Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys zeigen die Museen in NRW bald viele seiner Werke. Und das mit klugen Konzepten. Nur die zentrale Eröffnungskampagne wirbt im Stadtraum mit rauschenden Fernsehern. Vielleicht das Werk der geheimnisvollen Unsichtbarkeits-Maschine?

„Ich bin ein Sender“, hat Joseph Beuys einmal von sich gesagt. „Ich strahle aus.“ Von diesem Sendungsbewusstsein und dieser Ausstrahlung würden wir von der KunstArztPraxis im Jubiläumsjahr gern sehr sehr viel zu Gesicht bekommen.

Und zwar nicht nur im Museum, sondern auch im Stadtraum. Schließlich hätte Beuys auch jenen Menschen einiges zu sagen, die ihn bisher noch nicht richtig wahrgenommen haben. Über Demokratie und Umweltschutz zum Beispiel. Über Menschenwürde und Mündigkeit. Vielleicht sogar über das hippe Thema Tierethik. Oder darüber, wie man richtig querdenkt.

Nur müsste man das eben auch öffentlich sehen. Und dafür wäre ein Plakat ja ein tolles Medium.

„Kunst ist eine technische Möglichkeit,
Informationen mitzuteilen.“

Joseph Beuys

Weitergehen! Hier gibt es nichts zu sehen!

Nur leider laufen die Menschen überall in NRW seit einigen Wochen an einem Plakat vorbei, das in unseren Augen irgendwie nicht einmal so tut, als wolle es sie erreichen. Nach einer rätselhaften Regel immer am Kopf alter Litfaßsäulen angeklebt, sind auf diesem Plakat zwei antiquierte Röhrenbildschirme mit Bildstörung zu sehen. Oder nach Sendeschluss, den es – die älteren werden sich erinnern – früher ja mal gab.

Die Botschaft, die ohnehin nur jene empfangen, die mit hoch erhobenem Haupt und von jeher ausgestattet mit Beuys-Antennen durch die Weltgeschichte gehen, ist ernüchternd. Beuys ist kein Sender, lautet die Botschaft. Beuys strahlt aktuell nichts interessantes aus. Beuys hat Sendeschluss. Beuys ist Rauschen. So zumindest kommt es bei uns unten an.

Über ein solches Plakat hätte sich vielleicht nicht einmal Nam June Paik gefreut. Und der hatte bekanntlich nicht nur rheinländischen, sondern sogar asiatischen Humor.

Mission invisible?

Als offizielles Geburtstagsgeschenk für einen Künstler, der nicht zuletzt durch starke Bilder – und provokante Gegenbilder – auf sich aufmerksam zu machen suchte, wirkt dieses Plakat auf uns in jedem Fall verstörend. Über Beuys‘ Lebendigkeit und sein energetisch aufgeladenes Werk sagt es jedenfalls eher wenig aus.

Aber vielleicht sind die rauschenden Bildschirme im Stadtbild ja auch ein stimmiges Bild für jene Unsichtbarkeits-Maschine, die im Fall von Joseph Beuys schon seit Jahrzehnten knattert. Diese Unsichtbarkeits-Maschine hat viele Räder, die teils ineinandergreifen – und teils auch nicht. Sie agiert oft mit aufbrausender Energie, aber vorwiegend im Verborgenen.

Auch wir wissen von ihrer Existenz vor allem deshalb, weil Sammler und Galeristen, Kuratoren und Museumsdirektoren, Autoren und Fotografen hin und wieder in die KunstArztPraxis kommen und uns ein bisschen ihr Herz ausschütten. Nur ein paar Mal sind wir mit ihr selbst in Berührung gekommen.

Im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster hing 2018 ein Filzanzug von Joseph Beuys

Beuys durchgefiltert

Die Unsichtbarkeits-Maschine kann zum Beispiel mitentscheiden, welche Beuys-Werke als Foto in die Welt hinaus gelangen dürfen und welche nicht. Von dieser Filterfunktion macht sie, wie man hört, offenbar regen Gebrauch. So ist es wohl auch der Unsichtbarkeits-Maschine ein bisschen mit zu verdanken, dass Deutschlands einflussreichster Künstler in den letzten 35 Jahren in der Öffentlichkeit unserer Meinung nach erstaunlich wenig stattgefunden hat.

Auch zum Jubiläum sollen viele Werkabbildungen von der Unsichtbarkeits-Maschine „nicht genehmigt“ worden sein. Online schon gar nicht. Momentan sieht man deshalb selbst in den Sonderausgaben der Kunstzeitschriften einen Overflow an Beuys-Porträts und doch recht wenig Werk. Und wenn Werk, dann tausendmal die „Capri-Batterie“. Ein bisschen toter Hase, einen Kojoten vielleicht. Aber eher kaum, sagen wir mal: das „Rosenklavier“.

Museum Abteiberg 2020: Klavier Petra Kellys neben Beuys‘ „Rosenklavier“ (nicht im Bild)

Beuys verwerten

Bisweilen bemüht die Unsichtbarkeits-Maschine sogar staatliche Instanzen, um den erklärten Staatsfeind Beuys auszufiltern. Dann kann man für kurze Zeit einen Teil ihrer Räder sehen. Meist geht es darum, Fotos von Beuys-Aktionen in Ausstellungen gerichtlich zu verbieten. Was hin und wieder mit der Begründung, die Fotos seien eine „Umgestaltung“ der Aktion, gelingt.

Wir nennen diese „Umgestaltung“ im Idealfall die künstlerische Handschrift des Fotografen. In solchen Fällen verschwindet dann mit Beuys unserer Meinung nach auch noch ein zweiter Künstler von der Bildfläche gleich mit.

Das mächtigste Instrument der Unsichtbarkeits-Maschine aber ist für uns das Geld. Wer Beuys‘ Werk auf Fotos sichtbar machen will, muss zahlen. Oder jemanden haben, der für ihn bezahlt hat. Weshalb wir armen Schlucker von der KunstArztPraxis aus lauter Verzweiflung schon dazu übergegangen sind, Bastelanleitungen für Beuys-Re-Editionen zu präsentieren statt Fotos dieser Beuys-Werken selbst.

Es ist ja nicht so, dass wir keine Bilder hätten. Aber die lagern bis zum Lottogewinn im Giftschrank unserer Archive.

Maggi = Beuys, Romi = Beuys, Kant = Beuys

Aber: Wann ist ein Beuys ein Beuys? Ist ein Romi-Margarinebecher Beuys, weil Beuys ihn für „Wirtschaftswert Apollo“ (1977) signiert hat? Darf die Unsichtbarkeits-Maschine für die Maggi-Würze und das Reclam-Bändchen in „Ich kenne kein Weekend“ (1972) Abbildungsgebühren verlangen, nur, weil Beuys Kant bestempelt und beides neu arrangiert hat?

Beuys hat sich darüber keine Gedanken gemacht. Er hat unbeschwert alles im Hinblick auf seinen – auch in diesem Sinn erweiterten – Kunstbegriff ohne Rücksicht auf Markenschutz oder Produktdesign signiert und dadurch seiner eigenen Marke einverleibt. So soll es ja auch sein, denn Kunst – sogar sehr gute Kunst – ist diese „Umgestaltung“ in unseren Augen auf jeden Fall. Wir ziehen die Fragen oben also hiermit zurück.

"Romi"-Margarine
1977 erhöhte Beuys die Haltbarkeit der guten „Romi“-Margarine entscheidend (hier unsigniert)

Geht es um Kunst? Geht es um Beuys?

Klar: Beuys wollte auch mit diesen Material-Zusammenstellungen wirken. Er war ein Sender, der sicher auch heute noch gern empfangen würde. Beuys wollte ausstrahlen. Er wollte sichtbar sein, für Jedermann. Nicht zuletzt aus demokratischen Gründen. Denn: Wie soll eine „soziale Plastik“ sich formieren, wenn potenzielle Mitformierer nichts von ihr wissen?

Aber vielleicht geht es der Unsichtbarkeits-Maschine ja auch gar nicht um Kunst. Vielleicht geht es um Macht? Um Deutungshoheit? Und um die klassische Form des Kapitals, das sich bereichert an fremder Produktivität? Dann allerdings ginge es um vieles, was Beuys im Grunde seines Herzens offiziell verachtet hat. Nur um Kunst, nein: um Kunst ginge es dann nicht. Und damit vielleicht im Namen von Beuys nicht mal um Beuys.

Tische für die Exponate der Beuys-Ausstellung „Hülle und Kern“, Münster 2018

Werdet bildgewaltig!

Und jetzt ist irgendwie auch noch Corona Teil der Unsichtbarkeits-Maschine geworden. Zwar hat am Wochenenden in Wuppertal im Skulpturenpark Waldfrieden die sicher wundervolle Ausstellung „Perpetual Motion“ eröffnet, im K20 in Düsseldorf „Jeder Mensch ist ein Künstler – Kosmopolitische Übungen mit Joseph Beuys“. Aber die Schau in Wuppertal ist schon wieder geschlossen. Und auch in Düsseldorf steigt der Inzidenzwert bedrohlich.

Trotzdem steht zu hoffen, dass einer der größten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts im Verlauf des Beuys-Jahrs endlich angemessen sichtbar werden wird. Keine Unsichtbarkeits-Maschine wird das verhindern können, aus keinem (teils ja auch verständlichen oder sogar gut gemeinten) Grund. Denn in ganz NRW wird in den Museen jetzt gefeiert werden. Und sicher auch mit bildgewaltigen Plakaten im öffentlichen Raum.​

Damit auch nach Sendeschluss von beuys2021 für möglichst viele mehr von Beuys im Gedächtnis bleiben wird als Rauschen im TV. (29.03.2021)

Keine Bildstörung: Familie Beuys schaut 1972 „Raumschiff Enterprise“ (Foto: Michael Ruetz)

Unser Aufmacher-Porträt „Mind Master“ mit Joseph Beuys samt verschwindendem Hut stammt vom Künstler und Fotografen Peter Sevriens, der es 1981 im Düsseldorfer Atelier von Beuys angefertigt hat.

Vor allem seine dort fotografierten Material-Collagen wirken wie echte Beuys-Werke, verdanken sich aber Severins‘ exzellentem Blick, weshalb sie sich der Unsichtbarkeits-Maschine entziehen.

Wir freuen uns sehr, dieses wunderbare Foto verwenden zu dürfen.


Anmerkung: Manch‘ anderer Künstler hat übrigens ebenfalls eine Unsichtbarkeits-Maschine! Auch davon könnte die KunstArztPraxis das ein oder andere Liedchen singen.

Joseph Beuys in der KunstArztPraxis:
Joseph Beuys reloaded (I): Der Mensch
Joseph Beuys reloaded (II): Jeder Mensch ein Künstler?
Joseph Beuys reloaded (III): Der Lehrer
Joseph Beuys reloaded (IV): Der Zeichner
Joseph Beuys reloaded (V): Beuys für Sammler
Joseph Beuys reloaded (VI): Warum Beuys heute noch?

Meinung: Joseph Beuys: Krise & Heilung

Beuys außerhalb der KunstArztPraxis:
Beuys2021: Informationen zum NRW-Jubiläumsjahr

Joseph Beuys und die Unsichtbarkeits-Maschine

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