Ende 2020 starb mit Franz Joseph van der Grinten der letzte der beiden ersten Sammler und Weggefährten von Joseph Beuys. Gern erinnern wir uns an ein wundervolles Gespräch, dass wir bei ihm daheim über seine Jahre mit Beuys führen durften. Hier exklusiv Teil 3: Joseph Beuys als Lehrer.

KunstArztPraxis: Herr van der Grinten, von 1961 bis 1972 war Joseph Beuys Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Und wollte eigentlich jeden in seine Klasse aufnehmen, der Lust darauf hatte…

van der Grinten: … und hat deshalb mit abgewiesenen Studenten 1972 das Sekretariat der Kunstakademie besetzt, um das durchzudrücken. Genau.

Die Hebammenkunst des Joseph Beuys

KunstArztPraxis: Klingt nach Anarchie und Regellosigkeit – also einem guten Grund für den damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau, Beuys rauszuschmeißen …

van der Grinten: Keineswegs! Dahinter stand die Vorstellung, dass jeder an einem Kunststudium Interessierte zumindest die Möglichkeit haben sollte, sich selbst kennen und messen zu lernen.

Deshalb sollte es eben keine Aufnahmeprüfung geben, sondern ein Probejahr, in dem sich jeder Schüler klar werden sollte, was an Potenzial bei ihm vorhanden war – und ob überhaupt etwas vorhanden war. Um dann gegebenenfalls selbst die Konsequenzen zu ziehen.

Wenn man das mit Hitler gemacht hätte, hätte es das Dritte Reich vielleicht nie gegeben.

Michael Ruetz und Peter Sevriens. Im Dialog mit Joseph Beuys, Van der Grinten Galerie, Köln 2021
Michael Ruetz: „Beuys, Düsseldorf, 1971“, Van der Grinten Galerie, Köln 2021

Beuys kannte wirklich kein Weekend!

KunstArztPraxis: Wie schlug sich diese Idee im Verhältnis zu seinen Schülern nieder?

van der Grinten: Er ließ die Schüler ganz nah an sich heran. Und eigentlich immer. Beuys war ja der einzige Professor, der jeden Tag in der Akademie war, auch am Wochenende!

Ich habe ihn in dieser Zeit mit meinem Bruder oft besucht und noch im Kreis der frühen Schüler erlebt. Das war sehr eindrucksvoll. Er hatte vor allem Maler als Schüler und es war ein sehr kurioses Nebeneinander der verschiedensten Stilformen, aber auch, was Materialien anging. Vom klassischen Akt bis ins Informelle war alles dabei.

„Jeder konnte einfach machen,
was er wollte.“

Franz Joseph van der Grinten

Der alles seelenvoll verwandelnde Strich

KunstArztPraxis: Klingt wieder nach Anarchie und Regellosigkeit?

van der Grinten: Nochmal im Gegenteil! Beuys nahm Jeden ernst und ließ sich auf jede Sache ein. Und er sprach mit dem Schüler in einer Weise, die dieser Sache dienlich war. Er hat nie gesagt: „Mach erst mal das und danach das.“ Und das war damals vollkommen unüblich. Dass Jeder einfach machen konnte, was er wollte.

KunstArztPraxis: Und er hat nie eingegriffen?

van der Grinten: Natürlich hat auch Beuys mit den Studenten einzelne Werkstücke gemeinsam gemacht und dabei manchmal im Kleinen eingegriffen. Aber nur, um zu demonstrieren, wie sich kleine Varianten auf das Ganze auswirken können.

Ich habe das mal bei einer Aktzeichnung gesehen: wie Beuys durch eine simple Veränderung des Strichs aus einer flauen Linie eine gespannte – und damit aus einem plumpen Körper einen eleganten, seelenvollen – gemacht hat. Das war absolut bemerkenswert. (11.02.2021)

Michael Ruetz und Peter Sevriens. Im Dialog mit Joseph Beuys, Van der Grinten Galerie, Köln 2021
Michael Ruetz: „Beuys, Düsseldorf, 1971“, Van der Grinten Galerie, Köln 2021

Anmerkung: Das rund vierstündige Gespräch mit Franz Joseph van der Grinten fand Anfang Januar 2006 aus Anlass von Beuys‘ 20. Todestag im Haus des Sammlers am Niederrhein statt. Das Interview wird in der KunstArztPraxis in loser Folge in sechs Teilen veröffentlicht. Es wurde vom Sohn, dem Galeristen Franz van der Grinten, 2021 zusätzlich noch einmal autorisiert.

Joseph Beuys reloaded (I): Der Mensch?
Joseph Beuys reloaded (II): Jeder Mensch ein Künstler?

Meinung: Joseph Beuys: Krise & Heilung (KunstArztPraxis)
Beuys2021: Informationen zum NRW-Jubiläumsjahr

Joseph Beuys reloaded (3)

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