Ausgerechnet Corona führt uns die Aktualität Vivian Grevens noch einmal vor Augen. Ihre Malerei jedenfalls passt gut zur Zeit der Pandemie. Und das Schicksal ihrer Bilder zum Los der Kunst im Lockdown. Wir sagen warum. Und verlosen zwei Kataloge ihrer geschlossenen Ausstellung!

Kann man sich dem Anderen nähern? Den Menschen? Den Dingen? Ist Berührung möglich, echter Kontakt? Das sind die Fragen, zu denen Vivian Greven in ihrer Malerei immer wieder zurückkehrt.

„Das ist mein Lebensgefühl“, hat uns die Künstlerin bei einem unserer Hausbesuche in ihrem Atelier in der Düsseldorfer Innenstadt verraten. „Diese Sehnsucht nach Haptik, dem Authentischen. Und gleichzeitig der Schmerz, nicht heranzukommen. Das Versagen.“

„Schnittstellenmalerei“ haben wir das damals genannt. Malerei auf der Grenze zwischen Haut und Display, Herz und Hirn, analogem Antlitz und digitalem „Face“. Und dieses Urteil hat unserer Meinung nach noch immer Bestand.

Vivian Greven, „)( VI“ (2018), Kunstmuseum Bonn 2019

Unschuld oder Sündigkeit?

Ganz kurz vor Corona war das, Anfang März 2020. Zu einer Zeit, als man sich noch sorglos umarmen durfte, alles ohne Desinfektionsschutz in die Hände nehmen. Als Berührung in aller Unschuld – oder eben auch in aller Sündigkeit – für Viele noch möglich schien.

Als es also vermutlich noch Menschen gab, die Grevens Malerei von der unstillbaren Sehnsucht nach vollkommener Nähe nicht recht verstehen konnten. Nach einem Jahr der Pandemie, die das sensible Lebensgefühl der Künstlerin auf so brutale – und natürlich viel oberflächlichere! – Weise in den Fokus gerückt hat, kommt uns das eigentlich nicht mehr möglich vor.

Das Interface des Apfels

Damals standen im Düsseldorfer Atelier auch einige Bilder auf dem Boden, die darauf warteten, für ihre große Soloschau Vivian Grevens im Kunstpalais in Erlangen fertiggemalt zu werden. Und auf denen Äpfel eine zentrale Rolle spielten.

Es sei „ein neuer Blickwinkel auf mein immergleiches innerstes Thema“, wie uns Greven damals sagte. Der Fokus auf den entscheidenden, existentiell verändernden Moment zwischen Nähe und Distanz. Oder vor einer großen Veränderung.

Der Moment, in dem die Dinge zu kippen, sich zu wandeln scheinen – aber im Augenblick eines Vor-und-Nach-dem-Kippen eingefroren sind. Dargestellt in Motiven der Intimität, die an klassische Skulpturen erinnern, deren Wärme aber in der kühlen Abstraktion der Ausführung erstarrt ist.

Schnittstellenmalerei auch in diesem Sinn.

Vivian Greven, „E.A. I“ (2020), unfertige Fassung im Atelier, Düsseldorf 2020

Damals kam uns beim Apfel spontan das Interface zwischen paradiesischer Unschuld und schamhaftem Nacktheitsbewusstsein bei Adam und Eva in den Sinn. Der Augenblick zwischen schönster Ordnung im griechischen Olymp und dem durch die Göttin der Zwietracht provozierten, verheerenden Urteil des Paris. Oder das Schillern zwischen Knechtschaft und Freiheit beim Schuss des Wilhelm Tell.

Wann wird „Apple“ sichtbar?

Inzwischen sind die neuen Bilder Vivian Grevens längst fertig. Nach Erlangen verfrachtet, hängen sie im Kunstpalais für die Ausstellung „Apple“ bereits an den Wänden. Und warten wieder.

Ihrerseits gefangen im seltsamen Schnittstellenzustand des Lockdowns, den momentan alle Museen kennen: Wie lange noch geschlossen sein, wann endlich wieder öffnen dürfen? Oder, für die Kunst generell: Wie lange noch unsichtbar bleiben, wann endlich wieder sichtbar werden?

Vivian Greven, Atelier, Düsseldorf 2020

Trotz aller Digitalisierungsversuche der Museen seit Corona bleibt für uns diese Form realer Sichtbarkeit entscheidend. Auch wenn Berührung von Kunst im Museum natürlich verboten ist, kann im Idealfall doch nur der Dialog mit dem Original an sich berühren. Wenn Aura spürbar wird.

Wobei „Aura“ ja auch nur ein anderes Wort ist für diesen manchmal kaum auszuhaltenden Zustand des Betrachters auf der Grenze zwischen unmittelbarer Nähe und unerreichbarer Distanz.

„Aura definieren wir
als einmalige Erscheinung einer Ferne,
so nah sie sein mag.“

Walter Benjamin

Der berühmteste Apfel seit Adam und Eva

„Apple“ heißt Grevens Ausstellung: natürlich auch eine Anspielung an den berühmtesten Apfel seit Adam und Eva – jenen Apfel, den ein weltberühmter Technologiekonzern aus Kalifornien im Schilde führt. Ein Konzern zumal, dessen durchgestylte Displayprodukte heute größere Verführungskraft besitzen, als sie die biblische Schlange jemals hatte.

Beim Apple-Logo ist der Apfel angebissen: wie der Apfel vom Baum der Erkenntnis, den Adam und Eva bei ihrer Ausweisung aus der paradiesischen Heimat zurücklassen mussten. Oder wie der, der im Märchen Schneewittchen und in der Wirklichkeit Alan Tuning vergiftet hat.

Unfertiges Apfelbild in Vivian Grevens Atelier, Düsseldorf 2020

Auf dem Cover zum Katalog ihrer Ausstellung in Erlangen hat Greven diesem sündigen Apple-Apfel seine Unversehrtheit – und mit der Frische und Reinheit vermeintlich auch seine Unschuld zurückgegeben.

Aber der, der das Buch real in die Hand nimmt, wird schon beim Streicheln über die Cover-Oberfläche die haptische Erfahrung machen, dass auch dieser Wunsch in Wirklichkeit nicht in Erfüllung gehen kann.

Es ist wie beim Betrachten von Vivian Grevens verheißungsvollen Bildern: Die Schnittstelle als Wunde bleibt. (08.02.2021)

Wollen Sie auch mal übers „Apple“-Cover streicheln? Oder die noch geschlossene Ausstellung Vivian Grevens zumindest aus der Distanz der Abbildungen betrachten?

Dann schicken Sie einfach eine E-Mail an kunstarzt@kunstarztpraxis.de. Betreff: „Grevensteiner“. Unter den Zumailern verlosen wir zwei vom Kunstpalais spendierte Kataloge (herzlichen Dank dafür!).

Einsendeschluss ist der 22. Februar 2021. Und der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen.

Anmerkung I: Uns ist bewusst, dass die verbotene Frucht bei Adam und Eva in Wahrheit kein Apfel, sondern eine Feige oder eine Quitte oder eine „Euphrat-Aprikose“ (Vladimir Nabokov) war. Oder eine gänzlich unbekannte böse Frucht, die auf ewig im Paradies verschollen ist. Diese Wahrheit tut hier aber nichts zur Sache.

Anmerkung II: Vivian Grevens Ausstellung „Apple“ läuft noch bis zum 30. Mai 2021 im Kunstpalais in Erlangen.

Auf der Grenze: Vivian Greven (KunstArztPraxis)
Kunstpalais Erlangen

Vivian Greven: Die Kunst der Stunde

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