Der Mann ohne Goldhelm. Rembrandt zum Geburtstag
Am 15. Juli 2026 wird Rembrandt Harmenszoon van Rijn 420 Jahre alt. Wir feiern den Geburtstag mit der Kindheits-Erinnerung an den berühmtesten aller Rembrandts, der am Ende gar keiner war. Und schildern, was wir dem letztendlich heilsamen Schock mit dem „Mann mit dem Goldhelm“ verdanken.
Für Rembrandts Mann mit dem Goldhelm (um 1650/1655-1986)
Neben Jan Vermeers „Herr und Dame beim Wein“ war auch „Der Mann mit dem Goldhelm“ von Rembrandt Teil des Dekors unserer Kindheit. Schummrig ausgeleuchtet, hing er bei einem Klassenkameraden im Wohnungsflur.
Eigentlich war es ein Goldhelm mit Mann, beziehungsweise nur ein Helm, der offenbar als Tarnkappe fungierte:
Der sehr dunkle Mann war im Kontrast zu seinem grellem Schutzschmuck in diesem Ambiente nahezu unsichtbar.

Foto oben: Sofa und Tapete haben seit den 1960er Jahren mehrfach gewechselt.
Der falsche Vermeer – hier: 1970er Jahre – hängt immer noch im Sauerland.

Der Rembrandt passte perfekt hinein
Der Flur war ein Schlauch. Den Boden versank in einem Meer fein bemusterter, beige befranster, dunkelroter Läufer.
Die Wände waren mit dunkelbraunen Tapeten-Ornamenten verkleidet, die Decke mit dunkelbraunen Brettern aus Energiespargründen abgehängt.

Wir erinnern uns noch lebhaft an ein Telefon, das bis auf die Wählscheibe in einer barock bestickten Brokathülle steckte.
Es thronte auf einem Adress-Register. Drückte man auf Buchstaben-Knöpfe, dann schnellte die entsprechende Seite mit Telefonnummern heraus.
Alles in allem war das ein Interieur, das im Drogenrausch vermutlich Horrortrips produziert.
Der Rembrandt passte perfekt hinein.
Foto oben: Eines echten Rembrandts würdig – auch wenn der Brokat
aus Plastik war: Barocke Telefonhaube „SIEMENS POST FETP 611-2“
für Fernsprechtischapparat „FETAP 611-2“ im Sauerland (Symbolbild, ohne Adress-Register)

Einmal in Jahr lud uns der Klassenkamerad zum Geburtstag ein. Nach der Kuchenschlacht knubbelten wir uns in freudiger Erregung an einem Ende des psychodelischen Wohnungsflurs.
Am anderen Ende nahm der Vater den Rembrandt unter unseren Blicken vorsichtig von der Wand, stellte ihn auf den Boden und hängte statt seiner eine Zielscheibe an den Haken.
Es war eine jener Scheiben, an denen die Mitglieder Sauerländer Schießvereine fürs Schützenfest den montäglichen Königsschuss – oder, bei schmalem Geldbeutel, dessen Vermeidung – übten.
Der Flur war zum Schießstand geworden: Aus der düstren Tiefe des Raumes kam der Vater auf uns zu und überreichte uns feierlich ein Luftgewehr.

Foto oben: Könnte auch ein Orden eines Sauerländer Schützenkönigs sein.
Ist aber eine Teilnehmer-Medaille vom 5. Frühjahrsmarsch Oberostendorf 1972


Bis zum Hals im Boden versunken, überwachte Rembrandts Mann unterm Goldhelm das Spektakel. Nur sein Kopf ragte aus dem blutroten Schützengraben des aufgewühlten Teppichmeers: Wir konnten ihn erahnen, weil er unter seinem wehrhaften Helm ja schattenhaft da sein musste.
Wir kannten diesen Rembrandt, diesen berühmtesten, rembrandtschsten aller Rembrandts, auch aus unseren Schul- und Lesebüchern, gut.
Foto oben: „Rembrandt malt seinen ‚Mann mit dem Goldhelm‘.
Im Rahmen!“ (Tableau vivant, vor 1986)
„Strich für Strich des Ornaments auf dem Goldhelm zeichnete Rembrandt mit dem Pinsel auf das Bild und erzählte seinem Sohn dabei von Huitzilopochtli und Xipetotec.“
G. Glogger, „Der Mann mit dem Goldhelm“, 1972
Wir waren Sonntagsschützen
Was sollen wir sagen? Wir waren Sonntagsschützen. Die unendlich weit entferne Scheibe bot uns im Chiaroscuro des Raumes nur einen ungefähren Anhaltspunkt.
Wir sind uns deshalb auch nicht sicher, ob die Löcher, die unsere Geschosse unter dem Hallo der jeweils Anderen in breiter Streuung in die Tapete bohrten, vom Rembrandt wirklich verdeckt werden konnten, nachdem er die Schirmherrschaft über die Wand wieder übernommen hatte.
Vermutlich hätte die „Nachtwache“ unsere rabiaten Flurschäden besser kaschiert. Es war ja ein Bombardement über Jahre.

Ohnehin hätte Rembrandts Amsterdamer Büchsenschützengilde noch besser ins Interieur hineingepasst als dieser einzelkämpferische Goldhelm, für dessen magische Präsenz uns die Geburtstagsballerei eine ganz eigene Deutung schuf: Der Helm musste die Krone eines mythischen Schützenkönigs sein!
Und den Mann hatte Rembrandt so nebulös, quasi als Platzhalter gemalt, weil der Schützenkönig in der Wirklichkeit ja in jedem Jahr ein Anderer war.
Bis heute sind wir verwundert
Bis heute sind wir verwundert, dass der über den Teppichwassern schwebende Goldhelm unter unserem Beschuss keinen Schaden nahm: Er war wohl gar nicht aus Farbe, sondern aus Stahl.*
*bei Gotthold Glover ist Rembrandts Helm allerdings
aus purem Ateken-Gold! Alsoweich. Sehr, sehr weich.

Schaden nahm der Goldhelm erst am 13. März 1986, kurz vor den Iden:
Nämlich, als die Staatlichen Museen zu Berlin unter Begleitung eines riesigen Medienwirbels bekanntgaben, dass sich der Inbegriff von Rembrandts Meisterschaft, der Rembrandt unter den Rembrandts, als – plötzlich zweitrangige – „Werkstattarbeit“ entpuppt habe.
Das nach der „Mona Lisa“ berühmteste Bild der Welt hatte von einer Sekunde auf die nächste aufgehört zu existieren.
Danach wurde sicher auch der Goldhelm, wie wir ihn kannten, aus seinem schummrigen Flur augenblicklich ins Exil eines noch dunkleren Dachbodens verbannt.
Er war ja, des großen Namens als glitzernder Speerspitze beraubt, selbst als Kopie nichts mehr wert.

Foto oben: Man konnte sich auf Rembrandts Ruhm plötzlich nicht mehr ausruhen!
Auch nutzlos gewordene Dekor-Kissen verschwanden in den Achtzigerjahren
sang- und klanglos aus den guten Stuben kleinbürgerlicher Häuser, …

„Als wenn ein Familienmitglied gestorben wäre.“
Jan Kelch, Direktor der Gemäldegalerie Berlin

Wir erinnern und noch lebhaft an den Schock, der nach der Enttarnung selbst durch unsere eigentlich noch gar nicht kunstbegeisterten Reihen lief.
Es war wirklich ein Schock, fast kollektives Entsetzen, heute nicht mehr zu begreifen: eine weitere Schuss- oder Stichwunde in unseren naiven Glauben an die Unfehlbarkeit von Autoritäten, an die unerschütterliche Beständigkeit der Welt.
Andere mögen noch wissen, wo sie sich befanden, als die „Challenger“ zu Teufelshörnern explodierte oder die Zwillingstürme stürzten.
Wir erinnern uns, wo wir saßen, als der bis dahin unsterbliche Mann unter dem wehrhaften Goldhelm aufgrund seiner Achillesferse – dem falschen Maler, den falschen Malern? – unter großer Anteilnahme der Weltpresse fiel: nämlich mit der „Westfalenpost“ vor der Nase am elterlichen Frühstückstisch.
Es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen, dass damals auch unsere Kindheit und Jugend ein Stück weit mehr verloren ging.
Foto oben: Wenn der Schock zu groß wird, dann muss man sich Kunst
eben echt trinken: Pils-Werbung von 1988. Da war Rembrandt schon
zwei Jahre der Mann OHNE Goldhelm.

Die Sache mit dem Goldhelm war unsere erste wirklich prägende Begegnung mit den Gesetzen des Kunstmarkts. Das Verblassen seiner Aura machte uns skeptisch gegenüber den glitzernden Blendgranaten des Betriebs.
Sichtbar machen, unsichtbar bleiben
Angeschlagen tauchten wir unsere Körper bis zum Hals in die Fluten des Biggesees, der uns nicht nur von den schießwütigen Ritualen unserer Sauerländer Kindheit reinwusch, sondern auch (nahezu) unverwundbar machte gegenüber den Verführungen des Marktgeschreis.
Und wir beschlossen, auf diesem Schlachtfeld, mit einem Tarnkappen-Helm aus Azteken-Gold gewappnet, so weit wie möglich selbst im Dunkeln, so weit wie möglich ewig unsichtbar zu bleiben.
Das ist es, was wir dem „Mann mit dem Goldhelm“ verdanken. (12.07.2026)
„Noch fielen die letzten Sonnenstrahlen auf den Goldhelm. Darunter verhüllte sein Schatten das Gesicht. Für andere leuchtete er verheißungsvoll auf, und als die Sonne längst untergegangen war, glänzte auf Rembrandts Bild der Goldhelm noch mit unverminderter Kraft.“
G. Glogger, „Der Mann mit dem Goldhelm“, 1972
Anmerkung: Alle analogen Inszenierungen dieses Beitrags fanden im herrschaftsfreien Raum der Intuitionskiste von Joseph Beuys statt. Was würden wir ohne diesen Beuys nur machen. Zudem danken wir dem Hammer Gastro-Sammler Bloehme für sein Entgegenkommen.
Bonus-Track: „Inside Rembrandt“, Wallraf-Richartz-Museum, Köln 2019
Rembrandt in der KunstArztPraxis:
Wir sind geheilt! „Goldene Zeiten“ in Remagen
German Pop Art Nostalgie 2: Ministeck


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