweg und komplett losgelöst von ihnen diskutiert.

Aus all diesen Gründen, denken wir, hat die documenta 15 nach ihrem Ende eine zweite diagnostische Chance in unserer KunstArztPraxis verdient. Denn eigentlich sollte die documenta ja eine Kunstschau der Kunstler*innen sein.

Sie blieben Stunden, blieben Tage

Weil wir aber wie gesagt grundsätzlich befangen sind, sind wir trotz anderslautender Ankündigungen doch nicht persönlich nach Kassel gefahren. Lieber haben wir eine Handvoll befreundeter, weniger verbohrter KunstArztPraxis-VertrauensÄrzte als Vertretung auf der documenta 15 ausschwärmen lassen. Sie blieben teils Stunden, teils mehrere Tage.

Unsere kollektive Leistung ist nur, ihre polyphonen Ansichten zu einer Stimme zusammengefasst zu haben.

Diskussions-Truck von Más Arte MásAcción (MAMA). Foto: VertretungsKunstArzt Philipp J. Bösel

Was die KunstArztPraxis-VertretungsÄrzte zur documenta 15 sagen:

Anders als im deutschen Blätterwald war die Stimmung auf der documenta 15 gut, teils ausgelassen. Es ließ sich erahnen, was für eine documenta das geworden wäre, wenn auch jene Künstler*innen geblieben wären, die im Zuge der Antisemitismus-Debatte schon frustriert nach Hause gefahren waren.

So oder so war die documenta proppenvoll. Allerdings verteilte sich die Menge seltsam: Vor Zentren wie dem Fredericianum bildeten sich lange Schlangen, aber in den – weniger reichhaltig als früher bespielten – Parks und Auen war es merkwürdig leer. Dabei gab es gerade hier Tolles zu entdecken: Wie die von Más Arte Más Acción im documenta-Gewächshaus aufgetürmten Baumstämme, die eine zentrale Botschaft der Schau – die Folgen der Umweltzerstörung und des Klimawandels – ebenso simpel wie eindrücklich auf den Punkt brachten.

Und die vom Nest Collective aus Nairobi gepressten Quader aus jenen Altkleidern, die wir normalerweise tonnenweise nach Afrika verschiffen, waren als Mahnmal gegen die ungerechte Globalisierung an der Karlsaue auch imposant platziert. Da waren aber an manchen Tagen Viele.

Más Arte Más Acción (MAMA) im Gewächshaus. Foto: VertretungsKunstArtzt Philipp J. Bösel

Wer Kunst im klassischen Sinn erwartet hatte, wurde enttäuscht. Jedoch gab es Ausnahmen.

Die textilen Wandbilder der Polin Malgorzata Mirga-Tas im ersten Stock des Fridericianums zum Beispiel. Die imposanten Gemälde des Aborigine-Künstlers Richard Bell. Oder die Arbeit von Hito Steyerl. Zumindest am Anfang. Denn die ja auch nicht immer einfache Künstlerin kam mit dem Kuratorenkollektiv – namentlich mit dessen Umgang mit den Antisemitismus-Vorwürfen – auch nicht so recht zurecht und brach ihre Zelte im Ottoneum schon im Juli ab.

Ihren grandiosen Film „Animal Spirits“ zeigte sie danach in einer Kasseler Videothek. Auch kein schlechter, da so mit Ironie aufgeladener Ort.

Skandalöses bei Taring Pari?

Wie an den anderen 31 Stationen der documenta, so gab es auch bei Taring Pari im Hallenbad Ost Antisemitismus-Jäger, die jedes Werk mit der Lupe auf Verdacht hin abklopften – teils, ohne richtig hinzusehen. Manche Zufallsdiskussion war daher nervig.

Die Wandteppiche des Kollektivs waren eher so lala, man fühlte sich an den Sozialistischen Realismus erinnert. Schon wieder so ein angestaubter Kollektivgedanke.

Zugang zu Taring Pari im Hallenbad Ost. Foto: VertretungsKunstArtzt Philipp J. Bösel

Positiv aufgenommen wurde der Versuch, in der Lumburg Gallery dem ökonomischen Wahnsinn des westlichen Kunstmarkts entgegenzusteuern: Dort gab es bezahlbare Werke, deren Preise nach einem demokratischen Prinzip ermittelt worden waren. Die Erlöse wanderten zu 70 Prozent in die Taschen der Schöpfer*innen und zu 30 Prozent in kollektive Töpfe.

Wir haben trotzdem nichts gekauft. Und auch bei Lumbung Press in der documenta-Halle kein Flugblatt drucken lassen.

Insgesamt war das keine documenta für eine Nacht. Sie wollte erobert werden! Einen richtigen Zugang bekam nur, wer mehrere Tage blieb und an Workshops, den Führungen der 130 kunstvermittelnden „Sobats“ und den Filmpräsentationen ausgiebig teilnahm.

Auf der documenta 15 gab es viel zu lesen. Foto: VertretungsKunstArtzt Philipp J. Bösel

Für den Kurzbesuch war die documenta viel zu kopflastig. Aber es war auch durchaus Eingängiges, bisweilen sogar unkünstlerisch Wertvolles am Start. Zum Beispiel der großartige Komposttoiletten-Turm von Más Arte Más Accion. Davon haben wir aber leider kein Bild.

Der Charme des Kirchentags

Alles in Allem haben andere documenten mehr begeistert. Vieles war zu sehr Workshop und Prozess und zu wenig Ergebnis. Auch etwas zu viel Agitprop – und trotz der vielen (Wimmel-)Bilder zu viel Text und Storytelling. Bei den Längergebliebenen entstand der Eindruck eines fröhlichen, offenen und liebenswürdigen Happenings („vielleicht eher eine Art evangelischer Kirchentag aus besten Zeiten“).

Mit ihrem Fokus auf Nachhaltigkeit, Teilhabe, das Kollektive und der Entdeckung außereuropäischer Kontinente war die documenta 15 kein neues, wegweisendes Format, sondern eine Mainstream-Schau: Das macht im Augenblick im Kunstbereich doch Jede*r. Das war nicht schlecht, denn wir müssen ja die Welt retten! Aber doch bitte nicht mit Kunst.

Es war schön, bisweilen auch anregend, aber eine Dauerkarte brauchte es für diese documenta nicht. Es war ein Experiment, endlich mal wieder, man hätte auch mehrere Wochen bleiben können. Es war nicht mehr als eine Illustration von Themen, zu denen man im Politik-Teil der Zeitungen in Zukunft gerne viel mehr lesen würde. Im globalen Süden scheint die Kunst viel näher dran am Volk. Da könnten wir von lernen.

Es gab trotz aller Unkenrufe einiges Interessantes – und auch Schönes! – zu sehen. Ich freue mich schon auf die nächste documenta. (26.09.2022)

Anmerkung 1: Einen KunstArztPraxis-VertretungsArzt wollen wir dann doch noch aus der Masse der KunstArztPraxis-VertretungsÄrzte hervorheben, weil er der documenta 15 hier so schön bildgebend Sichtbarkeit verlieh – und überhaupt ein toller Fotograf ist: Philipp J. Bösel. 1984 hat er mit einem Kollegen die gesamte Berliner Mauer fotografisch vermessen – eine tollkühne kollektive Arbeit (wir berichteten). Vor allem aber hat er seit 1987 – also seit genau 35 Jahren – alle documenten in der ihm eigenen Art und Weise dokumentiert. Alles zu sehen auf seiner Seite. Nimm das, Unsichtbarkeits-Maschine!

Anmerkung 2: Ach, was soll’s: Tausend Dank nicht nur an Philipp, sondern auch an Zoë, Andreas, Tim, Marie, Lennart, Mattes, Harry, Phillip, Julia (ein Satz im Text ist auch von dir!) und Andrea E. (zugeschaltet per Kommentar zu unserem letzten documenta-Beitrag).

Fern-Diagnose: Die Wunde der documenta fifteen

Documenta 1987-2022 auf der Seite von Philipp J. Bösel
Homepage der documenta 15

Nah-Diagnose: So war die documenta 15 wirklich!

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