Die Kunst in NRW steckt in der Pubertät! Zumindest suchen gleich mehrere Ausstellungen bei Körper, Gender und Identität nach Klarheit. Die Kunsthalle Düsseldorf widmet sich dem komplexen Feld aus „queerer“ Perspektive. Zumindest für uns neu, bunt und erhellend.

Als wir geboren wurden, reichte den Anwesenden zur Geschlechtsbestimmung ein Blick in die Lendengegend. Ab der Pubertät war unser Beuteschema klarer definiert als bei heutigen Jugendlichen die Brustmuskulatur. Und wenn wir früher „KunstArzt“ sagten, dachten wir „KunstÄrztin“ ganz selbstverständlich mit. (Echt wahr!)

Wir hatten Körperflüssigkeiten, aber keine flüssigen Körper. Unsere Zellmembranen waren semipermeabel, unsere Haut war analog. Vor allem hatten unsere Hirne keinerlei Anreiz, sich übers Gendern Gedanken zu machen.

Unsere Welt war im Grunde geschlechtslos. Und wo Geschlecht ins Spiel kam, war es für uns – außer vielleicht auf dem Cover der Bild-Zeitung – quasi unsichtbar.

Nicole Ruggiero, „How The Internet Changed My Life“ (2021), analoges Detail

Um es musikalisch auszudrücken: Boy George war nur Pop, Devine nur Trash. Und die Industrial-LP „Journey Through A Body“ von Throbbing Gristle rund um das nicht-binäre Bandmitglied Genesis Breyer P-Orridge war uns unbekannt.

Bei ihrer innovativen Klangreise durch geschlechtsumwandelnde OP-Säle und polysexuelle psychische Befindlichkeiten waren wir schlichtweg nicht dabei.

The Age of Aquarius

Wo uns das Maskulinum früher generisch schien, könnte das Männliche wie das Weibliche heute auch genauso gut inter, trans, pan oder komplett fluide sein. Den zwei Geschlechterrollen unserer Fernsehkindheit stehen heute rund 60 Wahlmöglichkeiten auf Facebook entgegen. So jedenfalls erscheint uns das in der Rückschau.

Dabei waren die anderen Geschlechter natürlich schon damals da. Vermutlich alle. Nur ist die entsprechende Debatte seit den 1970er Jahren in einem anderen Universum und parallel zu unserer eigenen provinziellen Adoleszenz herangewachsen.

„Journey Through A Body“, Kunsthalle Düsseldorf, 2021

Inzwischen sind beide Universen im Mainstream fusioniert. Und der kämpft bekanntlich mit ideologisch unfair geschärften Waffen. Da ist es nicht schlecht, sich vor Augen zu führen, was die bild- und deutungsreiche Kunst jenseits platter Botschaften dazu zu sagen hat​.

Steckt man noch drin in seinem Körper?

Das geht momentan in der Kunsthalle Düsseldorf. Die präsentiert in „Journey Through A Body“ sechs jüngere und eher feminine Künstler*innen, die sich aus einer als „queer“ definierten Perspektive mit Körperwahrnehmung und Geschlechtsidentitäten auseinandersetzen.

Die Bandbreite reicht von traditioneller Malerei und Zeichnung (Luki von der Gracht) über Textilcollage, Skulptur und Installation (Tschabalala Self, Cajsa von Zeipel, Christiane Quarles) bis hin zu Video und Augmented Reality.

Denn da, wo einem der – eigene? – fremde? – Körper zu eng wird (Kate Cooper), kann man ja virtuell einfach einen neuen ausprobieren, ohne sich gleich unters Messer zu legen (Nicole Ruggiero).

Der Dreiklang für die Striptease-Stange

Körper, Geschlecht, Identität(en): Das ist der (ebenfalls fluide) Dreiklang, zu dem sich unsere Ichs momentan medial, materiell und psychisch besonders stark um die Striptease-Stangen der Fremd- und Selbstwahrnehmung drehen. In NRW drehen sich mindestes drei Ausstellungen mit: neben „Journey Through A Body“ noch „Sweet Lies“ im Ludwig Forum Aachen und Mariechen Danz mit „Clouded in Veins“ in der Kunsthalle Recklinghausen.

Dabei sind die Herangehensweisen so unterschiedlich wie unsere Körper und unsere Hirne. Zumindest letztere simple Wahrheit hatten sogar wir in unserer provinziell geschlechtslosen Jugend schon verstanden. (05.07.2021)

„Journey Through A Body“ ist noch bis zum 1. August 2021 in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen. Der dazu erschienene Reader ist mit seinen mit Gimmicks gefüllten und weiter anzufüllenden Taschen schon an sich eine Schau.

Homepage der Kunsthalle Düsseldorf

Appendix: Diverse Geschlechter bei Facebook*

androgyn | bigender | weiblich | Frau zu Mann (FzM) | gender variabel | genderqueer | intersexuell (auch inter*) |männlich | Mann zu Frau (MzF) | weder noch | geschlechtslos | nicht-binär | weitere | pangender | Pangeschlecht | trans | transweiblich | transmännlich | Transmann | Transmensch | Transfrau | trans* | trans*weiblich | trans*männlich | Trans*Mann | Trans*Mensch | Trans*Frau | transfeminin | Transgender | transgender | weiblich | transgender männlich | Transgender Mann | Transgender Mensch | Transgender | Frau | transmaskulin | transsexuell | weiblich-transsexuell | männlich-transsexuell | transsexueller Mann | transsexuelle Person | transsexuelle Frau | Inter* | Inter*weiblich | Inter*männlich | Inter*Mann | Inter*Frau | Inter*Mensch | intergender | intergeschlechtlich | zweigeschlechtlich | Zwitter | Hermaphrodit | Two Spirit drittes Geschlecht (indianische Bezeichnung für zwei in einem Körper vereinte Seelen) | Viertes Geschlecht | XY-Frau | Butch (maskuliner Typ in einer lesbischen Beziehung) | Femme (femininer Typ in einer lesbischen Beziehung) | Drag | Transvestit | Cross-Gender

*Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung (04.09.2014)

Obacht: Im virtuellen Raum können sich jederzeit neue Körper und Geschlechter generieren!

Alles fließt in Düsseldorf: „Journey Through A Body“

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