Von Poe gelernt? James Ensor in der Villa Zanders
In Bergisch Gladbach sind gerade über 100 teils handkolorierte Radierungen des belgischen Einmaligkeits-Künstlers James Ensor (1860-1949) zu sehen. Uns haben es vor allem Ensors Phantastik & Humor angetan. Die wuselige Darstellung humaner Unzulänglichkeiten. Die Gerippe! Und die Nähe zu unserem Hausgeist E.A. Poe.
Als Rezept für Weltverständnis ziehen wir Drei von der KunstArztPraxis in letzter Zeit ja gerne die Erzählungen des unvergleichlichen Edgar Allan Poe zurate.
Bei Ruth Marten für die Isolation des Einzelnen in der Corona-Pandemie den „Mann der Menge“ (1840) zum Beispiel. Oder bei Marianna Simnett wegen des dämonischen Selbst-Vernichtungswillens von AfD-Wählern den „Alb der Perversheit“ (1845).
E.A. Poe ist gerade unser Diagnose-Guru. Wir haben viel von ihm gelernt.

Aufschlussreich fürs Gesamtwerk
Umso mehr hat es uns gefreut, beim von uns seit Jahrzehnten ebenfalls – bisher als Maler – hoch geschätzten James Ensor im Kunstmuseum Villa Zanders gleich zwei Drucke entdeckt zu haben, denen besonders groteske Poe-Erzählungen zugrunde liegen: namentlich „König Pest“ (1835) und „Hopp-Froschs Rache“ (1849).
Der schönste Druck ist für uns die Radierung „König Pest“ (1895). Und der für Ensors Werk aufschlussreichste ist er in unseren Augen auch.

„Geträumt habe ich vor allem bei Poe.“
James Ensor
Für uns ist Ensors „König Pest“ wie das Film Still aus einer Poe-Verfilmung von Roger Corman aus den frühen Sechzigern. Oder – wir sind ja in Belgien, dem eigentlichen Land des Comics – wie ein Panel aus einer Graphic Novel von Jean Dufaux.
Wir können sicher davon ausgehen, dass Ensors zeitgenössische Betrachter*innen Poes Geschichte sehr gut kannten. Für die Jüngeren unter den geneigten Lesenden erzählen wir kurz, was bisher geschah:
Gerade sind die zechprellenden Matrosen Legs & Hugh auf ihrer Flucht vor einer wütenden Wirtin ins Haus eines Bestatters eingedrungen, das in einer verseuchten Sperr-Zone im London des 14. Jahrhunderts liegt.
Da öffnet sich die Tür.
Und da sitzt dann der Rote Tod in sechs seiner Masken – darunter Erzherzog*in Pest-Beule und Anapest sowie die Herzoge Pest-Ilenz und Buda-Pest, – um ein gewaltiges Punsch-Fass am Tisch.

Foto oben: Nur, um es mal gezeigt zu haben: Filmstill aus Roger Cormans Poe-Verfilmung
„Die Maske des Roten Todes“ (1964). Mit dem unvergleichlichen Vincent Price, absolut sehenswert!
Und bei der gesellschaftlichen Maskerade garantiert von Ensor wie von Poe beeinflusst.
Wasser- und Schwindsucht, Gicht, Suff und Syphilis spielen dabei ebenfalls eine zentrale Rolle.


Bild größtmöglicher Skurrillität
Im „launisch flackernden Licht“ (Poe) einer Holzkohlen-Funzel im Schädel eines von der Decke baumelnden Skeletts, welches bei Ensor, anatomisch korrekt, vor allem nach oben abstrahlt, blicken wir also auf die visuell interessanteste Szene der Erzählung: eine Szene, die den beiden Betrachtern innerhalb – wie auch uns außerhalb – des Bildes größtmögliche Bildlichkeit gewährt. Ohne Illustration zu sein.
Danach geht es für die Jüngeren unter uns folgendermaßen weiter:
Legs begräbt König Pest lebendig in einem Weinkeller und tötet den Gichtigen mit der von der Decke genommenen Skelett-Funzel, bevor er Hugh aus dem Punsch-Fass befreit, in das dieser zur Strafe dafür geworfen worden war, dass er König Pest der Schauspielerei bezichtigt hatte. Der Säufer ersäuft.
Bild oben: Diese Staunenden sind auch wir! Legs (oben) & Hugh auf James Ensors
„König Pest“ (1895). So gut wie möglich freigestellt: Bei Ensor wirbeln
die Linien ja meistens vogelwild durcheinander.
Und Legs & Hughes gehen mit den beiden überlebenden (?) Damen der Tisch-Gesellschaft ab.


Das Ende mitsehen
Im Verbund mit der Zeichnung zu Poes Erzählung „Hopp-Frosch“ über die grausame Rache eines von der Obrigkeit gepeinigten Narren an seinen Herren wird klar, dass Ensor dieser Aspekt der Handlung – der (mörderische) Sieg der Armen, Kleinen, Gedemütigten über die (bösen) Mächte und Autoritäten – neben allem Visuellen ebenfalls stark gereizt hat.
Wie schon gesagt: Man muss davon ausgehen, dass Ensors Zeitgenossen Poes Erzählungen sehr gut kannten: Sie werden das in „Hopp-Frosch“ direkt dargestellte Ende auch bei der skurrilen Tisch-Gesellschaft von „König Pest“ mitgesehen haben.
Bild oben: An der Decke verkokeln die Mächtigen zu einer „stinkenden, hässlich eklen und
nicht mehr unterscheitbaren Masse“ (Poe). James Ensor, „Hopp-Froschs Rache“ (1898),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026
Christus, der Sozi
James Ensors Sympathie für die Obdachlosen und die einfachen Arbeiter, Bauern, Mägde und Prostituierte in seiner belgischen Geburtsstadt Ostende, der er bis zum Tod weitgehend treu blieb, wird in der Schau auch andernorts mehr als einmal direkt offenbar:
Bei den Porträts von Zeitgenossen, aber auch in den zahlreichen Stichen mit Christus, der den Atheisten Ensor nicht als eschatologischer Heilsbringer, sondern als Phänomen und – vor allem – wegen seiner frühsozialistischen Ideen interessiert hat.

Als Jemand, der sich vom Ostender Bürgertum mit seinen sozialen Maskeraden nie richtig akzeptiert gefühlt hat, der sich ob dieser Umgebung als „seltsames Insekt“ porträtierte wie Kafka später seinen Gregor Samsa, war hier – bei Hopp-Frosch, bei Jesus – vermutlich ein Anker.
„Nun sehe ich gewiß, welch eine Sorte Mensch diese Masken sind. Was mich betrifft, so bin ich einfach nur Hopp-Frosch, der Spaßmacher.“
E.A. Poe, „Hopp-Frosch“ (1849)
„Lärmendes Lach-Gebrüll“
Diese Nähe ist, in Bezug auf unseren Hausgeist Edgar Allan Poe, schon schön genug. Noch schöner finden wir aber, dass Ensor – und zwar entgegen seiner eigenen Ansicht!* – in unseren Augen ein wichtiges literarisches Prinzip von Poe ins Visuelle überführt hat, wo es genausogut hingehört: in „König Pest“, aber auch in vielen anderen Bildern.
*“Im Hinblick auf Poe empfinde ich eine englisch-belgische Sympathie des Imaginären
und nicht etwa einen direkten Einfluss“, sagt James Ensor. Wir sehen da mehr.
EIN Kniff in Poes Texten besteht ja darin, das Schreckliche so lang zu potenzieren, bis Grauen in Komik umschlägt.
Für uns scheint ein Gutteil von Ensors Grafiken ähnlich zu funktionieren: Auch er packt so viel Phantastik, Schrecken oder menschliche Makel in ein Bild, dass man unweigerlich schmunzeln muss.
Zumindest uns geht das so.
Wie Hugh in Poes „König Pest“, der angesichts der im Grunde ja sehr gruseligen Tisch-Gesellschaft unweigerlich „in ein langes, lautes und lärmendes Lach-Gebrüll ausbrach, welches man als durchaus unmäßig und übel unangebracht bezeichnen muss“.

Foto oben: Schmunzeln übelst unangebracht! James Ensor,
„Der Tod verfolgt die Menschenmassen“ (1896),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026

Es ist bezeichnend, dass sich Ensors schönster Bilderzyklus mit den sieben Todsünden befasst – klar, dass es zum Gutteil die Sünden der Reichen, der Mächtigen sind.
Für viele Sünden braucht es schließlich Kohle.

Da muss sogar die Sonne kotzen
Aber auch der Berufsstand der Ärzte, der alles daransetzt, dem Tod in die Hände zu spielen, kriegt bei Ensor sein Fett weg!
„Frau X um 7 Uhr krepiert“, steht auf einem Blatt. „1000 Francs erhalten“. Oder: „Schwamm im Bauch gelassen. Bauchfell-Entzündung unvermeidlich.“
„Unten Pest, oben Pest, überall Pest“, ist ein anderes Blatt betitelt:
Ob der darauf zu Tage tretenden, zum Himmel schreienden sozialen Ungerechtigkeit, die in dreckschwarzen Fußabdrücken oder Kothaufen unter der Sitzbank am belgischen Strand ihren Ausdruck findet, muss sogar die Sonne kotzen.
Bild oben: Da muss sogar die Sonne kotzen: James Ensor,
„Unten Pest, oben Pest, überall Pest“ (1904, Detail),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026

Die pupsenden Hintern
So richtig laster- oder stümperhaft geht es bei James Ensor allerdings erst in Massen zu. Auf vielen der in Bergisch Gladbach ausgestellten Drucke herrscht deshalb ein ganz bemerkenswertes Treiben wie im Wimmelbuch: wobei Jede*r Jede*n an Lächerlichkeit offenbar zu überbieten sucht.
Mit fatalem Ergebnis: Wenn die Menschen in ihrer Hybris zum Schlittschuhlaufen in Scharen aufs Eis gehen wie die Kuh, der es zu bunt wird, dann kann man fast schon sicher sein, dass sie bei Ensor stürzen.

Und wenn die Menschen ins Wasser steigen oder vom Strand aus mit Ferngläsern ins Erhabene schauen wollen, dann ist die unendliche Natur meist komplett ungenießbar: Irgendein nackter oder pupsender Hintern, irgendein im Flachen seekrank sich übergebender Tourist, irgendwelche kopulierenden Pärchen oder zum Ertrinken in die Luft gestreckten Beine verstellen garantiert den Blick.
Oder doch Voyeur*innen?
Oder sind die mit den Ferngläsern ohnehin nur Voyeur*innen? Egal. Die Sonne lacht sich in diesem Fall auf jeden Fall ins Fäustchen.

Und dann ist da ja auch noch Jesus! Wenn Jesus der Menschenmenge den Sozialismus predigt oder (leider leidlich wundervolle) Wunder tut – bei der Vermehrung der Fische am See Genezareth gerade einmal ein Dutzend mickrige Fische und eine Krabbe! –, dann schaut sowieso niemand hin.
Stattdessen plaudern alle sorglos durcheinander, als ob’s kein Ende gäbe.
Aber ein Ende gibt es!
Aber ein Ende gibt es – für Jede*n! Irgendein Skelett, ob mit oder ohne Sense, steht bei Ensor garantiert schon irgendwo in einer Ecke und wartet.
Es sei denn, dass es sich am Ofen vorm Schnittern erst nochmal kurz erwärmen will. Auch ziemlich komisch.

Foto oben: James Ensor, „Skelette, die sich wärmen wollen“ (1895),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026


Das alles ist auf den zur Schau gestellten Stichen mitunter so detailreich dargestellt, dass die Villa Zanders – dankenswerter Weise! – Lupen bereitstellt, um möglichst viele Aspekte zu erfassen.
Und trotzdem wirbeln die Striche oftmals in künstlerischer Freiheit vogelwild durcheinander: Gewimmel selbst dort suggerierend, wo es inhaltlich gar nicht so furchtbar wimmelt.
Da ist es schön, dass in der Ausstellung neben den reinen Drucken oft Exemplare hängen, die James Ensor höchstpersönlich koloriert hat. Die sind wegen der Farben weit leichter zu lesen.
Bild oben: Porträt des Künstlers als Käfer: James Ensor, „Seltsame Insekten“ (1888, Detail),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026
Vermutlich wusste James Ensor das auch.
Ensor ist ein irrer Spinner
An seinen offenbar als bieder empfundenen Kritikern aus der belgischen Upper Class und ihren teils sündhaften, teils banalen Vergnügungen hat sich James Ensor also vor allem in seiner Kunst gerächt. Wie Edgar Allan Poe.
Am Deutlichsten sicher in der schönen Radierung „Der Pisser“ (1887), auf der sich der Künstler einmal mehr nicht nur in die Garde der verrückten Narren à la Hopp-Frosch einreiht („Ensor est un fou“), sondern irgendwie auch den Gassi gehenden Hund eines Pfeife rauchenden Spießers auf dem Graffiti an der von seinem Alter Ego angepissten Wand einen echten Haufen machen lässt.

Bild oben: „Ensor ist verrückt“ steht auf der Wand, James Ensor,
„Der Pisser“ (1887), Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026
Dieses kluge Spiel mit den Ebenen bei Ensor mögen wir bei Ensor fast ebenso gern wie seinen wilden Strich.
„Die Zukunft gehört den Einzelgängern.“
James Ensor
Und noch etwas: Bei aller Nähe zu Edgar Allan Poe, aber auch zu Künstlern von Bosch, Rembrandt, Daumier oder Hogarth ist James Ensor immer ein Weg weisender Einzelgänger geblieben. Einmaligkeits-Künstler wollen wir ihn nennen – selbst auf dem Feld der Striche & Stiche.
Auch das kann man in dieser fulminanten Schau im Kunstmuseum Villa Zanders sehr gut bestaunen. (19.07.2026)
„James Ensors phantastische Welten“ läuft noch bis zum 15. November 2026 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach.
Dort gibt es auch noch Darstellungen der belgischen Küstenlandschaft und die beachtliche Werkgruppe der „Liebesgärten“, Ensor war eben erstaunlich vielseitig: sogar vielseitiger, als wir vorher wussten. Aus Vollständigkeitsgründen hätten wir auch darauf eingehen können, aber das passte uns hier nicht so richtig ins Konzept.‘
Man muss auch loslassen können.

Das Kunstmuseum Villa Zanders in der KunstArztPraxis:
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