Wo sind die echten Flaschen? Giorgio Morandi in Siegen
In Siegen setzt das Museum für Gegenwartskunst (MGK) über 80 Stillleben und Landschaften von Giorgio Morandi mit den Werken anderer Künstler in Dialog. Bei uns hat die fulminante Schau die Erinnerung an ein vergessenes Stillleben ausgelöst, das wir über die Jahre mit Morandi verbunden haben. Auch eine Detektiv-Geschichte.
Als wir für unser Hexenbuch durch die Jahre ein- und ausgingen in Mary Bauermeisters Rösrather Märchenreich, da sahen wir immer wieder durchs Fenster ins Arbeitszimmer auf ein Gemälde mit verstaubten Flaschen.
Dieses Stillleben hat KunstArzt1 immer wieder aus dieser Durchblicks-Perspektive fotografieren müssen, wie unter Zwang: Es gibt durch die Jahre unzählige Fotos davon, die zeitlich nur dank Erinnerungen (und Dateinamen) zuzuordnen sind.

in Mary Bauermeisters Arbeitszimmer, Rösrath 2016, 2018, 2020
Natürlich dachten wir, der uns (damals) unbekannte Maler habe jene Flaschen abgemalt, die Mary Bauermeister unter seinem Stillleben arrangiert hatte. Aber dann erzählte uns Mary Bauermeister, sie habe die realen Flaschen aufgrund von Ähnlichkeiten nachgesammelt.
Erst Kunst, dann Wirklichkeit
Demnach war zuerst die Realität der Kunst, und DANN erst eine sich ihr annähernde Form der Wirklichkeit.
Wegen ihrer magnetischen Ruhe waren die gemalten Flaschen, trotz aller Unterschiede auch in der sinnlichen Qualität, in unseren Augen unmittelbar mit Giorgio Morandi verbunden: Morandi musste ihr Vorbild sein.
Vor allem aber schien uns die erzählte Aktion Mary Bauermeisters, dieses Reenactment der Wirklichkeit nach künstlerischer Maßgabe noch besser zu Morandi Werk zu passen als zum Flaschen-Bild an ihrer Wand, ja: fast schon sinnbildlich für unsere Wahrnehmung davon zu sein.
Wie wir das meinen, können wir gut an der Morandi-Schau im MGK Siegen illustrieren, wo neben Landschaften imposant viele seiner Stillleben: Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken, versammelt sind.

Foto oben: Giorgio Morandi, „Natura Morta“ (1959. Detail),
Museum für Gegenwartskunst, Siegen 2025

Denn: Wenn wir die Flaschen Morandis sehen, dann sehen wir Einmaligkeiten aus purer Malerei, die nur vorgeben, Abbild zu sein. Was für Flaschen sollten das auch gewesen sein, die Morandi zum Vorbild hätte nehmen können? Das wäre viel zu profan gedacht.
Der Staub der Ewigkeit
Bei Morandi hat sich ja nichts weniger als die Ewigkeit wie Staub über einen sanften Körper aus Farbe gelegt. Wenn dabei irgend etwas abgebildet sein sollte, dann die Stille der Welt.
Und trotzdem ist beim Betrachten halt immer auch eine Sehnsucht da, die nicht existenten Flaschen Ähnlichkeiten außerhalb des stillen Bildes zu finden. Wie bei Mary Bauermeister.
Foto oben: Giorgio Morandi, „Natura Morta“ (1945/1946. Detail),
Museum für Gegenwartskunst, Siegen 2025
Und mit diesen Ähnlichkeiten vielleicht so etwas wie Seelenruhe.

Im Grunde möchten wir wider besseren Wissens einfach nicht GLAUBEN, dass es zu Morandis Flaschen, Krügen, Schüsseln, Vasen, Schachteln vom Frühwerk der 1920er bis in die 1960er Jahre in Siegen Realitäten gäbe – auch wenn vor allem Luigi Ghirris nahezu kongeniale Fotos aus Morandis Atelier in Genua dies vorgeblich unumstößlich beweisen.
DIESE Illusion wollen wir uns tunlichst bewahren.*
*Wir werden Morandis Atelier aus diesem Grund auch
niemals betreten. KEINER von uns Dreien. Never ever.
Es gibt in unseren Augen halt oft zwei Wahrheiten in der Kunst, und die profanere ist uns immer ein bitzeli zu schal.
Und wo sind nun die echten Flaschen?
Durch die unserer Meinung nach nichts weniger als umwerfende Morandi-Schau in Siegen kam uns nach Jahren die verschüttete Erinnerung an das Flaschen-Bild in Mary Bauermeisters Arbeitszimmer in Rösrath wieder in den Sinn.
Plötzlich erinnerten wir uns, dass Mary Bauermeister uns den Namen des Künstlers auf einen blauen Klebe-Zettel in den Dummy unseres Hexenbuchs geschrieben hatte! Wir sahen nach. Tatsächlich, da stand er: Josta Stapper.

Wir spürten Josta Stapper im Kunstzentrum Wachsfabrik auf: einer zauberhaften Künstlerkolonie bei Köln, in der auch Mary Bauermeister kurz ein Atelier bewohnte, bevor sie zurück ins Märchenreich nach Rösrath zog.
Unser Hexenbuch hatte sie Josta Stapper vor Jahren zugeschickt. Vor allem dies öffnete uns die Tür.
In Josta Stappers Badezimmer wurde einstmals das Paraffin für die Kerzen der Wachsfabrik geschmolzen: Die acyclischen Spritzer klebten noch auf der Wand hinter dem Spiegel. Verstaubte Flaschen wie die vom Gemälde in Mary Bauermeisters Arbeitszimmer standen in den Regalen.
Die Zeit stand still. Auch hier.
Foto oben: Der Dummy unseres Hexenbuchs mit blauem Klebezettel
von Mary Bauermeister in Josta Stappers Atelier, Köln 2025

Nein, Giorgio Morandi habe ihn nicht wirklich beeinflusst, so sehr er seine Bilder schätze, sagt Josta Stapper: „Ich bin ja Realist“.
Vielmehr sei er eines Tages ganz profan in den Keller der einstigen Wachsfabrik gestiegen, und da lagen diese Apotheker-Flaschen mit Chemikalien aus den alten Beständen. Die habe er dann mitgenommen in sein Atelier.
Wie unter Zwang?
Ihr Alter habe ihn fasziniert, die Form, der (echte) Staub, sagt Josta Stapper. In immer neuen Konstellationen habe er sie immer wieder malen müssen – bis heute.
Wie unter Zwang, Herr Stapper? Wir haben nicht gefragt.

Foto oben: Unvollendetes Flaschen-Bild
in Josta Stappers Atelier, Köln 2025
Egal. Wir denken uns dieses Malen des immergleichen Variierten als eine Form meditativer Einkehr, als Zur-Ruhe-Kommen im Prozess des Schaffens. Quasi als Heilung von der Wirklichkeit. Die magnetische Ruhe: Das ist des Profanen andere Seite.
Wie bei Erwin Hapke. Oder bei Peter Dreher, dessen Tag- und Nachtgläser in Siegen vis-à-vis zu Gemälden Giorgio Morandis hängen. Ein bisschen auch wie bei uns, beim Fotografieren von Josta Stappers Flaschen-Stillleben: durch all die Jahre aus der immergleichen Durchblicks-Perspektive in Mary Bauermeisters Arbeitszimmer.
Und eben, dann doch wieder ähnlich & viel mehr noch als bei uns, trotz aller Unterschiede auch in der sinnlichen Qualität: wie bei Giorgio Morandi selbst.

Stappers Erinnerung geht anders
Das Flaschen-Bild habe Mary Bauermeister ihm Anfang der 1990er Jahre abgekauft, als sie noch Nachbarin und Nachbar waren, sagt Stapper – ein Zehntel ihrer Einkünfte floss ja Zeit ihres Lebens in Werke von Künstler*innen, die knapper bei Kasse waren.
Ob Mary Bauermeister Flaschen nach dem Abbild seines Bildes zusammengesammelt habe, um sie darunter zu drapieren? Von diesem Reenactment der Wirklichkeit nach seiner künstlerischen Vorgabe will Stapper nichts wissen. Seine Erinnerung geht anders.
Tatsächlich habe er Bauermeister die Vorbilds-Flaschen aus dem Wachsfabrik-Keller mitsamt dem Gemälde überlassen. Sie habe es sich so gewünscht.

Foto oben: Perspektiven-Variante, aber immer noch
durch’s Fenster: Josta Stappers Flaschen-Stilleben in
Mary Bauermeisters Arbeitszimmer, Rösrath 2019
Zwei mögliche Wahrheiten, eine ist profaner, die andere womöglich Illusion. Wie bei den Flaschen von Giorgio Morandi.

Wir wissen nicht, welche Geschichte stimmt – die von Mary Bauermeister oder die von Josta Stapper. UND wir wissen nicht, welches die echten Flaschen sind, die in Mary Bauermeisters Arbeitszimmer oder die in Josta Stappers Atelier. Aber eines wissen wir: WIR haben die echten Flaschen, WO auch immer, gesehen.
Was sollen wir sagen, Herr Stapper?
Was sollen wir also sagen, Herr Stapper? Wir finden, dass Ihre Kunst mehr mit Giorgio Morandi zu tun hat als Sie denken. Da gibt es viele Resonanzen, zumindest unserer bescheidenen Meinung nach. Wir haben versucht, das aufzuzeigen. Und wir empfehlen Ihnen sehr, nach Siegen zu fahren, ins MGK, um diese Resonanzen mit eigenen Augen zu entdecken. Andere zu sehen gibt es auch.
Darüber hinaus: SO viele grandiose Stillleben mit Flaschen, Krügen, Schüsseln, Vasen, Schachteln – womöglich OHNE reale Flaschen, Krüge, Schüsseln, Vasen, Schachteln – also: So viel wundervoll pure Malerei bekommen Sie so schnell sicher nicht mehr zu sehen.
Dies zumindest ist eine – keineswegs profane – Wahrheit, auf die man sich, trotz deri unterschiedlichsten Erinnerungen im Hintergrund, einigen kann. (25.01.2026)
„Giorgio Morandi, Resonanzen“ ist noch bis zum 22. März 2026 im Museum für Gegenwartskunst (MGK) in Siegen zu sehen, das in diesem Jahr zudem sein 25-jähriges Bestehen feiert. Nochmal: Unbedingt hingehen, Josta Stapper!
Anmerkung: Als wir Josta Stapper die Geschichte von den nachgesammelten Flaschen Mary Bauermeisters bei unserem ersten Besuch im Atelier erzählten, da sagte er noch, davon habe er nichts gewusst: „Aber das erfüllt mich mit Stolz“. Das wollen wir Illusionisten von der KunstArztPraxis an dieser Stelle nicht verschweigen – dass auf MBs Flaschen im Märchenreich kein Staub war ebensowenig! Ob danach die Erinnerung daran zurückkam, wie es wirklich war, wie er uns später schrieb? Wir haben Josta Stapper nicht gefragt, auch hierzu nicht. Manche Wahrheit darf in der Kunst getrost im Dunklen bleiben.


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Danke. Mal wieder toll. Urs
Wow. Wieder so ein toller, einmaliger Beitrag. Danke!!!