Weil wir ja Monster sind. Marianna Simnett in Brühl
Verführung & Zerstörung, Schönheit & Wahnsinn, Kontrolle & Ohnmacht: Das sind die Elemente, aus der Marianna Simnetts surreale Träume sind. Daraus ergibt sich im Max Ernst Museum ein phantastisches Abbild unserer realen Gegenwart. Weil wir ja Monster sind. Manche nach außen, manche nach innen.
Im Grunde ist es müßig zu erwähnen, aber: Auch wir KunstArztPraxis-Ärzte sind Monster! Das Böse schlummert träge in uns, jederzeit kann es erwachen. Es ist nicht einfach, es schläfrig zu halten: Die Welt um uns herum macht es uns ziemlich schwer.
Es tobt so viel Verrohung & Verblödung da draußen: Verrohung & Verblödung, die jene Werte überrollt, die uns seit Kindesbeinen heilig sind. Da könnte man schonmal unverzeihlich die Contenance verlieren – und ebendiese Werte selbst verraten.
Sogar bei Mordphantasien haben wir uns offen gestanden gegenseitig schon erwischt.

„Es gibt in der ganzen Natur keine Leidenschaft von so dämonischer Gewalt, wie sie ein Mensch empfindet, der schaudernd am Rande des Abgrunds steht und solcherart dann einen Sprung erwägt.“
E. A. Poe, „Der AlB der Perversheit“ (1845)
Zum Glück gibt es den Surrealismus. Er setzt seine Bilder unter anderem gegen jenen bösartigen Irrsinn, der gerade auch in Deutschland wieder um sich greift.
Dieses Heulen der Schlafschafe mit den Wölfen, diese Lust nicht nur am fremden, sondern auch am eigenen Untergang. Dieser Alb der Perversheit. Nur ohne Schaudern.*
*für die Epoche zeigte das 2024/2025 sehr schön die Ausstellung
„Aber hier leben? Nein Danke. Surrealismus & Faschismus“
im Lehnbachhaus in München. Das war toll.
Aber er hält auch uns aufrecht Schaudernden am Rande des Abgrunds den inneren Spiegel vor. Und bewahrt uns in unserer Ohnmacht vor Schlimmerem: dem Sprung.

Der Surrealismus bietet uns an, sich unseren bösen Phantasien zu stellen – und sie als das zu entlarven, was sie sind. Er konfrontiert uns mit unseren tiefsten Ängsten und niedersten Trieben – irgendwo zwischen Ekel, Schönheit und Humor.
Deshalb ist der Surrealismus unsere liebste Expositions-Therapie.
Die surreale Geisteshaltung
Wir wollen das mal die surrealistische Weltsicht nennen, die surreale Geisteshaltung. Denn für uns ist der Surrealismus keine Epoche der Kunstgeschichte: Für uns ist er ein Hebel, mit dem man den Verrohungen & Verblödungen der Gegenwart klug & heilsam begegnen kann.

Foto oben: Was könnte diese Pferdefuß-Reliquie anderes verbergen,
als ein Horn vom Huf des Bösen? Marianna Simnett, „Behuft“ (2025),
Max Ernst Museum, Brühl 2026
„Marianna Simnett. Headless“, Max Ernst Museum, Brühl 2026

Dass dem so ist, zeigt uns das Max Ernst Museum in Brühl in Ausstellungen immer wieder.
Diesmal mit der grandiosen Marianna Simnett: weil sie den Surrealismus des Namensgebers, des Schöpfers des Hausengels, der die Welt in der Manier eines Trumps oder Putins wutschnaubend niedertrampelt, – weil sie den ganzen Irrsinn da draußen schön, humorvoll & eklig weiterdenkt.
Was wir sehen
Wir sehen die Kronen dämonischer Göttinnen, die sich, aus goldenen Tierleibern zusammengeschustert, nach oben räkeln. Eine mittels Folterinstrument zum himmelschreienden Schweigen verdammte Bronzefrau.
Foto oben: Schweigen mit gespaltener Zunge. Marianna Simnett,
„Gescholten“ (2025), Max Ernst Museum, Brühl 2026

Reise durch die Fetisch-Unterwelt: Marianna Simnett, „Der abgetrennte Schwanz“ (2022), Max Ernst Museum, Brühl 2026
Wir sehen Mischwesen zwischen Schwein & Mensch, denen der Schwanz als missing link abhanden gekommen ist. Einen Schwan, der eine Hyäne vergewaltigt; und einen anderen, der, halb Menschenfleisch, halb Vogelfedern, einem Arm entspringt.
Wir sehen ein Einhorn mit menschlichen Innereien, das vom Leben ausgeweidet wurde wie unsere kühnsten Träume. Und wir sehen tote Tiere, die andere tote Tiere mit dem Auto so lange in Stop-Motion totfahren, bis sie verwesen.
Aber dieser ganze hybride Totentanz, dieser technoide Blutrausch, diese Monster auf vier Pfoten: Das sind doch alle wir! Oder könnten es zumindest sein. Im schlummernden Innern.

Foto oben: Lust oder Schmerz? Marianna Simnett. „Hyäne und Schwan
mitten im Geschlechtsakt“ (2019), Max Ernst Museum, Brühl 2026

Weil wir ja Monster sind
Ach ja: Wir sehen auch Gemälde, die Bilder aus Max Ernst doppelbödigem Collage-Roman „La femme 100 têtes“ von 1929 neu interpretieren, die tausend Köpfe der Hydra, das abgetrennte Haupt der Medusa: aus surrealer Geisteshaltung, als surrealistische Weltsicht.
Weil wir ja Monster sind.
Monster am Vorabend der Katastrophe. Am Abgrund stehend, mit der perversen Lust zum Sprung. Ob schaudernd oder nicht. Einmal mehr. (14.06.2026)

„Wir sind Monster.“
Marianna Simnett
„Marianna Simnett. Headless“ ist noch bis zum 5. Juli 2026 im Max Ernst Museum in Brühl zu sehen.
Anmerkung 1: Natürlich hätten wir auch gern Max Ernsts „Hausengel“ im Original gezeigt. Aber, leider, der geneigte Lesende wird es schon ahnen: Auch DARAUF hält die Unsichtbarkeits-Maschine ihre Krallen. (Wie soll man da nicht böse werden?)
Anmerkung 2: Ach ja: Für alle, die sich darüber echauffieren, dass wir oben neben der Verrohung nicht von Verdummung, sondern von Verblödung sprechen: Doch doch, da gibt es einen graduellen Unterschied. Wer zum Beispiel glaubt, die Regierung habe uns mit der Corona-Impfung Chips implantiert, Donald Trump sei der von Gott gesandter Erlöser oder Wladimir Putin dürfe aus Angst vor einer Nato-Osterweiterung in der Ukraine Zivilisten massakrieren, Kriegsgefangene foltern, Frauen vergewaltigen und Eltern ihre Kinder entreißen lassen – wer also am Abgrund steht und unbedingt springen – und uns alle mit hinabreißen – will: Der ist nicht dumm, der ist blöd. Und wer eine Partei wählt, die die Schulpflicht abzuschaffen gedenkt, der will, dass alle anderen genauso blöd werden sollen wie er selbst. Punkt. Ende. Aus.
„Hinsichtlich der Nato-Erweiterung haben wir keine Sorgen mit Blick auf die Sicherheit der Russischen Föderation.“
Wladimir Putin, 2004
Das Max Ernst Museum in der KunstArztPraxis:
Wer war Max Ernst? „Image“. Ein Steckbrief
Der Mann aus Gips. Alberto Giacometti (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Vom Teppich-Menschen: Nevin Aladağ (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Karin Kneffel: Surreale Gegenwart (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
“Surreale Tierwesen” in Brühl: Zoo mit Zerberbus
Sommerloch-Porträts 3: Robert Wilsons Mund
Sommerloch-Porträts 1: Tim Burtons Hand
Surrealist im Geiste. Robert Wilson


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