Ein Fest für Takako Saito (jetzt Tabrukokos)
Statt einer Trauerfeier wünschte sich die große Fluxus-Künstlerin Takako Saito (1929-2025) in einem ihrer Testamente nach ihrem Tod ein Fest. Dieses Fest haben ihr ihre Freunde nun im Kunstmuseum Bochum ausgerichtet. Es war einer Takako Saito würdig. Und einer Tabrukokos, wie sie jetzt heißt, auch.
Für Tabrukokos (2025-∞)
Im Februar mussten wir eine Freundin verbrennen, es ging nicht anders, sie war tot. Wir drückten einen gelben Buzzer, ein Metall-Schlund aus unfassbarer Hitze tat sich auf, und sie fuhr ein: So heißt das im Bestattungsdeutsch. Aber vorher legten wir noch spontan die Hände auf den Sarg. Die letzte Verbindung.
Das war im Krematorium auf dem Kölner Westfriedhof, und irgendwie finden wir es rührend, dass Takako Saito offenbar 30 Jahre früher am selben Ort etwas Ähnliches gemacht hat. Natürlich radikaler und geplant, und überaus poetisch: als Performance.
Sie war ja Künstlerin, nicht KunstArzt wie wir.
Zehennägel als Grabbeigabe
1995 war das, vor der Verbrennung des amerikanisch-kölschen Fluxus-Künstlers Al Hansen. Der hatte sich ein Happening gewünscht statt einer Trauerfeier.
Gerade hat die versammelte Gemeinde nach einer Blabla-Dada-Rede eigens verteilte Spucktüten aufgeblasen und unter lautem Getöse zum Platzen gebracht.
Danach hat sich ein junger Künstler die Socken ausgezogen und Zehennagel-Ränder als Grabbeigabe von seinen Füßen abgeschnitten.
Dann tritt Takako Saito an Al Hansens Sarg.

Zeichnung oben: Takako Saitos Aktion bei Al Hansens Beerdigung,
Köln 1995, in der Erinnerung des Takako-Freundes mit der Blätter-
Schnurrbart-Maske; © Johannes Stahl. Danke, Johannes Stahl!


Takako trägt ein weißes „Game T-Shirt“, auf dem sie Menschen während einer Performance in Venedig sechs Jahre zuvor mit dem Filzstift Punkte hatte verbinden und neben ihrer Linie signieren lassen.
Auch die Namen von Fluxus-Kolleg*innen wie Wolfgang Feelisch, Mieko Shiomi, Jon Hendricks, Yasunao Tone, Sarah Seagull, Gino di Maggio, Robin „Bluebeard“ Page oder Willem de Ridder sind darunter.
Foto oben: Dieses 1989 eingesetzte „Game-T-Shirt“ einer Aktion in Venedig
trug Takako Saito 1995 auf der Beerdigung von Al Hansen in Köln. Später
schenkte sie es dem Freund mit der Blätter-Schnurrbart-Maske.
In Kontakt mit den Freunden bringen
Mit diesem Game-T-Shirt reibt Takako Saito im Kölner Krematorium nun über die Sarg-Griffe, als wolle sie sie polieren. Und rüttelt dann plötzlich derart heftig am Korpus, wie man es der zierlichen Person gar nicht zugetraut hätte.
Das wissen wir von einem von Takakos Freunden, der damals dabei war: dem mit der Blätter-Schnurrbart-Maske.

Er habe geglaubt, Takako wolle sichergehen, dass Al Hansen wirklich gestorben sei, hat uns der Blätter-Schnurrbart-Masken-Freund nach dem Fest auf der Terrasse des Kunstmuseums Bochum verraten.
Erst viel später habe er von ihr erfahren, dass es ihr in Wirklichkeit darum gegangen sei, den Fluxus-Kollegen über die auf das T-Shirt geschriebenen Autogramme „noch einmal in Kontakt mit den Freunden zu bringen“.


Nach dem Tod noch einmal in Kontakt mit den Freund*innen bringen: Das wollte, in Takako Saitos Fall, auch das Fest auf der Dachterrasse des Kunstmuseums Bochum Ende Mai. Takakos Freude hatten es ihr ausgerichtet.
Die Künstlerin hatte es sich in einem ihrer Testamenten nicht ganz so, aber doch sehr ähnlich gewünscht. So hat es uns ein anderer Freund Takakos auf dem Fest erzählt: der mit der Uhren-Schnurrbart-Maske.
Foto oben: Von Takako Saito noch zu Lebzeiten gestaltete
Einladung zu ihrem Fest, nun schon Tabrukokos, Düsseldorf 2025

Bochum war dabei gleich mehrfach gut gewählt: Hier fand Ende der Siebzigerjahre Takako Saitos erste Performance statt; das Kunstmuseum widmete ihr 2023 mit „Pi-Pi- po, po – Ein Portrait von Takako“ eine große Retrospektive, in deren Folge es ein Buch-Performance-Kleid – und von uns ein Porträtfoto von Takako Saito in eben jenem Performance-Kleid – ankaufte.
Letzteres hielt die KunstArztPraxis ein paar Wochen am Leben. Danke, Kunstmuseum Bochum! Für beides.
Außerdem ist das Kunstmuseum Bochum eines der interessantesten Häuser, die wir in den letzten zehn Jahren kennenlernen durften.* Warum uns das bis zum Takako-Fest derart durch die Lappen ging, ist uns KOMPLETT schleierhaft.**
*dazu vielleicht später mehr.
**hierzu schweigen wir mal lieber.

TAFKATS ist jetzt Tabrukokos
„Make new creatures together“ lautete das Festtags-Motto – wobei neue Kreaturen bei Takako Saito immer zwischen den Menschen entstehen. In diesem Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Takako Saito da, wo sie jetzt ist, auch als andere Kreatur lebt, mit anderem Namen: als Tabrukokos nämlich!
Wir haben beim Freund mit der Uhren-Schnurrbart-Maske nachgefragt, was es damit auf sich hat. „Es gibt in der japan-buddhistischen Variante die Vorstellung, dass Personen postmortem einen neuen Namen bekommen (Kaimyō)“, hat er uns geschrieben. „Diesen hat Takako sich selbst gegeben. Darin verstecken sich einige Wörter: Ta ist die Referenz auf ihr altes Ich, koko heißt: hier.“
Mit „Tabrukokos“ war auch die Einladungskarte zum Fest für Takako Saito unterschrieben.



Was sollen wir sagen? Beim Takako-Fest gab es genug Möglichkeiten, gemeinsam neue Kreaturen zu erschaffen: zeichnerisch, sprachlich, bastelnd und in Takakos Aktionen – nicht zuletzt mit einem ihrer Schachspiele, die man im Gegensatz zum „White Chess“ der Fluxus-Kollegin Yoko Ono wirklich ganz traditionell spielen kann: sofern man über genügend räumliche Vorstellungskraft verfügt.
Ein japanischer Musiker brachte eines der von Takako Saito gebauten Instrumente – und mit ihm sogar eine der Museums-Skulpturen auf der Dachterrasse – zum Klingen. Dazu gab es neben einem Extra-Souvenir-Shop auch eine Ball-, eine Book Dress- sowie eine Silent-Music-Performance.
„Winner is probably the one who had the most fun.“
Takako Saito
Es funktioniert! Takako Saito, „Book Dress Performance“, Kunstmuseum Bochum, 2026
Und dabei zeigte sich ganz wunderbar: Im Unterschied zu den Re-Performances von Marina Abramovic funktionieren die von Takako Saito auch ohne Takako Saito. Weil sie sich dabei nie selbst ins Zentrum stellte, oder die starken Bilder. Auch nicht das Individuum, sondern das dialogische Prinzip*, die kommunikative Energie dazwischen: das You & Me.
*sorry, Martin Buber!
Geteilte Freude …
Deshalb fehlt dem Ganzen auch der Abramovicsche Schmerz: Im Zentrum steht der Spaß. Und den kann man teilen. Der kann auf Jedermann und Jederfrau überspringen. Danke nochmal auch für die derart doppelte Freude, Takako Saito!
Danke für die Freude auch an die Takako-Freunde! Impressionen vom Takako-Fest, Kunstmuseum Bochum, 2026
„Wir spielen, bis dass uns der Tod abholt.“ So lautet ein Satz des Dadaisten und Prä-Fluxus-Künstlers Kurt Schwitters, den wir zig-mal am Küchenschrank von Erwin Hapke zu lesen bekamen. Ein solcher Satz wäre mit Takako Saito nicht zu machen. Beziehungsweise nur als halbe Wahrheit!
„Ich spiele, bis dass mich der Tod abholt“, hätte sie wohl auch gesagt. Aber dann wäre sicher gekommen: „Und danach spiele ich mit dem Tod als Tabrukokos weiter.“
Und dann hätte sie vielleicht noch ergänzt: „Spielt ihr derweil mit meinem Totenhemd.“

„Ich glaube, ich werde alt.“
Takako Saito, 2025


Ach ja: Tage nach dem Fest sind wir an Takako Saitos Grab gewesen. Sie hat sich verbrennen lassen, wie das bei Fluxus-Künstler*innen und ihren besten Freund*innen offenbar so Usus ist. Takakos Urne liegt unter dem Baum eines Friedwalds bei Düsseldorf, teils in japanischer Erde: Der Bruder hatte sie aus der Heimat mitgebracht.
Zehn Freund*innen seien auf der Beerdigung gewesen, sagte uns der Freund mit der Blätter-Schnurrbart-Maske: der kleinste Kreis. Eine Zeremonie habe es auf Takakos Wunsch hin nicht gegeben: keine Blabla-Dada-Rede, keine schallende Spucktüten-Performance wie bei Al Hansen.
Aber es gab Silent Music, der Bescheidenheit einer Takako Saito angemessen. Ihrer leisen Poesie.
Foto oben: „Silent Music Performance“ während des Takako-Fests,
Kunstmuseum Bochum, 2026
Auch eine Erinnerungsstätte habe Takako nicht gewollt, sagte der Freund mit der Blätter-Schnurrbart-Maske. Wir denken uns, sie wollte allein durch ihre Kunst im Gedächtnis bleiben.
Das wäre dann die Aufgabe für die Nachwelt, Takako Saitos Hausaufgabe. Das Spiel von uns allen.


Es hat übrigens eine Weile gedauert, bis wir Takako Saitos Baum – eine Buche – gefunden hatten. Es ist ein Gemeinschaftsbaum, die Künstlerin ruht nicht allein. Me & You, Asche zu Asche, Punkt zu Punkt. Letzte Verbindungen schaffen, über den Tod hinaus.
Auch zu Unbekannten, natürlich! Körper-Elemente, die sich unterirdisch treffen: neue Kreaturen im Wurzelwerk des Waldes. Tabrukokos wird das gefallen. Wo immer sie auch ist.
Ach ja: Wir hatten die Federn von Pusteblumen im Gepäck, die wir nach der Verbrennung der Freundin vorm Krematorium auf dem Westfriedhof in Köln gesammelt hatten. Wir ließen sie frei und sahen den stillen Tönen eine Weile beim Niederschweben zu.
„Ich weiß nicht, nicht so einfach.“
Takako Saitos Lieblingssatz
Unsere letzte Verbindung zu Takako Saito? Unsere erste zu Tabrukokos? So irgendwie dazwischen vielleicht.
Es müssen Geheimnisse bleiben
Und huch: Takako Saitos Lebensdaten auf dem Schild an der Buche sind falsch! Demnach wäre sie noch einen Monat kürzer Tabrukokos gewesen & wir hätten einen Monat zu früh einen Nachruf geschrieben! Und einen Monat später geboren worden wäre sie auch.
Wir wissen nicht warum, es ist nicht so einfach. Wir haben bei den Takako-Freund*innen aber auch nicht nachgefragt. Weder bei dem mit dem Schnurrbart-Blatt noch bei dem mit der Schnurrbart-Uhr noch bei irgendeinem oder irgendeiner anderen. Ist ohnehin ganz unser Humor.
Und: Es müssen ja auch noch Geheimnisse bleiben. (21.06.2026)

Letzte Anmerkung zum Fest: Sogar René Block war da. Schön.
Fluxus & friends in der KunstArztPraxis:
Schach in der Mausefalle: Zum Tod von Takako Saito
Zum Geburtstag: 90 neue Grapefruits für Yoko Ono
Kunst entsteht im Kopf, wie Liebe! Yoko Ono im K20
Pro & Contra Yayoi Kusama 1: Die Punkte nerven!
Mary Bauermeister: Begräbnis mit Feldsalat
Ebenen gewechselt. Zum Tod von Mary Bauermeister (Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Mary Bauermeister: Die Auferstehung von Oberagger (Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Mary Bauermeister: Abschied vom Märchenreich (Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Im Märchenreich: Zu Gast bei Mary Bauermeister (Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)


Kommentare
Ein Fest für Takako Saito (jetzt Tabrukokos) — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>