Holz ist starr, Keramik lebt: Aus dieser Idee vom Gegensatz zweier Materialien schafft Leunora Salihu in modularer Bauweise faszinierende Skulpturen. Das zeigt ihre Ausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden ihres ehemaligen Lehrers Tony Cragg in Wuppertal.

Schade, dass Tony Cragg schon Bildhauer geworden ist. Er hätte sonst sofort in der Anatomie-Abteilung der KunstArztPraxis anfangen können. Denn offenbar hat er den gleichen – oder doch zumindest einen ähnlichen – Blick auf Skulpturen wie wir.

Das ist uns aufgefallen, als Cragg die „Pieces“ genannten Arbeiten seiner 1977 im Kosovo geborenen Meisterschülerin Leunora Salihu umrundet hat. „Die sind zusammengesetzt wie unser Körper“, hat er danach gesagt: „mit Zellen und Muskelfasern. Die sich stützen und zusammen eine Form ergeben.“

Und damit doch so ganz anders sind als das, was wir von Cragg zu sehen gewohnt sind. Denn Cragg baut seine Körper ja keineswegs so klar und strukturiert zusammen wie Salihu ihre „Pieces“. Sondern multiperspektivisch so, dass sich beim Umrunden immer wieder ein neuer Körper – oder ein neues Gesicht – ergibt.

Tony Cragg umrundet fachmännisch Leunora Salihus „Welle“ (2020)

Suche nach neuen Formen

Ein paar Dinge aber haben Cragg und Salihu trotzdem gemeinsam: Beide wollen Formen schaffen, die es so noch nicht gegeben hat. Und beide haben ein großes Talent für einen besonders subtilen, empfindsamen Umgang mit dem Material. Am liebsten würden wir hier von Empathie für Materialien sprechen. Geht natürlich nicht.

Wenn es aber ginge, hätte Salihu vor allem Empathie für Keramik: Deren vielschichtigen Eigenschaften nutzt sie für Muskeln oder Organe, die sie mit einem Skelett aus Holz kombiniert. Interessant ist der Werkstoff für sie vor allem deshalb, weil er sich leicht mit Händen formen oder ritzen lässt, bevor er im Brennprozess erhärtet. Und „roh“ belassen oder mit einer neuen Haut glasiert werden kann.

Leunora Salihu hinter ihrer Skulptur „Urraum“ (2019)

Prozesse als Energie gespeichert

Nicht nur auf eine symbolische Weise fasziniert Salihu Keramik, „weil sie bis zum Ergebnis von feucht und erdig bis fragil und trocken viele Prozesse durchmacht“, wie sie sagt. All diese Zustände sind für sie auch im Endergebnis noch gespeichert.

Dem gegenüber hat das Holz bei ihr kein Eigenleben, keine Maserung. Denn Salihu verwendet für ihre Skulpturen MDF-Platten wie aus dem Baumarkt. „Die Platten sollen sich der Keramik unterordnen“, sagt sie dementsprechend. Das Holz-Skelett darf nur stützen, was eigentlich lebt.

„Es kommt immer der Moment,
wo die Skulptur etwas von einem will.“

Leunora Salihu

Gegensätze im Bild verdichten

Durch diesen Umgang mit stofflichen Polaritäten schafft Salihu hybride Wesen zwischen Wärme und Kälte, Energie und Erstarrung, Skulptur und Architektur, industrieller Konstruktion und atmendem Organismus.

Stücke, deren Titel wie „Turm“ oder „Bogen“ an die Urformen menschlicher Baukunst gemahnen. Oder an eine Geburtszelle: wie beim ovalen „Urraum“ im Außenbereich, der jeden Moment beginnen könnte, sich schaukelnd zu wiegen.

Die Halle als Resonanz- und Lebensraum

„Ich suche etwas Überzeitliches in Form und Material, gepaart mit zeitlichen Aspekten der Bewegung“, sagt Salihu. Es reize sie, „solche Gegensätze in einem klaren Bild zu verdichten“.

So entsteht bei jedem der „Pieces“ ein ganz spezieller Rhythmus, der auf die Umgebung reagiert. Das Phänomen könnte man mit einem Werktitel Salihus als „Resonanz“ bezeichnen. In diesem Sinn ist die obere, neun Meter hohe Glashalle im Skulpturenpark Waldfrieden für die „Pieces“ der ideale Resonanz- und Lebensraum.

Leunora Salihu, „Pieces“, Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal 2021

Mit Leichtigkeit geerdet

Anders als bei Cragg, dessen oftmals beeindruckend pompöse, eher fließende Formen sich im Resonanzraum stetig nach oben schrauben, zerdehnen oder zu allen Seiten streben, bleiben Salihus fragile, modular konstruierte „Pieces“ selbst in der Bewegung irgendwie bescheiden bei sich.

Geerdet wie jener „Wellenlänge“ genannte Keramik-Anker, der den Boden der Halle einerseits scheinbar durchbrechen will, andererseits aber mit einer Leichtigkeit ausgestattet ist, die die himmelstürmende Schwere von Craggs Skulpturen im Park draußen kontrapunktiert.

Und der zudem auch eine Antenne sein könnte für die Schwingungen im Raum.

Dabei ist das eine in unseren Augen nicht weniger spektakulär als das andere. Denn eigentlich mögen wir beide Positionen in ihrer ganzen ähnlichen Gegensätzlichkeit sehr.

Deshalb sind wir natürlich froh, dass Tony Cragg Bildhauer bei sich und kein Anatom bei uns geworden ist. Und ziehen unser ohnehin eher halbherziges Jobangebot von vorhin hiermit offiziell wieder zurück. (17.05.2021)

„Leunora Salihu. Pieces“ läuft noch bis zum 20. Juni 2021 im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal.

Homepage des Skulpturenparks Waldfrieden

Leunora Salihu: Empathie für Keramik

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