Tod, Schmerz, Trauer und Verletzlichkeit: Berlinde de Bruyckere wagt sich tabulos an die großen existentiellen Themen. Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen zeigt 34 Werke der belgischen Bildhauerin der letzten 25 Jahre. Poetisch und aufwühlend. Für uns auch aus persönlichen Gründen.

Für Christiane, die so lange so tapfer war (1958-2022)

Wir von der KunstArztPraxis haben ja bekanntlich Gedächtnis für Drei.

Unsere erste nachweislich echte, da nicht durch Fotos oder Erzählungen im Nachhinein rekonstruierbare Erinnerung ist dabei die, als Fünfjährige im abgedunkelten Schlafzimmer der verdämmernden Großmutter im Beisein ihrer elf Kinder an einem Beistelltisch zur Mittagszeit jenen uns direkt vom Totenbett vorsichtig herübergetragenen Teller voll Suppe auslöffeln zu müssen, den die zum Essen bereits zu schwache, zu hilflose Sterbende Sekunden vorher verweigert hatte.

Es war die Speise einer Toten, das war uns klar; aber ihre wartenden Kinder wollten “nix verkommen loten”, wie man im Sauerländer Platt so sagt. So schluckten wir in der Grabesstille des Zimmers mit der Brühe auch etwas Angst und etwas Ekel. Dass wir zudem Hunger, Leid und Entbehrung zweier kriegsgebeutelter Generationen schluckten, begriffen wir damals nicht.

Augenblicke später war die Großmutter wirklich tot, und ihre Kinder führten uns, die nächste Generation, in unserer satten Übelkeit zu ihrem Bett.

“Als Kind war ich sehr ängstlich.”

Berlinde De Bruyckere
Berlinde De Bruyckere, “J.L.” (2006), Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen 2022

Inzwischen haben wir bereits zehn der elf Kinder der Großmutter tot gesehen – zwar nicht in verdunkelten Schlafzimmern, wohl aber im antiseptischen Neonlicht süßlich riechender Aussegnungshallen. Wir erinnern uns an jede dieser leeren Hüllen, die schönen Masken.

Vertraut durch ihre Ähnlichkeit mit uns bekannten Gesichtern. Aber zugleich unheimlich fremd wegen der unwirklich kraftlosen, von keinem Muskel mehr gestützten, komplett entspannten Züge.

Die Inszenierung von Skulpturen

Im Grunde waren all diese von fremder Hand mit einem Totenhemd bekleideten Verwandten mit ihren vom Bestatter gefalteten Händen da schon zu sanft erröteten Skulpturen ihrer selbst geworden, und wenn wir eines über ihre seelenlosen Körper mit absoluter Gewissheit sagen können, dann dies: Ihre Haut war aus Wachs.

Detail aus De Bruyckeres “Marsyas” (2020), Arp Museum, Remagen 2022

Wir haben lange darüber nachgedacht: Offenbar prägen auch diese Erinnerungsbilder von der uns wohlbekannten Künstlichkeit des Verwandten, Vertrauten die Wirkung von Berlinde De Bruyckeres grandiosem Werk auf uns. Andere mögen einen anderen Zugang haben. Wir haben eben diesen.

In unseren Augen macht die belgische Künstlerin genau das Gegenteil von dem, was der Tod macht: Der Tod macht aus Leben wächserne Skulpturen, und De Bruyckere erweckt Wachs als Skulptur zum Leben. Indem sie ihr Material nach dem entrückenden Vorbild tänzerischer Gesten zu Figuren formt – und den durchscheinenden Schichten mit roten und blauen Farbpigmenten danach malerisch zu Leibe rückt.

So entsteht im Verbund mit Tuch, Kunstharz, Eisen und melancholischer Poesie ein fast schon blutdurchströmter, muskelgespannter, teils auch deformiert-verklumpter Realismus, der sich nicht vom Tod, sondern von der Kunst her der Schnittkante zu Schmerz, Vergänglichkeit und Leiden nähert. Was Einige, so hört man, unerträglich und verstörend finden.

Berlinde De Bruyckere, “Marsyas” (2020), Arp Museum, Remagen 2022

Und es stimmt ja auch: Verstörend sind De Bruyckeres Skulpturen allemal. Das zu bemerken ist wichtig, denn das ist eine hervorstechende Qualität. Verstörend zu sein ist ja bisweilen eines der maßgeblichen Kriterien für gute Kunst. Abstoßend – ein ebenfalls hin und wieder gegen De Bruyckere vorgebrachter Vorwurf – ist das in unseren Augen aber nicht. Zumindest nicht im negativen Sinn. Ertragen sollte man das ohnehin.

In den lichtdurchfluteten Räumen im Arp Museum Bahnhof Rolandseck funktioniert das besonders gut. In “PEL” ist das, was De Bruyckere in ihren Schichtungen und Verhüllungen an Existentiellem und Unaussprechlichem herausschält, ideal inszeniert. Das Düstre und Grausame wird nicht verschleiert, aber eben auch nicht durch Dunkel unterstützt. Das Sinnliche, Poetische, Verdichtete überwiegt.

Schichtungen, Häutungen

Neben 20 Zeichnungen sind in Remagen 16 teils großformatige Skulpturen zu sehen – darunter zwei, die auf den Mythos vom Satyr Marsyas verweisen. Ihn ließ Apollon bei lebendigem Leibe häuten, weil der Künstler den Gott in seiner Hybris musikalisch herausgefordert hatte.

Aber auch Skulpturen aus neu zusammengenähten Fellen sind dabei, die an das reale Martyrium der Millionen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs zu Tode geschundenen Pferde erinnern – traurige Geschöpfe, mahnende Resonanzkörper für all die physischen und psychischen Verwundungen der Welt.

Berlinde De Bruyckere, “Lichaam (Corps)” (2002-2006), Arp Museum, Remagen 2022

“Die Haut umschließt die Seele.”

Berlinde De Bruyckere
Berlinde De Bruyckere, “Hurd II” (2014), Arp Museum, Remagen 2022

Dazu passend hängen zwei phallisch-vaginale Gebilde aus verwitterten Decken und Verbänden an der Wand, deren Skelett aus einem Pferdegeschirr besteht. In ihrer Leerstelle spiegelt sich im Kontext der gesamten Schau auch der gesichts- und geschichtslose, da ewige Kreislauf aus Werden und Vergehen.

Metzger, Jäger und Erlöser

Bei Berlinde De Bruyckere wird immer wieder gern darauf verwiesen, dass die Künstlerin aus einem Metzgershaushalt stamme. Dass ihr Vater zudem Jäger war. Und dass sie selbst im Internatsumfeld einer Klosterschule erzogen worden sei. Bestimmt hat dies ihr Interesse am Fleischlichen und Schmerzlichen befördert, das uns in “PEL” tatsächlich aus einer ebenso sachlich-kühlen wie mythisch überhöhten Perspektive entgegenkommt.

Und es ist auch wahr, dass die Künstlerin in einem Schlachthof ihrer Heimat intensiv das grausame Häuten von Tieren studiert hat wie andere zeitgenössische Bildhauer vielleicht die Schönheit der Oberfläche bei Rodin.

Aber Berlinde De Bruyckere ist trotzdem keine Schlächterin, im Gegenteil: Ihrem Werk wohnt eine fast schon jenseitige Sinnlichkeit, Zartheit und Sensibilität fürs Verletzliche inne, wie wir das kaum von anderen Künstler*innen kennen. Und wenn sie von sich sagt, in ihrer Kindheit sehr ängstlich gewesen zu sein, dann glauben wir ihr das aufs Wort.

Berlinde De Bruyckere, “PEL”, Arp Museum, Remagen 2022

 „Ich will zeigen, wie hilflos ein Körper sein kann.
Das ist aber nichts, wovor man Angst haben muss.
Es kann etwas sehr Schönes sein.“

Berlinde De Bruyckere

Vielleicht ist es ja auch die Erinnerung an unsere eigenen kindlichen Ängste, die Berlinde De Bruyckere mit ihren berührenden Skulpturen freipellt in uns? Ganz genau wissen wir das nicht. Aber wir wissen, dass sie auf höchstem Niveau figürlich existentielle Fragen stellt, die entscheidend für uns Alle sind. Zum Körper, zur Vergänglichkeit, zum Schmerz. Zum Kreislauf des Lebens.

Letzte Woche wurde das erste Kind eines Kindes der Großmutter beerdigt, ohne Aufbahrung im Schlafzimmer, ohne Aussegnungshalle, ohne Grab, verstreut im Friedwald. Im Reigen des Lebens ändern sich nur die Rituale. Der Tod aber bleibt die Suppe, die Jeder von uns über kurz oder lang wird auslöffeln müssen. Auch hierfür öffnet uns Berlinde De Bruyckere mit betörend-verstörenden Mitteln in Remagen den Blick. (22.08.2022)

“Berlinde De Bruyckere. PEL. Becoming the figure” ist noch bis zum 8. Januar 2023 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen zu sehen.

Appendix: Die Suppenteller im Küchenschrank

Wer die KunstArztPraxis kennt, der weiß, dass wir den objektiven Zufall lieben. Ein unserer Ansicht nach besonders bemerkenswerter ereignete sich während der Arbeit an diesem Text.

Nach einer Fahrt ins Sauerland, auf der wir intensiv darüber nachsannen, ob wir unsere Gedanken zu Berlinde De Bruyckere wirklich mit der doch sehr intimen großmütterlichen Suppe beginnen lassen sollten, stöberten wir aus ganz anderen Gründen in den Schränken auf dem Dachboden des betreffenden Großeltern- und Elternhauses.

Und da fiel uns am Grunde eines Schuhkartons voller Bilder plötzlich das Foto des im verdunkelten Schlafzimmer liegenden Körpers der toten Großmutter in die Hände.

Das Foto muss kurz nach dem erinnerten Ereignis mit der ausgelöffelten Suppe gemacht worden sein: vermutlich von einem der trauernden Kinder, vielleicht mit zittrigen Fingern und verweinten Augen. An dieses Foto hatten wir im Unterschied zur Suppe keinerlei Erinnerung gehabt.

Wie wir unsere Verwandtschaft kennen, stand da der leergelöffelte Suppenteller schon wieder handgespült und gut abgetrocknet bei den anderen Tellern im Küchenschrank. Im Kreislauf des Lebens hatte eine neue Runde begonnen.

Die tote und die lebende Großmutter, auch mit Christiane als Kind eines Kindes

Das Arp Museum in der KunstArztPraxis:
Paula Modersohn-Becker in Remagen: Frau = Birke
Stella Hamberg: Kraft und Sinnlichkeit
Freiheit durch Weglassen: Rodin und Arp in Remagen
Warum überflüssig? “Luxus und Glamour” in Remagen

Homepage des Arp Museums Bahnhof Rolandseck

Die Haut der Seele: Berlinde De Bruyckere in Remagen

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2 Gedanken zu „Die Haut der Seele: Berlinde De Bruyckere in Remagen

  1. In dieser Ausstellung war ich auch, ebenso beeindruckt – zumal das Nachdenken über Mensch-Tier-Verhältnisse, über Körperlichkeiten, gerade sehr mein Thema ist. Aber so gut beschreiben wie hier hätte ich meinen Eindruck nicht – und die autobiographische Kommentierung macht den Eintrag selbst zu einem Kunstwerk.

  2. Kompliment – toller Artikel! Große Klasse. Hier fühlt einer, was er sagt und erfühlt, was die Künstlerin uns zu sagen hat.
    Herzlichen Dank dafür.

    Antwort KunstArztPraxis: Und wir glauben, dass hier eine erfühlt, was wir haben sagen wollen. Das ist ja auch nicht selbstverständlich! Deshalb einen herzlichen Dank retour.

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