Gerhard Richter, Georg Baselitz, A.R. Penck: Benjamin Katz hatte sie alle vor der Linse. Im Marta Herford präsentiert er sich von einer ganz neuen Seite. Ein Gespräch über Schubladen, die Kamera als drittes Auge, Kellner als Künstler – und die Ausstellung als Befreiungsakt.

KunstArztPraxis: Herr Katz, freuen Sie sich über Ihre Ausstellung im Marta Herford?

Benjamin Katz: Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie sehr ich mich freue! Diese Ausstellung ist eine einzige Befreiung für mich. Wie frischer Sauerstoff. Und ein Glücksfall. Die Vorbereitung hat mich durch die Coronazeit gebracht. Das ist wirklich toll.

Benjamin Katz in seiner Wohnung, Köln 2021

KunstArztPraxis: „Entdeckungen“ lautet der Ausstellungstitel. Was gibt es denn zu entdecken?

Benjamin Katz: Einen ganz anderen Benjamin Katz als den, den man gemeinhin kennt! Ich gelte ja fast ausschließlich als Fotograf der Künstler. Und hier zeige ich Landschaften, Meerstücke, Bäume, Türen, Straßen, Blumen, Interieurs. Oder mittelalterliche Kirchen, für die ich ein Faible habe. Und das als praktizierender Atheist jüdischer Abstammung.

„Entdeckungen“ ist eine Querbeet-Auswahl von 200 Arbeiten der letzten 65 Jahre. Und das einzige Künstlerporträt, das es zu sehen gibt, ist ein Künstler-Ausweis aus dem 19. Jahrhundert auf einem Küchentisch.

„Sie werden sehen.
Sie werden überrascht sein.“

Benjamin Katz
Benjamin Katz, „Oostduinkerke“ (2003) 

Das dritte Auge

KunstArztPraxis: Also kann man entdecken, was eigentlich immer schon da war?

Benjamin Katz: Im Grunde schon. Die Kamera war ja mein ständiger Begleiter, nicht nur in Ausstellungen oder Ateliers, sondern auch im Urlaub oder auf Reisen. Mein „drittes Auge“, wie es der Vater von Hans Hollein mir gegenüber einmal genannt hat.

Die meisten Bilder der Ausstellung sind in Frankreich entstanden, in der Bretagne, in Paris, aber auch in Deutschland, Belgien und den USA. Das älteste Foto ist von 1953, der Berliner Flughafen Tempelhof mit einer gewaltigen Asphaltvorfahrt. Da war ich 14 Jahre alt und mit meiner Mutter auf Verwandtschaftsbesuch. Und hatte gerade von meinem Taschengeld meine erste Bakelit-Kamera gekauft.

Vom Motiv gefunden

KunstArztPraxis: Und wie haben Sie Ihre Motive danach gefunden in der Welt? Also alles, was nicht Künstler war?

Benjamin Katz:  Eigentlich haben die Motive mich gefunden. Und ich habe genommen, was die Welt mir angeboten hat.

Ich bin ja kein intellektueller oder konzeptioneller Fotograf, der vorher alles genau ausformuliert. Ich schaue mich um und genieße die Situation. Und da gibt es dann Augenblicke, die sprechen mich an. Die halte ich fest.

Ich nehme die Dinge generell so, wie sie kommen, ohne zu planen, fast schicksalsergeben. Was sehr anstrengend ist für die Familie.

Benjamin Katz, „Nederland (Kröller-Müller Park)“ (1985)

Der Schrotthändler als Gegenpol

KunstArztPraxis: Und dann gibt es ja auch Menschen auf Ihren Fotos zu sehen …

Benjamin Katz: Ja: Kellnerinnen und Kellner, Strandbesucher, Schrotthändler, einfache Menschen, wie man so sagt. Das sind für mich auch Künstler. Menschlich. Bodenständig. Und mit einer sympathischen Bescheidenheit.

KunstArztPraxis: Also auch ein Gegenmodell zu den Porträts der Künstlerszene?

Benjamin Katz: Genau. Ich habe die Künstler ja oft über Jahrzehnte begleitet. Und da ist es schon erstaunlich, welche Egos und Allüren sich in dieser Zeit zum Teil herausgebildet haben.

In den 50er Jahren gab es ungefähr zehn Galerien für moderne Kunst in Deutschland. Da prägte eine gewisse Bohème das Künstlerleben, und einige Maler und Bildhauer schliefen auf Matratzen auf dem Boden und hatten Apfelsinenkisten als Möbel.

Heute sind viele Künstler und Galeristen umgeben von Sammlern und Spekulanten, die sie hofieren. Mir ist dieser Kunstbetrieb fremd geworden – obwohl ich schon beobachte, ob und wie sich junge Talente entwickeln.

Benjamin Katz, „Museum Kunstpalast, Düsseldorf“ (1982)

Porträts als Hindernis

KunstArztPraxis: Eigentlich ist es unbegreiflich, dass Sie 80 werden mussten, um ihre andere Fotografenseite offenbaren zu können. Wie konnte es dazu kommen?

Benjamin Katz: Ich habe auch vorher schon in verschiedenen Ausstellungen und Publikationen Landschaft und Stillleben präsentiert. Aber es war tatsächlich jedes Mal ein zähes Ringen, um das durchzusetzen. Nachgefragt wurden halt immer die Künstlerporträts, für die ich bekannt bin: die berühmte Schublade, in der Künstler oft stecken. Für mich war das wirklich ein Hindernis.

Aber dieser Aspekt meines Werks ist öffentlich immer noch unterrepräsentiert. Von daher ist es gut, dass ich noch lebe. Wäre ich mit 70 gestorben, wäre all das unbekannt geblieben.

Benjamin Katz, „Bruxelles“ (1980)

Der Zehnjahresplan

KunstArztPraxis: Und dann gibt es noch die rund 500.000 Negative bei Ihnen im Archiv. Da braucht‘s dann ja auch noch ein bisschen Lebenszeit!

Benjamin Katz: Ja, die 140 Kisten. Wenn ich davon eine aufmache und tolle Sachen entdecke, dann schießt mir sofort durch den Kopf: Wie soll ich das noch schaffen? Das ist schon eine echte Bürde für die nächste Dekade.

„Wie gut, dass ich
immer Optimist geblieben bin.“

Benjamin Katz

Das meiste haben meine Frau und ich in den letzten Jahren zumindest zum Recherchieren schon eingescannt. Jetzt gilt es noch, eine strenge Auswahl aus dem Archiv zu treffen. Das Brauchbare wird noch professionell gescannt und erschlossen. Ich denke, da werden schon noch 100.000 Fotos übrig bleiben.

Daran arbeite ich jetzt sehr intensiv. Und ich stelle Überlegungen an, wo mein Nachlass am besten untergebracht werden könnte. Wünschenswert wäre, dass das Archiv in Deutschland bleiben könnte. Aber es gibt auch Verhandlungen mit Amerika.

Ohne Ballast durchs große Tor

KunstArztPraxis: Machen Sie denn auch noch Künstlerporträts?

Benjamin Katz: Eigentlich nicht mehr. Ganze drei waren es in den letzten vier, fünf Jahren. Künstlerporträts machen heute ja so viele. Warum soll ich das auch noch machen?

Hinzu kommt: Wenn ich ein Porträt mache, muss es gleich doppelt gelingen. Es muss mir gefallen, und es muss dem Künstler gefallen. Denn jedes Porträt, das ich mache, ist ein Porträt vom Künstler – und in gewisser Weise auch ein Selbstporträt von mir. Das erfordert eine Leichtigkeit in der Zusammenarbeit und eine Haltung und eine Energie, die ich nicht mehr aufbringen kann und will.

Den Baum muss ich nicht fragen, ob er das Bild von sich gelungen findet. Dieser Zwang ist jetzt weg, der ganze Ballast. Jetzt sind die Fotos, die ich mache, meine Fotos. Meine Landschaft, meine Stillleben, meine Entscheidungen, meine Verantwortung für Qualität.

Bei den Künstlerporträts habe ich andere begleitet. Jetzt konzentriere ich mich auf mich selbst.

Benjamin Katz in seiner Dunkelkammer, Köln 2021

KunstArztPraxis: Also ein neuer Lebensabschnitt?

Benjamin Katz: Ein neuer Lebensabschnitt. Mit der Ausstellung im Marta als Lebenselixier. Ich bin so euphorisch und begeistert von „Entdeckungen“, dass ich mich bei Telefonaten mit der Kuratorin und dem Direktor immer entschuldigen muss. Aber ich kann mich einfach nicht bremsen.

Die Ausstellung ist wie ein riesiges Tor, das sich nun öffnet. Und da geht es jetzt erst einmal neu hindurch für mich.

„Benjamin Katz. Entdeckungen“ ist vom 16. Juni bis 3. Oktober 2021 im Museum Marta in Herford zu sehen Zur Ausstellung ist ein sehr schöner Katalog erschienen.

Alle Fotos von Benjamin Katz: © VG Bild Kunst Bonn 2021

Zum ersten Mal trafen wir Benjamin Katz 2008 für ein Interview zum 70. Geburtstag von Georg Baselitz. Damals wie heute durften wir die Erfahrung machen, das ein Gespräch mit ihm eine großartige Sache ist. Bei jeder Frage mäandert Katz humorvoll und anekdotenreich durch sein faszinierendes Leben. Man bekommt keine klare Antwort, sondern – viel besser! – eine Erzählung, in der die Antwort sich versteckt. Und immer wieder geht man bereichert und beseelt und mit dem Bedauern, dass Benjamin Katz seine Autobiografie immer noch nicht geschrieben hat.

Benjamin Katz in seiner Wohnung, Köln 2021

KunstArztPraxis-Bonus-Track: Interview mit Benjamin Katz über Georg Baselitz (2008)
Homepage des Marta Herford

Katz im Marta: „Sie werden überrascht sein!“

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